+
Zwei Münchner in Chile: Maria und Ludwig Bierwirth (li.) beim Reitausflug auf dem Areal ihrer Hacienda Los Andes.

Chile auf gut bayerisch

In Chile, zwischen Pazifik und Kordilleren, hat sich ein Ärzte-Ehepaar aus Bayern einen Traum erfüllt. Vor einem Jahr kauften Anna Maria und Ludwig Bierwirth die Hacienda Los Andes

Los Andes ist eine Ferienanlage, die auf Reitausflüge in den Anden spezialisiert ist. Besonders Gäste aus Süddeutschland haben hier kaum Eingewöhnungsschwierigkeiten. Denn der Koch hat ein Faible für die feine bayerische Küche.

Wenn Luis gute Laune hat, dann greift er zu einem Geschenk aus Alemania: „Das neue Bayrische Kochbuch“ von Alfons Schuhbeck. In seinem Restaurant unter haus hohen Palmen schlägt der junge Chilene dann Seite 218 auf. Dort ist das Rezept für Dampfnudeln mit Vanillesoße abgedruckt. Gern wechselt der Koch mit indianischer Abstammung dann zu Seite 160, wo sein fernsehbekannter Kollege aus München Tipps für die Zubereitung eines gebratenen Freilandhuhns gibt. Luis versteht kein Wort Deutsch.

Landschaft zum Verlieben - ein Flusstal mit blühenden Orangengärten

Die entsprechenden Passagen in der Schuhbeck- Lektüre haben ihm seine Padrons, seine Chefs, ins Spanische übersetzen lassen. Die Besitzer der Ranch, auf der Luis arbeitet, sind Anna Maria und Ludwig Bierwirth, ein Ärzte- Ehepaar aus Steinhöring östlich von München. Im Oktober 2008 haben sie die Pferderanch am Ende der Welt von einem deutschen Vorbesitzer gekauft. Hacienda Los Andes heißt das Paradies, in dem die Oberbayern vor zwei Jahren auf einer Chile-Rundreise selbst als Touristen Station machten. Sie verliebten sich in die Landschaft: ein Flusstal mit blühenden Orangengärten, Weinfeldern, klitzekleinen Dörfern und mächtigen, bis auf 2200 Meter ansteigenden Bergen. Und sie mochten die Hacienda: eine Ranch mit 500 Hektar urwüchsigem Terrain, vom Bachbett mit einem kristallklaren Flüsschen und wildem Bambus bis hinauf zum rauen Gipfel des Cerro Gigante. Und mit einem großartigen gastronomischen Angebot inmitten einer farbenprächtigen Gartenanlage: Das familiäre Restaurant mit einem langen, urigen Holztisch, an dem 14 Gäste bei Vino tinto plaudern können, sechs gemütliche Gästezimmer und der Patiomit Sitzgruppen vor einem gemauerten Grill, auf dem Luis einen Congrio, den saftigen Aalfisch und zartes argentinisches Rindfleisch zubereitet.

Ausritte auf geduldigen Pferden

 „It’s amazing“, sagt die Tierärztin aus London und prostet unter dem Kreuz des Südens am lupenreinen Sternenhimmel der kleinen abendlichen Runde mit einem Glas Pisco saur, dem chilenischen Aperitif-Weinbrand, zu. Salud, Prosit auf den Tag! Der hatte an den Pferdeboxen begonnen. Fernando, der Stock und Stein im Umkreis von 20 Kilometern kennt, hatte die Pferde für eine deutsch-chilenische-britische Gruppe gesattelt. Zehn Stuten stehen für Ausritte im Stall: trittfest, mit chilenischem Sattel aus drei Schafsfelllagen, weicher Lederdecke und zwei Sattelgurten. An den Seiten suchen die Füße Halt in den „Estrigos“, den handgeschnitzten hölzernen Steigbügeln.

Vamos! Auf geht’s! Fernando leitet seine Gruppe den Berg hinauf. Tausende mannshohe Kakteen und bizarre Gebirgsformationen bilden eine Kulisse, die jedem Western mit Paul Newman oder Robert Redford genügen würde. Einige Aussichtspunkte öffnen den Blick in das grüne Tal des Rio Hurtado. Dann suchen sich die einheimischen Gemütspferde geduldig einen Pfad, mitunter nur wenige Zentimeter breit, oft staubig und steinig. Bei der Ankunft in der ärmlichen Ansiedlung Seron winken Kinder freudig zwischen den Holz- und Lehmhütten und begrüßen mit „Ola!“

Chile

Zur Mittagszeit packt Günther Magura am Fluss unter Eukalyptusbäumen sein Picknick-Proviant aus: Brötchen mit Avocados und Leberwurstschnittchen, als Dessert Pflaumen so groß wie Tennisbälle. Dazu gibt’s Quellwasser im Pappbecher. Günther Magura, ein enger Freund des Eigentümer- Ehepaars Bierwirth, hat seinen Job in einem Münchner Software- Unternehmen quittiert und sich als Verwalter der Hacienda am anderen Ende der Welt engagiert. „Eine neue Aufgabe in meinem Leben“, sagt der 61-Jährige nach der Trennung von seiner in den USA lebenden Frau. Seine Aufgabe: die Betreuung der Gäste. Die kommen zu 60 Prozent aus Europa, fast jeder Zweite davon aus Deutschland.

