Zum Boßeln gehört eine hölzerne Kugel.
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Boßeln ist in Ostfriesland Nationalsport. Zum Boßeln gehört eine hölzerne Kugel.

Ostfriesland

Wo die Eingeborenen sich die Kugel geben

Im Frühjahr an der Küste geben sich die Ostfriesen wieder die Kugel. Boßeln, eine Art Langstrecken-Kegeln auf kurvigen Kreisstraßen, ist Nationalsport im Land zwischen der Emsmündung und der Nordsee.

Upgant Schott. Oder Wirdum. Oder Rechtsupweg. Dürfen Orte überhaupt so heißen? Hier schon, in einer Gegend, in der die Bäume am Straßenrand Schlagseite haben und Windlooper genannt werden. Weil sie so aussehen, als liefen sie mit dem Wind davon. Der bläst oben am Himmel mit steifer Brise riesige Wattebäusche Richtung Osten. Sie duschen alle paar Minuten die Wiesen mit Regenschauern. Dazwischen windet sich die Straße wie ein riesiger, grauer Regenwurm. Plötzlich Bremsenquietschen! Mitten auf der Fahrbahn ein gestikulierender Trainingsanzug. Fuchtelt wild mit beiden Armen. Autounfall? Bombenexplosion? Überschwemmung? Das Adidas-Rumpelstilzchen springt zur Seite. Eine rote Kugel schießt mit Karacho auf der Straße heran, kratzt im letzten Moment die Kurve und saust am Auto vorbei. Kurz dahinter eine ganze Traube von Trainingsanzügen. Menschen beschwören die Kugel mit geheimnisvollen Urlauten: „Jau, de blievt, de blievt, häs fein mokt Didi, nee, wat fein!

Eigenartige Urschrei-Lauten und ebensolchen Regeln

Wir sind mitten hineingeraten in den friesischen Nationalsport Boßeln. Also am besten Auto rechts ran, zugucken und mitlaufen.

Drechler Heinrich-Jürgen Eden stellt die Kugeln her.

Autofahren ist – vor allem an Wochenenden – eine Geduldsprobe in Ostfriesland. „Boßelspiele“ steht alle paar Kilometer auf handgemalten Warndreiecken am Straßenrand. Auch hier in einem Flecken namens Halbemond bei Norden. Der untrügliche Hinweis: Wenige Meter dahinter geben sich Eingeborene die Kugel.
Redolf und Didi, Enno, Peter, Tönnjes und die anderen vom Club „Mit vuller Kraft“ zum Beispiel. Alles rüstige Mannsbilder weit jenseits der 50. Sie zeigen dem Gegner an diesem Sonntagmorgen mal, wo auf ihrer Heimstrecke die Ideallinie verläuft. Liebevoll wiegt Peter, der graubärtige Fernfahrer, seine Kugel in der Hand, schwingt dann beide Arme, als wollte er fliegen, nimmt gewaltigen Anlauf, holt mit dem rechten Arm aus und lässt die Kugel aus der Hand heraus mit einem Urschrei nach vorne auf die Straße schnellen.

Boßel-Abitur mit Unterschrift vom Bürgermeister

Enno, Didi und Tönnjes erklären Gästen auch gerne auf Hochdeutsch, warum sie 1,2 Kilo Holz erst vier Kilometer in die eine Richtung schmeißen und dann vier Kilometer in die andere Richtung zurück. „Ganz einfach“, meint Redolf Ubben, „zwei Mannschaften spielen gegeneinander, die mit den wenigsten Würfen hat am Ende gewonnen.“

Die Champs Elysee für Boßler liegt zwischen Norddeich und Utlandshörn: Fünf Kilometer schnurgerade Deichstraße. Außerfriesische, die bei Wittmund das sogenannte Boßel-Abitur machen, bekommen am Ende eine vom Bürgermeister persönlich unterschriebene Urkunde.

Steife Brise

Wetterfeste Schuhe mit Profilsohle sollte man beim Boßeln unbedingt tragen, denn besonders Anfänger landen oft im Straßengraben – weil sie vorher die Kugel dorthin geschmissen haben. Und beim häufigen Warten in der steifen Brise kann schon mal durchfrieren, wer sich nicht dick genug eingepackt hat. Doch die meisten Einheimischen haben vorgesorgt: „Willst’ ne Wärmflasche?“, raunen sie, zücken den Flachmann und spendieren einen Klaren.

Stephan Brünjes

Ostfriesen-Abitur und Boßeldiplom: Die Reise-Infos und Buchungsadressen

REISEZIEL Ostfriesland liegt im äußersten Nordwesten Deutschlands, grob westlich der Linie Wilhelmshaven-Oldenburg und nördlich von Papenburg. In der Region leben gut 450.000 Menschen, zu den größten Städten zählen Aurich, Leer, Wittmund und Emden.

ANREISE Mit dem Auto von München in etwa 8,5 Stunden (Entfernung gut 900 Kilometer), mit dem Zug von München dauert es etwa genauso lange, man muss mindestens einmal umsteigen.

BOSSELN Etwa 50 000 aktive Boßler betreiben diesen Sport in mehr als 300 ostfriesischen Vereinen. Wie Boßeln ursprünglich entstand, ist unklar. Eine Theorie lautet, die Germanen hätten römische Eindringlinge von den Warften aus mit runden Gegenständen beworfen.

URLAUBER-KURSE Hobby-Boßler können nach Angaben der Ostfriesland-Touristik in fast jedem Urlaubsort die Kugeln rollen lassen, Anmeldung in den örtlichen Tourismus-Büros.

OSTFRIESEN-ABITUR Seit 1978 kann man in Wittmund das Ostfriesen-Abitur absolvieren. Es kann als Erlebnis-Wochenende (Freitag bis Sonntag) zum Preis ab 151 Euro gebucht werden oder als Tagesprogramm beispielsweise für einen Betriebsausflug zum Preis ab 25 Euro. Der Boßelkurs gehört mit zum Programm. Tourist-Information Wittmund, Tel. 04462/985-298.

BOSSEL-DIPLOM In Wiesmoor können Urlauber innerhalb von drei Tagen das Boßel-Diplom erwerben. Die Pauschale mit zwei Ü/F, einmal Grünkohlessen und einem weiteren Abendessen sowie einer dreistündigen Boßel-Einweisung kann ab 115 Euro gebucht werden bei Tourist Information Wiesmoor unter Tel. 04944/91980,

PACKAGE Pauschalen für Boßel-Wochenenden ab 99 Euro unter www.ostfriesland.de.

Stephan Brünjes

E-Mail:stephan.bruenjes@hamburg.de

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