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Syrische Kurden flüchten in die Türkei.

Türkische Geiseln wieder frei

Obama will globalen Kampf gegen IS-Terror

Istanbul - US-Präsident Obama will eine weltweite Allianz gegen die Terrormiliz IS schmieden. Vor deren Vormarsch fliehen Zehntausende Kurden in die Türkei. Aus Ankara kommt aber auch eine Erfolgsmeldung.

Vor der UN-Generalversammlung in der kommenden Woche werben die USA für ein globales Bündnis im Kampf gegen die Terrormiliz Islamischer Staat (IS). „Das hier ist nicht Amerika gegen den Islamischen Staat“, sagte US-Präsident Barack Obama am Samstag in einer Rundfunkansprache in Washington. „Das ist die Welt gegen den Islamischen Staat.“ Mehr als 40 Länder unterstützten mittlerweile die Koalition gegen den IS. Auf der am Mittwoch beginnenden UN-Vollversammlung wolle er um weitere Unterstützer werben.

49 Geiseln befreit

Nach mehr als drei Monaten in der Gewalt der IS-Terroristen sind 46 türkische und 3 irakische Geiseln wieder frei. Der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan teilte mit, der Geheimdienst MIT habe die Geiseln während einer nächtlichen „Rettungsoperation“ befreit. Die Terrormiliz hatte die Türken in ihre Gewalt gebracht, als sie am 11. Juni das Konsulat im nordirakischen Mossul stürmte.

Die befreiten türkischen Geiseln trafen am Samstag in ihrer Heimat ein. Die Zeitung „Hürriyet Daily News“ zitierte eine Geheimdienstquelle, wonach kein Lösegeld geflossen und auch kein Gefangenenaustausch vereinbart worden sei. Wie die Türkei die Extremisten zur Übergabe der Geiseln brachte, blieb unklar.

Im benachbarten Syrien führte der jüngste IS-Vormarsch zu einer neuen Flüchtlingswelle. 45 000 Kurden seien vor den Extremisten in die Türkei geflohen, sagte der türkische Vize-Ministerpräsident Numan Kurtulmus. Am Freitag hatte die Türkei ihre Grenze geöffnet, nachdem sich aus Angst vor IS-Massakern Tausende Menschen davor versammelt hatten.

Gefechte zwischen IS-Kämpfern und Kurden dauern an

Die Extremisten hatten bis Freitag nach dem Rückzug kurdischer Volksschutzeinheiten die Kontrolle über mehr als 60 Dörfer an der Grenze zur Türkei übernommen. Die Orte liegen rund um die Stadt Ain al-Arab (Kurdisch: Kobane). Gefechte zwischen IS-Kämpfern und kurdischen Einheiten dauerten auch am Samstag an, teilte die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte mit.

Die Enklave Ain al-Arab war bisher unter Kontrolle der Volksschutzeinheiten, die der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK nahe stehen. Am Donnerstag hatten IS-Kämpfer einen Angriff auf die Region rund um Ain al-Arab begonnen. Die IS-Extremisten beherrschen im Irak und in Syrien rund ein Drittel der Fläche beider Länder. Dort haben sie ein „Islamisches Kalifat“ ausgerufen.

USA fliegen Luftangriffe auf Mossul

Im Irak hatten die USA ihre Luftangriffe gegen IS-Stellungen weiter ausgeweitet. Am Samstag flogen sie nach Augenzeugenberichten erstmals Angriffe unmittelbar im Stadtzentrum von Mossul. Die 400 Kilometer nördlich von Bagdad gelegene Stadt ist eine Hochburg der Terrormiliz. Extremisten hatten sie Mitte Juni in einem Blitzangriff eingenommen und von dort aus weitere Teile des Iraks erobert. Bislang hatten die USA vor allem das Umland von Mossul bombardiert. Am Freitag waren dabei nach Berichten von Augenzeugen mindestens 22 IS-Kämpfer ums Leben gekommen.

In New York war am Freitag der UN-Sicherheitsrat zu einer Sondersitzung zusammengekommen. In einer gemeinsam verabschiedeten Erklärung verurteilte das Gremium die Tötungen, Vergewaltigungen, Entführungen und Folter der Terrormiliz auf das Schärfste. Die Verantwortlichen müssten zur Rechenschaft gezogen werden, heißt es in dem Papier. Einige der Verbrechen „könnten Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit darstellen“.

Merkel verteidigt deutsches Nein

Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) sagte am Rande der Sitzung in New York, alle Staaten müssten gemeinsam gegen die Bedrohung der Dschihadisten vorgehen. „Staaten wie Russland, China und selbst der Iran haben auf das Schärfste verurteilt, was wir dort im Mittleren Osten an Rückkehr der Barbarei erkennen müssen“, sagte Steinmeier. Das sei ein gutes Zeichen, dass ein breites Bündnis gegen die Terroristen gelingen könne.

