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Der Rückkehrer: Max Mannheimer hat viele Gruppen als Zeitzeuge durch die Dachauer KZ-Gedenkstätte geführt. Hier war er kurze Zeit Häftling.

Zum Tode Max Mannheimers

Das Vermächtnis des Brückenbauers

München - Die Welt hat einen Mann verloren, der unermüdlich gegen das Vergessen gekämpft hat. Der Holocaust-Überlebende Max Mannheimer war ein Mahner, ein Versöhner, ein Brückenbauer. Er konnte nicht damit aufhören, über die Vergangenheit zu sprechen – aus Sorge um die Zukunft.

Der wichtigste Abschnitt in Max Mannheimers Leben beginnt mit Baldriantropfen. Die Aufregung ist zu groß, sein Herz klopft wild. Es ist 1986 und der Tag, an dem er das erste Mal in die Vergangenheit zurückreisen wird. Gemeinsam mit einigen Jugendlichen, die den Holocaust nur aus ihren Geschichtsbüchern kennen. Max Mannheimer soll ihnen das berichten, was nicht in den Büchern steht. Seine Geschichte. Eine Überlebensgeschichte. Er soll über Erinnerungen sprechen, die so schmerzhaft sind, dass er vier Jahrzehnte über sie geschwiegen hat. Er weiß nicht, ob er es schaffen wird, als er auf dem Stuhl im Klassenzimmer Platz nimmt. Aber er weiß, dass er es unbedingt schaffen will. Mit fester Stimme beginnt er zu erzählen. Es ist der Moment, in dem aus dem Holocaust-Überlebenden Max Mannheimer ein Brückenbauer wird.

In den vergangenen 30 Jahren hat Max Mannheimer viele Brücken in die Vergangenheit gebaut. Er hat jede Gelegenheit genutzt, seine Geschichte zu erzählen – besonders vor jungen Menschen. „Das letzte Drittel meines Lebens scheint mir das Wichtigste zu sein“, sagte er einmal. Das Reden wurde eine Therapie. Eine Herzenssache. Er selbst nannte es anders: „Eine unumgängliche Pflicht.“

Am Freitag hat die Welt Max Mannheimer verloren. Er starb im Alter von 96 Jahren in München. Ein langes Leben – und immer hat er gekämpft. Erst ums Überleben. Dann gegen seine Erinnerungen. Das letzte Drittel seines Lebens gegen das Vergessen.

Max Mannheimer ist ein junger Mann, als er fast seine  ganze Familie auf einmal verliert. Es ist die Nacht des 2. Februar 1943, als der Zug mit kreischenden Bremsen im KZ Auschwitz-Birkenau hält. Ein SS-Offizier schickt seine Eltern, seine Frau Eva, seine Schwester Käte direkt in die Gaskammern. Nur Max und seine Brüder Ernst und Edgar landen in der linken Reihe. Links bedeutet Zwangsarbeit. Ernst wird bald darauf schwer krank und ermordet. Nur Max Mannheimer und sein Bruder Edgar überleben Auschwitz, später die Lager in Warschau, Dachau und die Zwangsarbeit in Karlsfeld und Mühldorf. Als sie am 30. April 1945 auf einem Evakuierungstransport von den Amerikanern befreit werden, wiegt Max Mannheimer nur noch 47 Kilo und ist an Typhus erkrankt. Er ist 25 Jahre alt – und rechnet nicht damit, dass er noch viel Leben vor sich hat. „Wenn ich 40 Jahre alt werde, bin ich zufrieden“, sagt er.

1945 hatte er gehofft, dass die Welt niemals vergessen wird, was in Auschwitz, Dachau und den vielen anderen Konzentrationslagern passiert ist. Für sich selbst hat er sich etwas anderes gewünscht: seine Erinnerungen an diese Zeit verlieren zu können. „Glücklich sind die Leute, die vergessen können“, sagte er einmal. „Leider ist es bei mir so, dass ich sogar die ganzen Details unauslöschlich in meinem Gedächtnis gespeichert habe.“ Max Mannheimer hat Jahrzehnte gebraucht, bis er mit diesen Erinnerungen umgehen konnte.

