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Donald Trump bei einem Wahlkampf-Event in Pennsylvania.

Harter Kurs gegen den Islam

Amerikas Muslime und die Furcht vor Donald Trump

Chicago - Vor der US-Wahl sorgen sich amerikanische Muslime zunehmend – und fürchten einen möglichen Präsidenten Donald Trump.

Update vom 9. November 2016: Donald Trump ist zum 45. Präsidenten der US gewählt. Wir haben seine politischen Ziele zusammengefasst. Unser US-Korrespondent kommentiert die Wahl des Republikaners.

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Update vom 27. September 2016: Das erste TV-Duell zwischen Trump und Clinton ist vorbei. Unser US-Korrespondent macht den Schnellcheck: So schlugen sich die Präsidentschaftskandidaten.

Als vor einer Woche in New York City eine Bombe explodierte und 29 Menschen verletzt wurden, begann parallel zur Jagd auf den Täter der Kampf um die Deutungshoheit. Während die demokratische Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton zunächst Deckung hinter noch fehlenden Ermittlungsergebnissen suchte, schlug Donald Trump zu – so hart und so schnell er konnte. „Das ist etwas, das im ganzen Land vielleicht öfter passieren wird“, prophezeite er. Schließlich seien in den vergangenen Jahren „Tausende dieser Leute“ in die USA eingereist. Verantwortlich seien die Regierung Barack Obamas und seine Konkurrentin Clinton. Dass der mutmaßliche Täter Muslim ist, und dass zumindest seine Eltern vor vielen Jahren in das Land eingewandert sind: Für Trump ein gefundenes Fressen.

In seinem Wahlkampf hatte der republikanische Kandidat früh auf harte Rhetorik gegen Einwanderer, Flüchtlinge und Muslime gesetzt. Im Dezember 2015 forderte er ein Einreiseverbot für Menschen islamischen Glaubens, sein Sohn Donald John junior verglich Syrer zuletzt sogar mit vergifteten Kaubonbons. Geschadet hat das Trump nicht. Im Gegenteil: Clintons Vorsprung ist über den Spätsommer zusammengeschmolzen, einige Umfragen sehen Trump sechs Wochen vor der Wahl wieder gleichauf. Und Amerikas Muslime sorgen sich zunehmend über die Richtung, in die das Land steuern könnte.

Es liegt nicht an der unerbittlich blasenden Klimaanlage im Besprechungszimmer einer Chicagoer Bibliothek, dass Suzanne Sahloul ein Kopftuch trägt. 1982 ist sie als Kind mit ihrer Familie aus Syrien eingewandert, ihre Mutter ist Kanadierin. Die 44-Jährige ist Muslima, hat das „Syrian Community Network“ in Chicago gegründet. Wenn sie über die USA spricht, sagt sie „wir“, sie hat in Chicago studiert und lebt mit ihrer Familie im Westen der Stadt. Doch amerikanische Muslime wie sie würden in den Medien oft als „die anderen“ dargestellt, „als unamerikanisch, sogar unmenschlich“. Dass Trump nun mit einem Anti-Islam-Kurs tatsächlich der nächste Präsident werden könnte, mache ihr Angst. Allein, dass er es zum Kandidaten bringen konnte, habe sie „komplett geschockt“.

Vor seiner Kandidatur fiel Donald Trump nicht als islamfeindlich auf

Nur etwa ein Prozent der US-Bevölkerung ist islamischen Glaubens. Und Diskriminierung von Minderheiten habe es in den USA schon immer gegeben, sagt Ousamma Jamal, der Präsident einer der größten Moschee-Gemeinschaften des Landes. „Die Juden, die Iren, die Afro-Amerikaner. Jeder musste da durch.“ Verglichen mit anderen Orten der Welt gehe es Muslimen in den USA aber gut. Doch nun mache ihm „die Art, wie Trump mit Minderheiten umgeht, Angst“. Dabei sei der Milliardär vor seiner Kandidatur gar nicht als islamfeindlich aufgefallen. „Aber er hat gemerkt, dass das in Zeiten von IS und Terror seine beste Karte ist.“ Dass Trump das ausnutze, habe ihn nicht überrascht. „Erschreckend ist die große Basis, die auf ihn anspringt.“

Beim ersten TV-Duell mit Clinton am Montag wird Trump vermutlich wieder alles versuchen, um genau diese Basis zu stärken. Man darf dabei einiges erwarten von einem Mann, der in der Vergangenheit Sätze gesagt hat wie diesen: „Der IS verehrt Präsident Obama. Dieser ist der Gründer des IS. (…) Und ich würde sagen, die Co-Gründerin ist die korrupte Hillary Clinton.“ Einen Faktencheck, der während des Duells falsche Aussagen der Kandidaten aufdecken soll, lehnt Trump ab.

