Kobane
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Dicke Rauchschwaden steigen über der syrischen Grenzstadt Kobane auf.

Kurden kontrollieren 40 Prozent der Stadt

IS-Vorstoß in Kobane scheint vorerst gestoppt

Kobane - Nach Berichten von Kurden ist der Vormarsch der IS-Terroristen in Kobane vorerst zum Erliegen gekommen. Augenzeugen berichten von Rauchsäulen nach neuen Luftschlägen.

Der Vorstoß der Dschihadisten in der umkämpften nordsyrischen Grenzstadt Kobane ist von den kurdischen Verteidigern offenbar vorerst gestoppt worden. Die Extremistengruppe Islamischer Staat (IS) kontrolliere nach wie vor etwa 40 Prozent der Kurdenhochburg an der Grenze zur Türkei, teilte die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte am Sonntag mit. Im Irak verübte ein Deutscher nach IS-Angaben einen von drei Selbstmordanschlägen mit mindestens 25 Toten.

Der IS sei in Kobane seit der Eroberung des Hauptquartiers der kurdischen Milizen am Freitag nicht weiter vorgerückt, sagte der Leiter der Beobachtungsstelle, Rami Abdel Rahman. Um die Schlacht für sich zu entscheiden, habe der IS Kämpfer aus den Provinzen Rakka und Aleppo abgezogen und nach Kobane beordert. Allein am Samstag wurden demnach mindestens 36 IS-Kämpfer getötet.

Erdogan: Straßen von Vandalen säubern

Angesichts der gewaltsamen Zusammenstöße zwischen prokurdischen Demonstranten und Sicherheitskräften in den vergangenen Tagen plant der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan schärfere Sicherheitsgesetze. Die Türkei "wäre kein Staat, wenn sie nicht in der Lage wäre, ein paar Gauner dazu zu bringen, sich zu beugen", sagte Erdogan am Sonntag bei einem Auftritt in der nordosttürkischen Stadt Bayburt. "Wir werden mehr unternehmen", fügte er hinzu. Bereits am Vorabend hatte Erdogan in der Nachbarstadt Rize gesagt, das Parlament solle schnell neue Gesetze erlassen, "um die Straßen rasch von diesen Vandalen zu säubern".

Nach Regierungsangaben wurden in der vergangenen Woche bei Protesten in mehreren türkischen Städten 31 Menschen getötet und mehr als 350 weitere verletzt. Die Kurden demonstrierten gegen die Zurückhaltung der Regierung in Ankara angesichts des Vormarschs der Dschihadistenorganisation Islamischer Staat (IS) in den nordsyrischen Kurdengebieten rund um die Stadt Kobane. Ankara ließ zwar vom Parlament grundsätzlich einen Militäreinsatz in Syrien billigen, lehnt es aber bislang ab, im Alleingang Bodentruppen zu entsenden. Am Wochenende ebbten die Proteste weitgehend ab.

Mit 15 Millionen Menschen stellen die Kurden etwa ein Fünftel der Bevölkerung der Türkei. Viele von ihnen fordern mehr politische und kulturelle Autonomie. Im Jahrzehnte dauernden Konflikt um diese Forderungen wurden zehntausende Menschen getötet. Die türkische Regierung verhandelt mit dem inhaftierten PKK-Chef Abdullah Öcalan über eine Beilegung des Konflikts. Öcalan ließ nun aus dem Gefängnis verlauten, sollte Kobane fallen, bedeute dies das Ende des Friedensprozesses.

Aktivisten: Frau führt Kurdenkämpfer bei Verteidigung von Kobane an

Die Kämpfer der kurdischen Volksverteidigungseinheiten (YPG) werden bei der Verteidigung der nordsyrischen Grenzstadt Kobane gegen die Dschihadistenorganisation Islamischer Staat (IS) angeblich von einer Frau angeführt. "Maissa Abdo, die unter dem Kampfnamen Narin Afrin bekannt ist, kommandiert die YPG in Kobane zusammen mit Mahmud Barchodan", sagte der Leiter der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte, Rami Abdel Rahman, der Nachrichtenagentur AFP am Sonntag. Der kurdische Aktivist Mustefa Ebdi bestätigte die Angaben.