Er kehrt 1945 in seine Heimat Neutitschein im heutigen Tschechien zurück und schwört sich, nie wieder deutschen Boden zu betreten. Doch es kommt anders: Mannheimer verliebt sich ausgerechnet in eine Deutsche – Elfriede Eiselt. Eine Widerstandskämpferin, ihre Familie hatte während der NS-Zeit Juden versteckt. Für Max Mannheimer ist sie eine Heldin. Mit ihr und der gemeinsamen Tochter Eva kehrt er zurück nach München.

Zunächst schwieg er über seine Erinnerungen 

Über seine Erinnerungen schweigt er. Selbst viele Jahre später – er ist bereits Großvater – fragt ihn seine Enkeltochter, warum er fünf Zahlen auf den Unterarm eintätowiert hat. 99728 – seine Häftlingsnummer. Alles, was in den Konzentrationslagern von seiner Persönlichkeit, seiner Würde übrig geblieben war. Mannheimer lächelt seine Enkelin an und sagt: „Das ist die Telefonnummer von einem sehr guten Freund. Ich will sie auf keinen Fall vergessen.“

Erst als seine Frau Mitte der 60er-Jahre stirbt und er selbst glaubt, schwer krank zu sein, beginnt er, seine Erinnerungen aufzuschreiben – für seine Tochter. Und dann, in den 80er-Jahren, kommt der Tag, an dem er das erste Mal den Mut fasst, darüber zu sprechen. Vor einer Schulklasse.

Es gibt einen Satz, den er jedes Mal sagte, wenn er vor Jugendlichen sprach. Dieser Satz war Mannheimers Botschaft, sein Appell: „Ihr seid nicht verantwortlich für das, was passiert ist. Ihr seid verantwortlich für die Zukunft.“ Es war ein Satz, den er sich nicht traute, nicht zu sagen. Ist die Welt nach Auschwitz und Dachau besser geworden? Sind wir wachsam genug? – Das waren Fragen, mit denen sich Max Mannheimer bis zuletzt beschäftigte. Wegen der NSU-Morde, wegen Pegida, wegen brennender Flüchtlingsheime und ausländerfeindlicher Parolen.

Wegen seiner Zweifel hat er vor drei Jahren einen Brief geschrieben. An die Bundeskanzlerin persönlich. Er hat Angela Merkel nach Dachau eingeladen – um mit ihr die größtmögliche Aufmerksamkeit nach Dachau zu holen. Merkel hat die Einladung angenommen. Sie hat als erste amtierende Regierungschefin eine KZ-Gedenkstätte besucht, gemeinsam mit Mannheimer einen Kranz niedergelegt und mit Überlebenden gesprochen. „Eine Ehre für uns“, sagte Mannheimer damals. „Und ein wichtiges Zeichen.“

Mannheimers Vermächtnis setzt sich aus vielen dieser Momente zusammen. Er hat keinen Unterschied gemacht, ob er Jugendliche oder die Bundeskanzlerin vor sich hatte, wenn er von seinen Erinnerungen sprach und für Demokratie kämpfte. Die Baldriantropfen brauchte er nach diesem einen ersten Vortrag nie wieder. „Ihr braucht euch nicht scheuen, ihr dürft alles fragen“ – diesen Satz hat er in vielen bayerischen Schulen gesagt. Es kamen immer Fragen.

Eine mochte er besonders: „Wie denken Sie über Neonazis?“ Denn auf diese Frage konnte er mit einer seiner Lieblingsgeschichten antworten. Es ist die Geschichte von Timo, einem Jugendlichen, dem er einmal bei einer Führung in der KZ-Gedenkstätte Dachau kennengelernt hatte. Die Haare abrasiert, in den Springerstiefeln weiße Schnürsenkel. „Er ist mir den ganzen Tag nicht von der Seite gewichen“, erzählte Mannheimer. Nach der Führung sagte Timo seiner Lehrerin, er glaube, Max Mannheimer habe Angst vor ihm. Mannheimer schmunzelte, wenn er das erzählte, dann sagte er: „Ich habe meine ganze Angst bereits in Auschwitz verbraucht.“

Jahre später erfuhr er, dass ausgerechnet dieser junge Mann eine israelische Flagge in seiner Wohnung hängen hatte und glücklich mit einer Polin zusammenlebte. Geschichten wie diese trieben Max Mannheimer an. Noch in den Wochen vor seinem 95. Geburtstag besuchte er Schulklassen. Er konnte und wollte mit dem Erinnern nicht aufhören. Zu sehr wünschte er sich, dass die Welt, die er irgendwann verlässt, aus der Geschichte gelernt hat.

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