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Alexander van der Bellen (l.) und Norbert Hofer.

Die Welt blickt nach Wien

Österreich wählt am Sonntag: Hofer oder van der Bellen?

München - Am Sonntag wählt Österreich einen neuen Bundespräsidenten. Europa blickt nach Wien. Gewinnt FPÖ-Kandidat Norbert Hofer? Oder Alexander van der Bellen (Ex-Grüner)? 

Update vom 4. Dezember 2016: Van der Bellen oder Hofer? Wir berichten im Live-Ticker von der Bundespräsidentenwahl in Österreich. Wir zeigen und erklären die letzten Umfragen und Prognosen vor der Österreich-Wahl. Außerdem erklären wir, wann es die ersten Ergebnisse gibt. Und: Wir haben zusammengefasst, wie Sie die Berichte zur Österreich-Wahl heute live im TV und im Live-Stream sehen können.

Update vom 27. Oktober 2016: Am 4. Dezember wird in Österreich die Bundespräsidenten-Stichwahl zwischen Alexander van der Bellen und Norbert Hofer wiederholt. Wir zeigen Ihnen aktuelle Umfragen und Prognosen zur Bundespräsidentenwahl 2016 in Österreich.

Update vom 12. September 2016: Der Termin für die Neuwahlen in Österreich verschiebt sich: Grund dafür sind schadhafte Wahlkarten.

Update vom 1. Juli 2016: Der Krimi der Präsidentenwahl in Österreich ist noch nicht beendet, sondern geht in eine neue Runde. Der Verfassungsgerichtshof verlangt nach Unregelmäßigkeiten bei der Stimmenauszählung eine Neuauflage - es ist ein Erfolg für die rechte FPÖ.

Update vom 22. Mai 2016: Hier können Sie die Hochrechnungen zur Bundespräsidentenwahl in Österreich nachlesen.

Der Zufall hat an der Ortseinfahrt von Wörgl ein skurriles Bilderensemble kreiert. Ein Stoppschild steht da und eine Tafel, die Besucher der Gemeinde in Tirol „Herzlich willkommen“ heißt – und dann lächelt Norbert Hofer von einem Wahlplakat herab. Irgendwer hat sein Gesicht mit dem charakteristischen Führer-Bart versehen.

Am Sonntag blickt Europa nach Österreich. Unsere 8,7 Millionen Nachbarn müssen sich entscheiden, ob sie Norbert Hofer, einen Rechtspopulisten von der FPÖ, oder Alexander van der Bellen, früher ein Grüner, nun parteiunabhängig, als neuen Bundespräsidenten wollen. Hinter der Stichwahl stehen Fragen, tiefgreifender und brisanter, als man zunächst dachte:

Österreich, wer bist Du?

Und, im weiteren Sinne:

Europa, wer bist Du?

Man laufe Gefahr, sagte van der Bellen dieser Tage auf einer Pressekonferenz in Wien, „dass Österreich nicht mehr wiederzuerkennen ist“.

Wahl in Österreich: Von Conchita Wurst zu Norbert Hofer?

Identität, was ist das? Österreich hat so viele Gesichter, hatte schon immer viele Gesichter. Sehr konträre obendrein. Mozart, Sissi, Hitler, Schwarzenegger, Lauda, Falco, Waltz . . . 2014 führte ein gewisser Tom Neuwirth die Liste der 200 wichtigsten Österreicher an, besser bekannt als die bärtige Künstlerin Conchita Wurst, die beim Eurovision Song Contest den ersten Sieg der Alpenrepublik seit 1966 einfuhr. Im Durcheinander von Augenzwinkern und Pathos, plakativer Lebensfreude und Gefühlsduselei, bei dem es eigentlich nie um Musik, sondern immer um Politik geht, machte Conchita Wurst den Abend endlich mal zu einem paneuropäischen Referendum. Ganz so, wie es Romantiker gern hätten. „Erwachen im Schutt/Gehen über Scherben/Die Nachbarn sagen, wir sind eine Last/Ein Fremder kommt näher . . . wer kann das sein?“, sang sie. Knapp zwei Jahre später entwickeln diese Zeilen ein neues, befremdliches Eigenleben. Auch der Songtitel weckt in einem anderen Kontext Beklemmung: „Rise like a Phoenix“. Der vielzitierte Phönix aus der Asche.