„I like the Chilean horses“ – sie möge die braven chilenischen Pferde, sagt die britische Tierärztin auf dem an Ziegenherden und Bienenkorb- Kolonien vorbeiführenden Rückweg zur Hacienda. Das hört Vorreiter Fernando gern. Der 35-Jährige, mit Land und Landwirtschaft verwurzelt, begleitet seine Gäste (auch mit nicht ausgiebiger Reiterfahrung) beim „Goldgräber Trail“ durch die Sierra und durch farbenfrohe Canyons bis in den Bergort Hutardo. Oder er führt auf dem „Inka Trail“ zu historischen Felsmalereien. Anspruchsvoller an Ross undReitersinddiebiszuacht Tage dauernden Touren in die Anden, auf denen in Zelten übernachtet wird. Welche Sattel-Tour die Gäste auch wählen: Sie landen zwischendurch bei Luis und seinen kulinarischen, mitunter von Alfons Schuhbeck inspirierten Genüssen. Und unter den faszinierend leuchtenden Sternenbildern sinniert Hacienda-Verwalter Günther Magura dann fernab aller kommerziellen Denkungsart: „Wer einmal hier war, den lässt Chile nicht mehr los.“

Carlheinz Tüllmann

DIE REISE-INFOS ZU CHILE

REISEZIEL Chile im Südwesten Südamerikas ist das längste und schmalste Land der Welt (4300 Kilometer, durchschnittliche Breite 120 Kilometer). Es reicht von der Grenze zu Peru im Norden bis hinunter zum Kap Horn. Außerdem beansprucht Chile einen Teil der Antarktis. Die Hacienca Los Andes liegt im Norte Chico, dem kleinen Norden, 500 Kilometer nördlich der Hauptstadt Santiago de Chile.

ANREISE Von Frankfurt fliegen Lufthansa (ca. 1500 Euro), LAN/Chile (1200 Euro) und Iberia (1100 Euro) täglich nach Santiago de Chile. Von Santiago dreimal täglich Weiterflug mit LAN nach La Serena, einem Badeort an der Pazifikküste. Flugzeit: eine Stunde, Preis für Hin- und Rückflug ca. 250 Euro. Von La Serena aus Abholdienst im Geländewagen (66 Euro).

KLIMA/REISEZEIT Die Hacienda verzeichnet 310 Sonnentage im Jahr. Beste Reisezeit ist im chilenischen Frühjahr, Sommer und Herbst, d.h. von September bis Anfang April. Angenehme, trockene Höhenluft, Tagestemperaturen von 23 bis 30 Grad, nachts 15 bis 20 Grad. Meist sternklarer Himmel.

REISETYP Chile ist kein Magnet für Massentourismus. Für Badeurlaub ist der Pazifik zu kalt, die Küste zu schroff. Aber das Land fasziniert Individualreisende und Entdeckertypen mit vier Klimazonen: von der trockensten Wüste der Welt im Norden (Atacama) bis zur Antarktis im Süden. Dazwischen erstrecken sich riesige Weinfelder, die schneebedeckte Andenkette und eine Seenlandschaft mit deutschen Namen an Hotels und Geschäften: Die Region zwischen Valdivia und Puerto Montt wurde ab 1851 von deutschen Einwanderern kultiviert.

WOHNEN Die Hacienda Los Andes liegt auf der Route zwischen der Hauptstadt Santiago und San Pedro de Atacama. Sie hat sechs Zimmer, je mit Privatbad und Palmengarten. Übernachtung ab 34 Euro pro Person, Reitausflüge ab 75 Euro. Pauschale „Hacienda Cocktail“ (drei Übernachtungen, zwei Tage Reiten oder Geländewagentouren) ab 465 Euro pro Person im DZ. „Condor Trail“ (acht Tage mit Pferden in den Anden mit Vollverpflegung) ab 1900 Euro. Die meisten Gäste bleiben drei bis fünf Tage als Zwischenstation oder zum Abschluss einer Chile-Rundreise. Kontakt im Internet unter www.haciendalosandes.com.

VERANSTALTER Individuelle Chile- Rundreisen sowie einzelne Reisebausteine kann man u.a. über den Südamerika-Spezialisten Akzente Reisen buchen. Tel. 09232/ 99 66 88, www. akzente-tours.de.

REISEFÜHRER für Chile und Osterinseln von Marco Polo (9,95 Euro), Iwanowski’s (25,95 Euro) oder Dumont (24,95 Euro).

WEITERE INFOS Gut gemachte Internetseite der Wirtschaftsabteilung des chilenischen Generalkonsulats in Hamburg im Internet unter www.chileinfo.de.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Naturpark Harz trägt bis 2021 Qualitätssiegel

Naturparke gibt es viele in Deutschland. Doch nicht immer wird mit ihnen nachhaltig umgegangen. Ein Qualitätssiegel bestätigt, dass Tourismus und Naturschutz vereint …
Naturpark Harz trägt bis 2021 Qualitätssiegel

Neue Kreuzfahrtziele in Deutschland, Europa und Asien

Deutschland boomt: Immer mehr Routen für Flusskreuzfahrten werden hierzulande angeboten. Aber auch europaweit locken Urlaubsangebote auf einem Schiff. Und wer sich Asien …
Neue Kreuzfahrtziele in Deutschland, Europa und Asien

Skiverbundkarten können sich für Vielfahrer lohnen

Die Skigebiete im Allgäu, Kitzbühel und Wallis bieten Touristen besondere Karten an. In der Wintersaison 2016/17 gibt es Verbundkarten. Allerdings sollten Interessenten …
Skiverbundkarten können sich für Vielfahrer lohnen

Cluburlaub auf der Fernstrecke

Die deutschen Clubmarken - allen voran die Tui-Gruppe - eröffnen künftig verstärkt Anlagen auf der Fernstrecke. Das Konzept von Robinson & Co. wird sich dadurch ändern, …
Cluburlaub auf der Fernstrecke

Kommentare