NSU-Prozess, Ralf Wohlleben, Oberlandesgericht, München
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Die Bundesanwaltschaft hält Wohlleben für eine "steuernde Zentralfigur" im Hintergrund des NSU.

News-Ticker zum NSU-Prozess

Wohlleben erhebt schwere Vorwürfe gegen Behörden

München - Nach Beate Zschäpe bricht im NSU-Prozess nun auch Ralf Wohlleben sein Schweigen. Der mutmaßliche Terrorhelfer sagte am Mittwoch vor dem Oberlandesgericht München aus.

+++ AKTUALISIEREN +++

+++ Wohlleben macht den beiden mitangeklagten mutmaßlichen NSU-Helfern Holger G. und Carsten S. den Vorwurf, ihn mit ihren Geständnissen zu Prozessbeginn mit Lügen belastet zu haben. S. hatte eingeräumt, dem NSU-Trio die Ceska-Pistole übergeben zu haben. 

Wohlleben sagte, er sei "erschrocken und verärgert" gewesen, als S. bei ihm mit der Waffe aufgetaucht sei. Wohlleben bestritt die Aussage des teilweise geständigen G., ihm eine Pistole übergeben zu haben. Er habe den Verdacht, G. wolle durch diese "Lüge" verschleiern, von wem er die Waffe tatsächlich erhalten habe. 

Wohlleben sagte weiter, nach seiner Einschätzung habe der später als V-Mann enttarnte Neonazi Tino Brandt für den Kauf der Ceska das Geld zur Verfügung gestellt. Wie Zschäpe äußerte Wohlleben in knappen Worten sein Mitgefühl für die Hinterbliebenen der NSU-Opfer. Der Nebenkläger-Anwalt Sebastian Scharmer erklärte, er halte Wohllebens Aussage für nicht plausibel. Dass dieser etwa jede Gewaltbereitschaft zurückgewiesen habe, sei plumpe rechte Propaganda und bereits durch zahlreiche Beweise widerlegt.

+++ In seiner Aussage im NSU-Prozess hat Ralf Wohlleben Vorwürfe gegen die Behörden erhoben. Es sei ihm unerfindlich, warum der Staat die drei untergetauchten mutmaßlichen NSU-Terroristen nicht aufgespürt habe, sagte Wohlleben am Mittwoch vor dem Münchner Oberlandesgericht (OLG). Schon mit Blick auf die ersten Jahre nach dem Untertauchen der drei im Jahr 1998 sagte er, hätte man sie finden wollen, wäre das seiner Meinung nach mit Hilfe von Tino Brandt möglich gewesen. Brandt war damals gut bezahlter V-Mann des Thüringer Verfassungsschutzes.

Wohlleben spricht Angehörigen der Opfer des NSU-Terrors sein Mitgefühl aus

+++ Der mutmaßliche NSU-Terrorhelfer Ralf Wohlleben hat den Angehörigen der Opfer des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ sein Mitgefühl ausgesprochen. „Ich bedaure jede Gewalttat“, sagte Wohlleben am Mittwoch am Ende seiner Aussage vor dem Münchner Oberlandesgericht. Er fügte hinzu: „Den Angehörigen der Opfer gilt mein Mitgefühl.“

+++ Ralf Wohlleben will vom „Nationalsozialistischen Untergrund“ und dessen zehn Morden bis zum Auffliegen der Terrorgruppe im November 2011 nicht gewusst haben. „Wie alle anderen“ habe er erst dann davon erfahren, sagte Wohlleben am Mittwoch vor dem Münchner Oberlandesgericht (OLG). Es sei für ihn unvorstellbar, dass Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt zu diesen Taten in der Lage gewesen seien. Er könne es kaum glauben.

Wohlleben bestreitet, Waffe für NSU besorgt zu haben

+++ Wohlleben räumte ein, dass er von seinem damaligen Freund Uwe Böhnhardt in einem persönlichen Gespräch um die Beschaffung einer Waffe gebeten worden sei. „Hier äußerte er den Wunsch, dass ich mich nach einer scharfen Pistole für ihn umhören solle“, berichtete er. „Er sagte, ich sollte darauf achten, dass es ein deutsches Fabrikat ist.“

Böhnhardt habe damals gesagt, er wolle nicht in Haft, sondern sich eher selbst erschießen. Er habe aber keine Waffe besorgen und am Suizid von Böhnhardt schuld sein wollen, argumentierte Wohlleben. Schließlich habe Carsten S. von Böhnhardt oder Mundlos den Auftrag bekommen - Carsten S. ist einer der fünf Angeklagten im NSU-Prozess.

+++ Ralf Wohlleben hat bestritten, die Mordwaffe für den „Nationalsozialistischen Untergrund“ beschafft zu haben. Im NSU-Prozess vor dem Münchner Oberlandesgericht wies der 40-Jährige am Mittwoch den Vorwurf der Beihilfe zum Mord zurück.