Anna Veith, bis zu ihrer Heirat kürzlich Anna Fenninger, belegt in Listen der wichtigsten Österreicher seit Jahren Spitzenplätze. Vor einem Jahr saß Austrias Ski-Star bei einem Interviewtermin in der Grünwalder Einkehr. Das Gespräch drehte sich um ihren Sport, den Schutz für Geparde – und um die Außenwirkung ihres Heimatlandes. Conchita Wurst habe „sicherlich eine Botschaft, die Österreich international ins Licht gerückt hat, eine tolerante Nation zu sein“, sagte Anna Veith. Leiser, sie murmelte es in ihren Kaiserschmarrn hinein, fügte sie an: „In meinen Augen trifft das aber leider nur bedingt zu.“ An Interviews ist die Krux, dass ihrer Autorisierung vor der Veröffentlichung oft heikle Passagen zum Opfer fallen. Diese Aussage überlebte. Der Satz war nur gemurmelt, leise.

Heute liest er sich laut.

Österreich: Flüchtlings-Thema bestimmt Wahl zum Bundespräsidenten

Kirchbichl, in Tirol. 5300 Einwohner, man duzt jeden hier, auch Fremde. Samstagmittag heult noch immer eine Sirene auf, um das Ende der Arbeitswoche zu markieren. Im Zentrum des Orts, zwischen Kirche und Friedhof, der Gasthof Schroll: Backhendlsalat 10,90 Euro, Tiroler Speckknödel 7,90, auch ein Salat „Napoli“ für 10,90 steht auf der Karte. An der Hauswand prangt das Familienwappen, zwei Hirsche, Ritterhelm mit Hörnern, an der Wand gegenüber dankt in einem Aushang die „Volksbühne Kirchbichl“, dass neulich so viele Zuschauer da waren. Titel des Stücks: „Sei do net so dumm.“ Ein Ort, an dem die Welt noch in Ordnung ist.

Vor einiger Zeit schloss die örtliche „Billa“-Filiale. Seit Ostern sind in dem leeren Gebäude Flüchtlinge einquartiert. Es passiert nichts, freilich nicht. Aber so ein Vorgang, so viele Fremde auf einen Schlag, die keine Touristen sind, das ist einfach: neu.

Der Bau könnte kaum unwirtlicher aussehen; frühere Supermärkte verströmen selten Charme. Ein Kinderwagen steht vor der Tür, ab und an rauchen junge Männer an der Hausmauer. An einer Seite des Parkplatzes steht ein Wahlplakat von van der Bellen. Der 72-Jährige posiert vor einer traumhaften Bergkulisse, das Jackett ist juvenil geschultert. Slogan: „Wer unsere Heimat liebt, spaltet sie nicht.“ Der Schlagbaum daneben, in rot-weiß, versperrt die Zufahrt, doch van der Bellen tritt für ein anderes Bild ein. „Heimat“, betont er stets, „ist etwas, das man schenken kann.“

Eine Spurensuche beinhaltet auch immer Momentaufnahmen, ein Stimmungsbild ist ein Mosaik aus vielen kleinen Beobachtungen, und Motive in Österreich sind oft nicht viel anders als die in Deutschland. Auch deshalb wird diese Wahl, wer in die Wiener Hochburg einzieht, in Berlin sehr genau verfolgt. So groß sind die Unterschiede ja nicht: Die Sprache, die Kultur, im Bierkonsum liegen die Tschechen auf Platz eins, Österreich ist Zweiter, Deutschland Dritter. Die „Erste Allgemeine Verunsicherung“, eine Kultband aus Austria, dichtete in den 80ern einst: „Wie eine Fata Morgana – so nah und doch so fern!“

Wie ist das jetzt mit Dir und Deutschland, Österreich? So nah und doch so fern?

Wahl in Österreich: Das ist Bundespräsidenten-Kandidat Alexander van der Bellen

In Innsbruck ist van der Bellen zur Schule gegangen, nachdem seine Familie 1944 vor den Russen aus Wien floh. Er studierte hier, übernahm dann als Professor für Volkswirtschaftslehre einen Lehrauftrag. Innsbruck ist eine typische Studentenstadt; Touristen kommen wegen des „Goldenen Dachls“ oder wegen des Grabmals von Kaiser Maximilian I., und in einem Burritoladen kann es sein, dass auf der Toilette ein „Gameboy“ liegt, zur Zerstreuung. Modern, nett, innovativ. Hier kommt kein Hofer-Plakat ohne den demaskierenden Bart aus, auf einem haben Unbekannte die Parole „Das Recht geht vom Volk aus“ so verändert, dass nun „Rechts raus“ zu lesen ist.