Die YPG ist der bewaffnete Arm der säkularen kurdischen Partei der Demokratischen Union (PYD). Maissa Abdo ist den Angaben zufolge 40 Jahre alt, ihr Kampfname verweist auf ihre Heimatregion Afrin, die wie Kobane zur syrischen Provinz Aleppo gehört. Sie gelte als "kultiviert" und "intelligent", kümmere sich "um den Gemütszustand der Kämpfer und interessiert sich für ihre Probleme", sagte Ebdi.

In den Reihen der Kurdenkämpfer hat ein hoher Frauenanteil durchaus Tradition, das gilt auch für den Irak und die Türkei. Am 5. Oktober sprengte sich nach Angaben der Volksverteidigungseinheiten die Kämpferin Dilar Gencxemis nahe Kobane in die Luft und tötete zahlreiche IS-Kämpfer. Sie ist die erste weibliche Selbstmordattentäterin in den Reihen der Kurden seit Beginn des syrischen Bürgerkriegs im Frühjahr 2011.

Auch in den PYD-Lokalräten in den weitgehend selbstverwalteten syrischen Kurdengebieten ist der Frauenanteil mit 40 Prozent hoch. Damit stehen die Kurden in starkem Kontrast zu den Ideen der radikalsunnitischen IS-Kämpfer.

Ban befürchtet Massaker in syrischer Kurdenstadt Kobane

UN-Generalsekretär Ban Ki Moon hat sich zutiefst besorgt über die Lage der Menschen in Kobane geäußert. Er rufe alle Parteien auf, "sich zu erheben, um ein Massaker an den Zivilisten in Kobane zu verhindern", erklärte Ban am Sonntag am Rande der Konferenz zum Wiederaufbau des Gazastreifens in Kairo. Angesichts der Angriffe der Dschihadistengruppe Islamischer Staat (IS) seien "tausende Leben in Gefahr".

Zuvor hatte bereits der UN-Syrien-Sondergesandte Staffan de Mistura vor einem Massaker gewarnt, sollte Kobane fallen. Nach seinen Schätzungen befanden sich noch bis zu 700 Zivilisten im Zentrum von Kobane, insgesamt sollen etwa 12.000 Zivilisten in und um die Stadt sein. Bislang flohen etwa 180.000 Syrer wegen der Schlacht um Kobane in die Türkei. Die Europäische Union bewilligte Hilfsgelder im Umfang von 3,9 Millionen Euro für die Flüchtlinge.

De Mistura forderte Ankara auf, die Kurden in Kobane mit "allen Mitteln" zu unterstützen, zumindest aber freiwillige türkische Kurdenkämpfer samt Waffen die Grenzen passieren zu lassen. Ankara bremst bislang die Ausreise türkischer Kurdenkämpfer.

Deutscher Dschihaddist verübt Selbstmordanschlag

Ein deutscher Islamist hat nach übereinstimmenden Angaben von Dschihadisten und Kurden einen der jüngsten Selbstmordanschläge im Nordosten des Iraks verübt. Die Terror-Expertenplattform SITE berichtete auf ihrer Internetseite, die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) habe sich zu drei am Sonntag verübten Sprengstoffattacken in der nordöstlichen Region Kara Tepe der Provinz Dijala bekannt. Laut IS seien die Selbstmordattentäter ein Deutscher, ein Türke und ein Saudi gewesen. Die kurdische Gorran-Partei meldete über den Kurznachrichtendienst Twitter, es habe sich um einen Deutschen, einen Türken und einen Tunesier gehandelt.

Bei den Anschlägen auf ein lokales Regierungsgebäude, einen Stützpunkt kurdischer Sicherheitskräfte und ein kurdisches Parteibüro wurden nach kurdischen Angaben neben den drei Attentätern mindestens 14 Menschen getötet.