+++ Wohlleben will von der Gewaltbereitschaft seiner damaligen Freunde Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt nichts gewusst haben. Das Verhalten der beiden habe keinen Anlass gegeben, zu vermuten, dass sie mal schwere Straftaten begehen würden, sagte Wohlleben am Mittwoch. Er räumte aber ein, nach dem Untertauchen des NSU-Trios - Böhnhardt, Mundlos und Beate Zschäpe - Kontakt zu den dreien gehabt zu haben. Es sei zu mehreren Telefonaten gekommen. In einer Wohnung in Chemnitz habe er sie dann zum ersten Mal wieder getroffen. Später sei es zu weiteren Treffen gekommen.

+++ Wohlleben berichtete in seiner Erklärung von seinen Verbindungen zu der Hauptangeklagten Zschäpe, zu den beiden 2011 mutmaßlich durch Suizid gestorbenen NSU-Mitgliedern Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos sowie zu den mutmaßlichen NSU-Helfern Carsten S. und Holger G., die ebenfalls in München vor Gericht stehen.

+++ Der ehemalige NPD-Funktionär Ralf Wohlleben ist wegen Beihilfe zum Mord angeklagt. Er soll die Waffe besorgt haben, mit der neun Migranten erschossen wurden.

Die Erklärung Wohllebens folgte eine Woche nach der Erklärung der Hauptangeklagten Zschäpe. In den bisher gut zweieinhalb Jahren Prozessdauer hatten zuvor sowohl Zschäpe als auch Wohlleben konsequent von ihrem Recht zu Schweigen Gebrauch gemacht. Nachdem sich beide geäußert haben, schweigt inzwischen von den insgesamt fünf Angeklagten nur noch der mutmaßliche NSU-Helfer André E.

Wohlleben: "Zschäpe war schlagfertig und witzig"  

+++ Im NSU-Prozess hat Ralf Wohlleben ausführlich berichtet, wie sich die rechte Szene in den 1990er Jahren in Jena formierte. Damals habe er Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt kennengelernt, sagte der 40-Jährige am Mittwoch vor dem Münchner Oberlandesgericht. Mit Zschäpe habe man gut und lange reden können. Sie sei schlagfertig, witzig und ihm sehr sympathisch gewesen.

+++ Eine Schlüsselrolle bei der Formierung der verschiedenen Gruppierungen - insbesondere des „Thüringer Heimatschutzes“ - sprach Wohlleben Tino Brandt zu, der damals V-Mann des Verfassungsschutzes war.

+++ Wohlleben sagte, er habe schon Mitte der 90er Jahre nichts gegen Ausländer gehabt - sondern gegen die Politik, die den Zuzug von Ausländern fördere. In Frankfurt am Main habe er damals den Eindruck gehabt, dass es da Stadtviertel gebe, in denen keine Deutschen mehr leben. Das habe er nicht für Jena gewollt, argumentierte Wohlleben.

+++ Wohlleben sagte zu Beginn, er habe den Weg einer schriftlich vorformulierten Erklärung gewählt, weil er wegen der langen U-Haft an erheblichen Konzentrations- und Wortfindungsstörungen leide. Dann berichtete der 40-Jährige ausführlich von seinem persönlichen und politischen Werdegang.

'Nationalstolz integraler Bestandteil der DDR-Erziehung'

+++ Nach Mauerfall und Wiedervereinigung habe er versucht, mit den neuen Verhältnissen zurechtzukommen. „Da ich schon immer einen großen Nationalstolz verspürte, der integraler Bestandteil der DDR-Erziehung war, sah ich keinen Grund, den abzulegen“, erklärte er.

Dann trat Wohlleben nach eigener Aussage in die NPD ein - wobei ihm Tino Brandt einen Mitgliedsantrag unter die Nase gehalten habe. Brandt war ein Anführer in der rechtsextremen Szene in Thüringen und zugleich gut bezahlter V-Mann des Thüringer Verfassungsschutzes.

+++ Der Anwalt von Ralf Wohlleben hat angekündigt, dass sein Mandat nach seiner Aussage auch Fragen des G3richts beantworten werde.  Wohllebens Aussage soll etwa eine Stunde lang dauern.

+++ Vor dem Oberlandesgericht München begann Wohlleben am Mittwochvormittag damit, eine Aussage zu verlesen. Im Gegensatz zu Zschäpe spricht er selbst.

+++ Zeit online berichtet: Wohlleben will mit seiner Aussage "dreiste Lügen anderer Angeklagter" richtigstellen. Dies soll sein Anwalt ankündigt haben.  

+++ Die Bundesanwaltschaft wirft Wohlleben Beihilfe zum Mord vor. Er soll Waffen für den „Nationalsozialistischen Untergrund“ (NSU) beschafft haben. Wohlleben sitzt wie Zschäpe seit 2011 in Untersuchungshaft.

Die Hauptangeklagte Zschäpe hatte am Mittwoch vergangener Woche ihr jahrelanges Schweigen gebrochen und eine lange Aussage verlesen lassen. Darin bestritt sie jede Beteiligung an den zehn Morden und zwei Sprengstoffanschlägen des NSU und schob die Schuld allein ihren toten Freunden Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos zu.

dpa/AFP/js

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