Der Ort Péschici liegt an der Nordküste der Gargano-Halbinsel.
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Vom Glück und der Sonne verwöhnt: Peschici, das Dorf der Lottogewinner, liegt auf einer Felsnase am Sporn des italienischen Stiefels.

O Kohle mio!

Apulien: Urlaub im Dorf der Lottomillionäre

Fast auf den Tag genau vor 15 Jahren knackten 99 Tipper im süditalienischen Urlaubsort Peschici den damals größten Jackpot Europas: 63 Milliarden Lire, umgerechnet 32 Millionen Euro haben sie gewonnen.

Was aus ihnen und dem Geld geworden ist? Autor Stephan Brünjes hat vorbeigeschaut in dem kleinen Dorf am Stiefelsporn, natürlich an einem Freitagabend, kurz vor Schließung des Lottoladens.

63 Milliarden, 601 Millionen, 317 Tausend und 318 Lire. Diese Zahl haben sie sich in Stein meißeln lassen an der Wand des Hauses Nr. 4 im Corso Umberto I: Mammon in Marmor. Darüber der versteinerte Tippschein mit den sechs Richtigen und die Worte: „In diesem Kiosk hat die Göttin mit den verbundenen Augen 99 Spieler geküsst.“ Nach heutiger Währung hat jeder von ihnen gut 300.000 Euro bekommen. O Kohle mio!

Die Sonne lässt warmes Nachmittagslicht in die unscheinbare Seitengasse fallen, auf die Enotheka, die fleischfarbenen Plastikstühle des Cafés Roxy gegenüber und die grünen Fensterläden am Lotto-Kiosk. Der müsste eigentlich längst offen haben um kurz nach vier. Immer mehr Männer stromern nervös davor auf und ab.

Domenico la Magrese 1998 mit dem Original-Tippschein.

Endlich, die Tür schwingt auf, alle stürmen rein und greifen nach Lottoscheinen oder tippen online am Terminal. Auch 15 Jahre nach La Vincita, wie sie den Riesen-Reibach von 1998 hier nennen, ist Goldgräberstimmung spürbar zwischen Plastikspielzeug, Radiergummis, Kulis und deutschen Zeitungen. Mille Cose, tausend Sachen, heißt der Laden, der zugleich Börse für den neuesten Dorftratsch ist. Aber nach dem Lottogewinn gefragt wird Fer­nando de Nittis, der grauhaarige Besitzer, plötzlich einsilbig.

Hotelier Luigi Fasanella

Es ist ein offenes Geheimnis in Peschici, dass Fernando die treibende Kraft war mit seinem Systemtipp und dass er jedem die Anteilsscheine aufschwatzte, trotz minimaler Gewinnchance von 1:622 Millionen. Am Ende war Fernando der größte Gewinner, weil er auf etlichen Tippscheinen mit sechs Richtigen sitzen geblieben war. Eine ganze Ferienanlage kaufte sich de Nittis, spricht aber nicht gern drüber. Vielleicht, weil kurz nach dem Lotto-Gewinn Schutzgeld-Erpresser in Peschici gewesen sein sollen? „Geht in die Via Castello“, brummt er „da wohnen reichlich Gewinner.“

Bibliothekar und Schnapsbrenner Elia.

Eine Burgruine steht am Ende der schmalen Gasse mit weiß getünchten Fassaden, und ein Hotel, das ebenfalls Al Castello heißt. Der Inhaber grinst verschmitzt und erzählt weitere Gewinnergeschichten. Die von Matteo Amato, Hotelbesitzer, Ferrari-Fahrer und ohnehin schon reichster Mann von Peschici: Eine CD hatte er damals am Lotto-Kiosk gekauft und mit einem großen Schein bezahlt. Fernando hatte angeblich kein Wechselgeld, gab stattdessen einen Lotto-Schein heraus. Matteo habe ihn angebrüllt und sei wütend mit dem Tippzettel aus dem Kiosk gestampft. Kurz darauf war er um 300 000 Euro reicher. Ebenso wie das Pärchen aus Triest, das in Peschici auf Urlaub war. Seitdem kommen die beiden jedes Jahr, um sich mit den anderen Glückspilzen zu treffen: Mit Michele, dem ehemaligen Bademeister und heutigem Restaurant-Besitzer. Oder mit Nardino, dem Rentner. „80 Prozent der 4000 Einwohner Peschicis haben mitgewonnen“, sagt Luigi Fasanella. Der 70-jährige Al Castello-Inhaber hat sich ein paar Häuser gekauft und ein schickes Boot, bewirtet aber weiter seine Gäste persönlich und gibt Kindern aus dem Ort ehrenamtlich Nachhilfe.

Nicht jeder Gewinner ist auf dem Teppich geblieben. Filomena, die Chefin vom Pesatrice habe den Großteil ihres Gewinns verzockt – im Lottoladen und an der Börse. Für einen schnellen Alfa und Reisen nach Südamerika soll Piero, der frühere Kellner vom Al Trabuco, alles verpulvert haben. Erst als das Geld weg und er wieder zu Hause war, sei ihm klargeworden, was für ein Paradies sein Peschici doch ist.