Dass die Stimmung in Teilen des Landes tatsächlich kippen kann, hat Muslima Hind Makki schon erlebt. In den späten 70ern waren ihre Eltern aus dem Sudan in die USA gekommen. „Wir sind später nach Bridgeview gezogen, weil es die größte Muslim-Gegend im Land ist.“ Der Ort am Stadtrand von Chicago wird auch „Klein-Palästina“ genannt. „Als ich hier aufwuchs, lebten wir Muslime für uns, wie in einer Blase“, erzählt die 32-Jährige. Dann kam der 11. September 2001, der islamistische Anschlag auf das World Trade Center in New York. „Danach marschierten Leute durch die Straßen und zerstörten arabische Geschäfte. Sie hörten nicht auf, bis die Polizei kam. Eine Woche konnten wir nicht zur Arbeit gehen, die Schulen hier waren geschlossen.“ Für sie waren das Angriffe aus dem eigenen Land. „Ich fühle mich hundertprozentig amerikanisch“, betont die Muslima.

Auch nach dem IS-Attentat in Paris im November 2015 registrierte der islamische Dachverband CAIR eine Häufung von Gewalttaten gegen Muslime oder ihre Einrichtungen in den USA. Und erst vor zwei Wochen gab es einen Brandanschlag auf eine Moschee in Florida. Sie war regelmäßig von dem Mann besucht worden, der im Juni in einem Homosexuellenklub in Orlando 49 Menschen erschoss.

Trotz solcher Vorfälle glaubt Felicia Escobar nicht, dass die amerikanische Bevölkerung in den letzten Jahren muslim- oder fremdenfeindlicher geworden ist. Escobar arbeitet für den Präsidenten der Vereinigten Staaten, sie ist Barack Obamas „Special Assistant“ in Immigrationsfragen. Was man derzeit erlebe, „das war immer da“, sagt sie. „Es findet nun nur öffentlicher statt.“ Letztlich handele es sich um einen kleinen Teil der Bevölkerung. „Sie haben jetzt nur ein größeres Mikrofon.“ Den Namen Trump nennt sie nicht.

Fred Turner: Donald Trump ist "Faschist unserer Zeit"

Fred Turner, Professor an der Universität Stanford, bezeichnet den republikanischen Kandidaten in einem Gastbeitrag für die „Zeit“ hingegen sogar als einen „Faschisten unserer Zeit“. Ganz wie Hitler und Mussolini zelebriere Trump „eine fiktive Vergangenheit, in der seine Nation groß war“. Zudem seien sein Rassismus und seine Fremdenfeindlichkeit notorisch. Trump habe angedeutet, „dass seine Regierung Moscheen auch ohne richterlichen Beschluss durchsuchen lassen würde und dass Muslime Ausweispapiere mit sich führen müssten, auf denen ihre Religionszugehörigkeit verzeichnet ist. Im vergangenen Jahr schien er sogar über die Möglichkeit nachzudenken, Internierungslager einzurichten.“

Doch ist es nicht zu einfach, Trump als populistischen Rassisten abzutun? Geht nicht von den insgesamt 110 000 Flüchtlingen, die die USA im kommenden Jahr aufnehmen wollen, tatsächlich eine Gefahr für das Land aus, das zum ersten Mal seit 2001 wieder eine islamistische Terrorattacke in seiner wichtigsten Metropole erleiden musste?

„Die Amerikaner leben in Angst vor Terroristen“, sagt David Murphy. Der großgewachsene Mann, der ein wenig an US-Außenminister John Kerry erinnert, ist der Leiter des „International Rescue Comitee“ im kalifornischen San Diego – eine der nichtstaatlichen „Resettlement Agencys“ die im US-System die Verteilung der Flüchtlinge auf das Land durchführen. Man möge ihn nicht falsch verstehen, sagt Murphy. „Ich will auch nicht, dass ein Terrorist ins Land kommt.“ Europa, findet er, hat ein ernsthaftes Problem. „Viele Menschen sind dort ungeprüft reingekommen.“ Auf sein Land treffe das aber nicht zu. Die von zwei Weltmeeren abgeschotteten USA können sich tatsächlich aussuchen, wer – etwa aus Camps in Jordanien – als Flüchtling kommen darf. Und niemand werde so durchleuchtet wie diese Menschen, sagt Murphy. „Aber die Leute verstehen oft nicht, dass die Flüchtlinge durch solche Sicherheits- checks gehen.“

Letztens musste er eine Pressekonferenz geben, weil der 10 000. Syrer in den USA angekommen war. Der TV-Sender NBC war da, CNN auch, das Lokalfernsehen und der Rotary Club. „Da musste ich auch wieder erklären, wie das alles überhaupt läuft.“ Muslimische Flüchtlinge seien hier gerade einfach ein leichtes Ziel. Denn: „Viele Amerikaner haben keine Ahnung, wie das System funktioniert.“ Wenn noch ein Präsident namens Trump dazu käme: „Es würden verrückte vier Jahre.“

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