Drohende Eroberung durch Dschihadisten

Erdogan fordert Bodenoffensive in Kobane

Ankara/Kobane - Angesichts des Einrückens der Dschihadisten-Miliz Islamischer Staat (IS) in die Kobane wächst die Furcht vor einem Fall der strategisch bedeutsamen Kurdenhochburg.

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan warnte am Dienstag, die nordsyrische Grenzstadt stehe "vor dem Fall" und sprach sich für einen internationale Bodenoffensive aus. Auch der UN-Syriengesandte Staffan de Mistura forderte eine sofortige internationale Intervention zur Rettung Kobanes.

Nach Angaben von Aktivisten lieferten sich IS-Kämpfer und Kurden erbitterte Straßenkämpfe im Süden und Westen der Stadt an der türkischen Grenze. Die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte erklärte, die Dschihadisten hätten trotz erneuter Luftangriffe der US-geführten internationalen Militärallianz mehrere Gebäude in ihre Gewalt gebracht. AFP-Reporter auf der türkischen Seite der Grenze berichteten von mindestens acht Luftangriffen.

Die US-Streitkräfte erklärten am Mittag, dass bei fünf Angriffen am Montag und Dienstag mehrere Fahrzeuge, Luftabwehrgeschütze sowie ein Panzer und eine "Dschihadisteneinheit" beschädigt oder zerstört worden seien. Der kurdische Aktivist Mustafa Ebdi sagte jedoch, die Luftangriffe hätten wenig bewirkt. Sie hätten lediglich ein Plateau südlich von Kobane getroffen, wo sich keine IS-Kämpfer aufhielten. Er sagte, die Kurden blieben aber optimistisch, Kobane halten zu können.

Ankara hat bisher nicht eingegriffen

Die auf Arabisch Ain al-Arab genannte Stadt liegt direkt an der Grenze zur Türkei. Ankara hat zwar Truppen zusammengezogen, bisher jedoch nicht in die Kämpfe eingegriffen. Der türkische Präsident Erdogan sagte bei einem Besuch in einem Flüchtlingslager im südtürkischen Gaziantep, Kobane stehe kurz "vor dem Fall". Er bekräftigte seine Forderung nach einer internationalen Bodenoffensive gegen die IS-Miliz. "Der Terror wird mit Luftangriffen nicht aufhören", warnte Erdogan.

Auch der UN-Sondergesandte für Syrien, Staffan de Mistura, forderte eine internationale Intervention. "Die Welt, wir alle, werden zutiefst bedauern, wenn sich der IS einer Stadt bemächtigt, die sich derart mutig verteidigt", erklärte de Mistura. "Wir müssen jetzt handeln." Trotz der Luftangriffe seien die Kurden weiter im Nachteil, weil sie nur leichte Waffen hätten, während die Dschihadisten über Panzer und Mörser verfügten.

Mit der kompletten Einnahme Kobanes würden die Dschihadisten einen langen Abschnitt entlang der türkisch-syrischen Grenze kontrollieren. Laut der Beobachtungsstelle wurden bei den Gefechten um Kobane bereits mindestens 412 Menschen getötet, darunter rund 20 Zivilisten. Mehr als 300.000 Menschen flohen vor den Kämpfen, rund zwei Drittel von ihnen in die Türkei. Das Weiße Haus bekräftigte seine "tiefe Besorgnis" über das Schicksal der bedrohten Zivilisten.

Drei Tote bei Protesten in der Türkei

In der Türkei gingen am Dienstag in zahlreichen Städten prokurdische Demonstranten aus Proteste gegen die Tatenlosigkeit der türkischen Regierung in Kobane auf die Straße. In Diyarbakir wurden zwei Menschen getötet und zehn weitere verletzt, als islamistische Gruppen das Feuer auf die Demonstranten eröffneten. In der südöstlichen Stadt Mus starb ein 25-Jähriger bei Zusammenstößen mit der Polizei. Auch in Istanbul setzte die Polizei Tränengas und Wasserwerfer ein, ein Demonstrant wurde durch einen Kopfschuss schwer verletzt.

Auch in Europa verlangten Kurden mehr Unterstützung für den Kampf gegen den IS. Mehrere Dutzend Demonstranten drangen in das Europaparlament in Brüssel ein, um auf die Lage in Kobane aufmerksam zu machen. Auch in Deutschland gab es in verschiedenen Städten Protestaktionen.

AFP

Rubriklistenbild: © dpa

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