Lottoladenbesitzer Fernando de Nittos

Ganz außen am Sporn des italienischen Stiefels gelegen, oberhalb einer sichelförmigen Bucht, klebt das Dorf terrassenförmig auf einer Felsnase. 100 000 Urlauber, die meisten davon aus Deutschland, baden hier jeden Sommer an den Adria-Stränden. Viele kommen auch gerne im Spätherbst, schlendern abends durch die Via Castello, probieren Limonolivo, eine lokale Schnaps-Spezialität aus Limonen, Orangen und Oliven, im Kramerladen Mamma Mamma. Inhaber und Limonolivo-Erfinder Elia Salcuni ist im Hauptberuf Gemeinde-Bibliothekar. Auf die Frage nach dem Lotto-Gewinn strahlt der kleine, füllige Mann durch seine schmierige Brille. „Si, si“, er habe auch gewonnen – 300 000 Euro, dann im Jahre 2007 noch mal 100 000 Euro und in einer TV-Show weitere 80 000. Einen Fiat Punto habe er seiner Frau gekauft und sich einen Ferrari. „Los, anschauen, draußen vor der Tür!“ Elia geht über die Straße, posiert neben einem dreirädrigen Pritschentransporter und freut sich diebisch über den Spaß. Dieses Gefährt reiche ihm, das andere Geld habe er lieber in die Ausbildung seiner Töchter gesteckt.

Elia kennt auch die Geschichten der Unglücksraben im Glücksdorf: Die von den Carabinieri etwa. Ein Jahr lang tippten sie jede Woche mit – nur in der entscheidenden nicht.

Dass manch einer gar nicht oder nicht im richtigen Moment mitmachte, dafür hat Elia Verständnis: „800 Euro verdiene ich als Bibliothekar, 100 davon habe ich jeden Monat in den Lottoladen getragen – völlig verrückt!“ Plötzlich muss Elia dringend los. Zum Lottoladen. Die Pferdewetten laufen.

Stephan Brünjes

Reise-Infos zu Peschici

REISEZIEL Die Gemeinde Peschici liegt in der süditalienischen Provinz Foggia in Apulien, genau dort, wo der Stiefelsporn in die Adria ragt.

ANREISE Air Berlin fliegt von München direkt nach Bari; ab ca. 220 Euro. von dort sind es 180 Kilometer in südlicher Richtung nach Peschici. Ein kleiner Mietwagen für zwei Wochen kostet ca. 300 Euro ohne Benzin.

WOHNEN Beim Lottogewinner im Hotel Al Castello, Via Castello 29 mit dem besten Blick über die Bucht von Peschici. DZ/F ab 70 Euro. Tel. 0039/0884 964038, www.peschicialcastello.it.

Das Vier-Sterne-Hotel D’Amato gehört ebenfalls einem Lottogewinner und liegt unten an der Bucht. DZ ab 45 Euro, Swimmingpool, Abholservice vom Flughafen Bari. Tel. 0039/ 0884-963415, www.hoteldamato.it.

ESSEN & TRINKEN Die Bar Gelateria Centrale liegt gleich neben dem berühmten Lotto-Kiosk an der Straßenecke zur Via Garibaldi, Hausnummer 25. Hier treffen sich viele der Tipper. Wer sicher sein will, nicht von Lottogewinnern umstellt zu sein, geht ins La Torretta, das Ristorante mit Dachterrasse und Panoramablick über die ganze Bucht von Peschici. Die Pizzen kosten zwischen vier und zehn Euro, der leckere Salat mit fangfrischem Thunfisch zehn Euro. Tel. 0039/0884-962935, www.peschici.it.

STRÄNDE Der von Sonnenschirmen gesäumte Strand von Peschici liegt zu Füßen des Ortes in einer Bucht mit einem kleinen Hafen. Schon bei der Anreise auf der Landstraße für viele ein Postkarten-Fotomotiv. Weitere, längere Strände auf der Gargano-Halbinsel gibt es bei Vieste. Sie liegen allerdings unmittelbar an den Landstraßen Nr. 52 und 53.

BUMMELN In Peschici lohnt es sich, durch die Altstadt zu schlendern, bei den teilweise dort noch vorhandenen kleinen Handwerksbetrieben reinzuschauen oder in Krämerläden wie Mamma Mamma (Via Castello 17), der Lottogewinner Elia gehört. Hier bekommt man sofort vom selbst gebrannten Limonolivo angeboten.

AUSFLUG Ebenfalls auf der Gargano-Halbinsel, in San Giovanni Rotondo, liegt einer der populärsten Wallfahrtsorte Italiens, gewidmet einem der umstrittensten Heiligen des Landes: Mönch Padre Pio (1887 – 1968) soll die Wundmale Christi gehabt haben, wollte diese jedoch durch Ärzte des Vatikan nicht untersuchen lassen und machte sich verdächtig, weil er große Mengen Karbolsäure bestellte, die Hautverätzungen verursacht. Kaum verstorben, wurde er dennoch von Papst Johannes Paul II. heilig gesprochen. Heute pilgern Millionen Gläubige in den kleinen Wallfahrtsort mit der von Stararchitekt Renzo Piano entworfenen Chiesa Nuova (neue Kirche). Um den Massen zu entgehen, am besten die Siesta-Zeit nutzen.

WEITERE INFOS Italienische Zentrale für Tourismus, www.enit.it.

Stephan Brünjes

E-Mail:stephan.bruenjes@hamburg.de

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