Als erster Staat nach den USA hatte Frankreich am Freitag begonnen, Stellungen der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) im Irak zu bombardieren. Kanzlerin Angela Merkel verteidigte das Nein zu einer Beteiligung Deutschlands an den Luftangriffen gegen die Islamisten. Politisches Handeln sei genauso wichtig wie Luftschläge, sagte Merkel am Freitagabend auf dem Deutschlandtag der Jungen Union im bayerischen Inzell.

US-Außenminister Kerry fordert „globale Kampagne“ gegen IS-Terror

US-Außenminister John Kerry hat vor dem UN-Sicherheitsrat in New York eine „globale Kampagne“ im Kampf gegen die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) gefordert. „Der IS stellt eine Gefahr für uns alle dar“, sagte Kerry bei einer Sondersitzung des Gremiums am Freitag. Bei der von ihm geforderten Kampagne gehe es nicht nur um militärische Aspekte. „Jedes Land hat dabei eine Rolle zu spielen, auch der Iran.“ Die Angelegenheit sei dringend. Der iranische Vizeaußenminister Abbas Araghchi sagte der irakischen Regierung bei der Sitzung die Unterstützung seines Landes zu.

„In einer Region, die schon so viel Gewalt erlebt hat, sind diese Terroristen einzigartig in ihrer Brutalität“, sagte Kerry. „Wir dürfen den Moment nicht verpassen.“ In einer gemeinsam verabschiedeten Erklärung verurteilte das mächtigste UN-Gremium die Tötungen, Vergewaltigungen, Entführungen und Folter der Terrormiliz auf das Schärfste. Die Verantwortlichen müssten zur Rechenschaft gezogen werden, heißt es in dem Papier. Einige der Verbrechen „könnten Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit darstellen“.

Steinmeier (SPD), der wie zahlreiche andere seiner Amtskollegen zu der Sitzung extra nach New York gereist war, sagte Deutschlands Unterstützung beim Kampf gegen die Terrormiliz zu. Neben humanitärer und militärischer Unterstützung müsse es auch eine gemeinsame politische Strategie in Bezug auf Syrien und den Irak geben. Außerdem müsste der Strom von ausländischem Geld und Kämpfern zur IS gestoppt werden. „Deutschland ist bereit, seinen Teil beizutragen und zusammenzuarbeiten“, sagte Steinmeier. „Wenn wir hier zusammenkommen, werden wir eine neue Ebene der Kooperation erreichen und Erfolg haben.“

US-Senat setzt Belohnung auf Mörder von Foley und Sotloff aus

Der US-Senat hat ein Gesetz beschlossen, dass eine Belohnung von zehn Millionen Dollar (7,8 Millionen Euro) für Informationen aussetzt, die zur Ergreifung der Entführer und Mörder der beiden US-Journalisten James Foley und Steven Sotloff führen. Das Gesetz, das noch der Zustimmung des Repräsentantenhauses bedarf, aktualisiert ein Programm des Justizministeriums für Belohnungen zur Ergreifung gesuchter Personen. Die Dschihadistengruppe Islamischer Staat (IS) hatte Ende August und Anfang September Videos veröffentlicht, die die Enthauptung von Foley und Sotloff zeigten.

"Eine Art, das Andenken an James Foley und Steven Sotloff zu bewahren, ist, ihre bösen Mörder zur Verantwortung zu ziehen", sagte der Senator Marco Rubio, der das Gesetz eingebracht hatte. "Unser Land hat zwei der Eigenen verloren und wir müssen alles Mögliche tun, um die Terroristen, die diese Gräueltaten begangen haben, zur Verantwortung zu ziehen", sagte die Senatorin Jeanne Shaheen. Seit der Schaffung des Rewards for Justice Program des US-Justizministeriums 1984 wurden rund 125 Millionen Dollar ausgezahlt für Informationen zur Ergreifung von mehr als 80 gesuchten Straftätern.

Dschihadisten: 13-Jähriger zieht aus Deutschland in die Schlacht

Dem „Dschihad“ in Syrien und dem Irak schließen sich nicht nur Jugendliche aus Deutschland an, sondern auch Kinder. Der Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz, Hans-Georg Maaßen, sagte der „Rheinischen Post“: „Nach unseren Erkenntnissen sind mindestens 24 Minderjährige nach Syrien und in den Irak ausgereist.“ Der Jüngste sei 13 Jahre alt. Fünf Minderjährige seien inzwischen mit Kampferfahrung nach Deutschland zurückgekehrt.

Unter den Jugendlichen, die sich den Terroristen angeschlossen hätten, seien vier Mädchen. Diese seien mit einer „romantischen Vorstellung einer Dschihad-Ehe“ ausgereist. Sie heirateten laut Verfassungsschutz Kämpfer, die sie über das Internet kennengelernt hatten.

Für Polizei und Verfassungsschutz sei es fast unmöglich, die Möchtegern-„Dschihadisten“ vor deren Ausreise zu identifizieren. „Wir erfuhren von manchen erst durch nachrichtendienstliche Erkenntnisse von Partnerdiensten oder weil Eltern ihre Kinder als vermisst meldeten“, sagte Maaßen der Zeitung.

AFP/dpa

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