Vor dem Rathaus sind die zwei Poster von van der Bellen unversehrt, auf dem einen seines Kontrahenten wurde ein Hakenkreuz über das Gesicht gemalt, das andere, mit dem Slogan „Stimme der Vernunft“, ist in Großbuchstaben um den Zusatz „Wehret den Anfängen“ erweitert. Dreht man sich hier einmal um seine eigene Achse, sieht man: einen Bio-Smoothie-Laden, einen Goldschmied, ein Kellertheater, das Café Toscana, die Glasfassade eines Hotels und das asiatische Spezialitätenrestaurant Thai Li Ba. Österreich heute. Genauso gehören die beiden Frauen mit Kopftuch zum Alltag, die die Brücke an der „Franz-Greiter-Promenade“ überqueren. Der verstorbene Bürgermeister der Stadt wurde einst unter den Nazis verhaftet.

Van der Bellen: Staatskrise, wenn Norbert Hofer die Wahl gewinnt 

Die Wahl am Sonntag, sagt van der Bellen, sei „die wichtigste Bundespräsidentenwahl der Zweiten Republik“. Es stehe „Spitz auf Knopf“, und er richtete einen flehenden Appell an die Menschen, die beim ersten Durchgang noch nicht auf seiner Seite waren: Würde Hofer das Amt erringen, das weit größere Kompetenzen bietet als in anderen Ländern, würde das eine Staatskrise auslösen, vor allem wegen der Europa-Feindlichkeit der FPÖ, die van der Bellen nicht in den Kopf will. „Wir haben verdammt noch mal die Pflicht, uns zu überlegen, wie Österreichs Rolle in Europa aussieht“, sagte er neulich bei einer TV-Debatte mit Hofer. Er, stellte er klar, stehe „für Europa“.

Norbert Hofer steht hingegen bei vielen für einen Strohmann seines Parteichefs Heinz-Christian Strache, über den der Politologe Anton Pelinka schon 2008 meinte, es sei eine „böse Verharmlosung“, ihn als Rechtspopulisten einzustufen: „In anderen Staaten sagt man zu dem, wofür Strache steht: Rechtsextremismus.“

Norbert Hofer kann als Bundespräsident von Österreich die Regierung entlassen

Van der Bellen warnt, dass sein Kontrahent Strache „so rasch wie möglich zum Kanzler machen“ wolle. Tatsächlich deutete Hofer schon an, man werde sich wundern, was als Präsident möglich sei. Und tatsächlich könnte er die Regierung entlassen. Strache seinerseits hat bereits laut darüber nachgedacht, ob es in Deutschland nicht sinnvoller wäre, Frauke Petry würde anstelle von Angela Merkel regieren. Van der Bellen nennt ihn „einen Elefanten im europäischen Porzellanladen“.

Unklugerweise hat aber auch van der Bellen selbst am Anfang der Woche einiges zerdeppert. Bei einem Fernsehduell ohne Moderator und Themenvorgaben ließen sich beide Kandidaten auf ein Possenspiel ein, das die „Kronen-Zeitung“, selbst alles andere als eine feine Klinge, als „eine unwürdige Farce“ bezeichnete. Der Politikberater Thomas Hofer bescheinigte dem Schlagabtausch der beiden „Kindergartenniveau“ und fand, das Duo habe „das Amt beschädigt“. Das Problem: Von Norbert Hofer ist man aggressive Attacken gewohnt, van der Bellen jedoch könnte das Vertrauen Unentschlossener verspielt haben.

TV-Duell Norbert Hofer und Alexander Van der Bellen (ATV 15.05.2016)

Wahl in Österreich: Nur 23 Prozent vertrauen den Politikern

Nur 23 Prozent der Österreicher vertrauen ihren Politikern. Reformstau, Rekord-Arbeitslosigkeit, Rekord-Schulden, schlechte Stimmung in Wirtschaft und Bevölkerung haben zu Politikverdrossenheit geführt. Die zwei Volksparteien SPÖ und ÖVP bekamen das beim ersten Wahldurchgang nur allzu deutlich zu spüren. Kanzler Werner Faymann wurde von seinen eigenen Parteifreunden von der Bühne gebuht, zu lange hat er nur verwaltet und verfilzt, und seinem Nachfolger Christian Kern damit eine denkbar schwere Aufgabe aufgebürdet. Bereits vor einem halben Jahr sagte der: „Was uns im Moment in der Politik abgeht, ist eine Vorstellung davon, wo wir in fünf Jahren sein werden.“

Kern muss nun schnell eine Linie finden, womöglich mit einem Rechtspopulisten als Bundespräsidenten und mit einem Volk, das sich gerade zu verlieren droht, mitten im Herzen Europas, irgendwo da draußen zwischen Wahlplakaten, Willkommenskultur und Stoppschildern.

Update vom 23. August 2016: Alle Informationen zur Landtagswahl am 04. September 2016 in Mecklenburg-Vorpommern finden Sie hier.

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