Sorge vor IS-Gewalt in Deutschland wächst

Wegen der anhaltenden Kämpfe zwischen Kurden und der Dschihadistengruppe Islamischer Staat (IS) in Nordsyrien wächst in Deutschland die Sorge vor gewaltsamen Ausschreitungen und den Aktivitäten hiesiger IS-Unterstützer. Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) warnte im "Spiegel", niemand dürfe hierzulande die Situation in Syrien und im Irak ausnutzen. Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) kündigte an, "mit allen Mitteln des Strafrechts" gegen IS-Helfer vorzugehen.

In der vergangenen Woche hatte es bei Kundgebungen, insbesondere von kurdischen Gruppen, gegen den IS mehrmals gewaltsame Zusammenstöße mit mutmaßlichen radikalen Islamisten gegeben. Eine Großkundgebung gegen den IS am Samstag in Düsseldorf mit mehr als 21.000 Teilnehmern blieb hingegen friedlich. De Maizière sagte dem "Focus", die Lage werde "sehr aufmerksam" beobachtet. "Niemand darf die Situation in Syrien und im Irak für seine Zwecke instrumentalisieren", sagte er dem "Spiegel".

Der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) erklärte ebenfalls, in Deutschland könne es nur friedlichen Protest geben - "alles andere ist nicht erlaubt und wird geahndet", sagte er der "Welt am Sonntag". "Wir werden einen Stellvertreterkrieg nicht dulden".

Der Bund Deutscher Kriminalbeamter warnt vor einer deutlichen Verschärfung der Lage. "Wenn Kobane in die Hand des IS fällt, dann gibt es hier Tote", sagte der Vorsitzende André Schulz dem "Spiegel" mit Blick auf die nordsyrische Stadt, in der kurdische Milizen gegen IS-Anhänger kämpfen.

Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) erklärte, "wir teilen den Schmerz der in Deutschland lebenden Menschen, die um Landsleute, Verwandte und Glaubensbrüder in Syrien oder im Irak trauern und wütend sind". Wut und Trauer seien aber "niemals eine Rechtfertigung für Gewalt", sagte er dem "Tagesspiegel am Sonntag".

Die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Aydan Özoguz (SPD), warnte im SWR davor, "es sich leicht zu machen und zu sagen: Das sind die einen und das sind die anderen und die gehen jetzt aufeinander los." Es gebe bei den Ausschreitungen viele Trittbrettfahrer.

In Deutschland wird inzwischen gegen mehr als 200 mutmaßliche IS-Unterstützer ermittelt. Diese Zahl nannte Bundesjustizminister Maas am Wochenende gegenüber "Spiegel Online". Deutschland werde "mit den Mitteln des Strafrechts alles tun, was sinnvoll ist", um den "Terror" des IS zu bekämpfen, sagte er. Forderungen nach einer schnellen Verschärfung des Strafrechts erteilte Maas eine Absage: "Purer Aktionismus stoppt keine Terrori

Luftangriffe helfen Vormarsch zu stoppen

Luftangriffe der internationalen Koalition gegen die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) haben den Vormarsch der Dschihadisten in Kobane nach kurdischen Angaben vorerst gebremst. Idris Nassan, Sprecher der kurdischen Volksschutzeinheiten (YPG), sagte der Nachrichtenagentur dpa am Sonntag: „Die jüngsten Luftangriffe waren sehr hilfreich.“

Dabei seien einige IS-Stellungen getroffen worden. Die kurdischen Kämpfer hätten ihre Positionen halten können und versuchten, die sunnitischen Extremisten zurückzudrängen. Die Kämpfe seien weniger heftig als am Vortag, als IS-Milizionäre die Kurden von drei Seiten angegriffen hatten.

Allerdings fehlten den kurdischen Volksschutzeinheiten nach wie vor die nötigen Waffen und Munition, um der Terrormiliz wirksamer entgegentreten zu können. Notwendig sei eine bessere Koordination mit der internationalen Koalition, sagte Nassan.

US-Regierung vorsichtig optimistisch

Im Kampf gegen die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) um die nordsyrische Grenzstadt Kobane zeigt sich die US-Regierung erstmals vorsichtig optimistisch. „Tatsächlich gibt es da einige Fortschritte“, sagte US-Verteidigungsminister Chuck Hagel am Samstag (Ortszeit) in der chilenischen Hauptstadt Santiago. Der Kampf zur Zerstörung der Terrormiliz werde aber lang und schwer sein und die Lage sei weiterhin „gefährlich“, fügte er hinzu. Die USA würden weiterhin „alles tun, was mit Luftangriffen möglich ist“, um die Dschihadisten aus der Grenzstadt zur Türkei zurückzudrängen.

Die erbitterten Kämpfe zwischen Kurden und Dschihadisten dauerten am Sonntag an. Augenzeugen berichteten von der türkischen Grenze aus von massiven Rauchsäulen, die nach einem Luftschlag über der Stadt aufstiegen. Die oppositionsnahen syrischen Menschenrechtsbeobachter berichteten am Sonntag von drei Luftangriffen der internationalen Anti-IS-Allianz auf Ziele im Süden und Osten von Kobane.

Strategisches Treffen am Montag

Die Militärchefs des Bündnisses gegen den IS wollen von Montag an bei einem Treffen auf höchster Ebene über ihre Strategie in Syrien und im Irak diskutieren. Dazu hat US-Generalstabschef Martin Dempsey mehr als 20 Kollegen eingeladen. Die Gespräche sollen am Abend mit einem gemeinsamen Abendessen beginnen und am Dienstag am Militärstützpunkts Andrews bei Washington fortgesetzt werden. Auch die geplante Mission zur Ausbildung und Ausrüstung von als gemäßigt geltenden syrischen Rebellen dürfte dabei Thema sein. Es ist das erste Treffen auf dieser Ebene seit Beginn der Luftschläge im Irak Anfang August.

Medienberichten zufolge würden sich die USA ein Eingreifen türkischer Bodentruppen zum Schutz von Kobane wünschen. Türkische Panzerverbände stehen an der Grenze in Sicht- und Schussweite der Kurdenstadt. Die Regierung in Ankara hat aber klargemacht, dass sie im Alleingang keine potenziell verlustreiche Bodenoffensive gegen den IS beginnen will. Ein ungenannter hochrangiger US-Regierungsvertreter kritisierte diese Zurückhaltung kürzlich in der „New York Times“: „So handelt kein Nato-Verbündeter, während einen Steinwurf von der Grenze entfernt die Hölle ausbricht.“

Die britische Armee hat inzwischen eine Sondereinheit von Soldaten auf irakischem Boden. Es handele sich um „ein kleines Team von Spezialisten“, teilte das Verteidigungsministerium in London mit. Sie arbeiteten nahe der Front zwischen kurdischen Truppen und Kämpfern der IS-Terrormiliz. Damit bestätigte das Ministerium seit längerem kursierende Spekulationen. Aufgabe der Soldaten sei es, kurdische Peschmerga-Kämpfer im Umgang mit schweren Maschinengewehren zu trainieren. An Kampfhandlungen nähmen die Briten nicht teil.

EU unterstützt Flüchtlinge finanziell

Die Europäische Union stellt 3,9 Millionen Euro für die aus der umkämpften nordsyrischen Grenzstadt Kobane vertriebenen Flüchtlinge zur Verfügung. Das Geld soll an humanitäre Organisationen fließen, die Bedürftige nach deren Flucht ins Nachbarland Türkei unterstützen, wie die EU-Kommission am Sonntag mitteilte. Mithilfe der Finanzspritze sollen Notunterkünfte errichtet sowie Trinkwasser, Lebensmittelrationen und Medikamente verteilt werden.

Das Geld stammt aus einem 150 Millionen Euro schweren Hilfstopf für die Opfer des syrischen Bürgerkriegs. Da inzwischen 180.000 Syrer wegen der Schlacht um Kobane in die Türkei geflohen seien, verschärfe dies nochmals "die größte humanitäre Krise unserer Epoche" durch den Bürgerkrieg in Syrien, erklärte EU-Nothilfekommissarin Kristalina Georgiewa.

dpa/AFP

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