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Harzer Idylle: Nur der Name des Örtchens Elend ruft unangenehme Assoziationen hervor.

Jammertal?

Elend und Sorge locken Touristen in den Harz

Die Namen klingen wenig einladend: Elend und Sorge. Doch dort, wo die befremdlichen Ortsschilder am Wegesrand auftauchen, ist der Harz aber besonders verführerisch.

Bachtäler in schroffem Fels, Pfade unter dichten Baumkronen und schmale Stege über dahinplätschernde Gewässer - zwischen Elend und Sorge präsentiert sich der Harz von seiner romantischsten Seite. Und wie im Heimatfilm schnauft eine betagte Dampflok vorbei, ein paar altmodische Waggons mit Touristen hinter sich herziehend. Der Zug gehört zu den Harzer Schmalspurbahnen, die Elend und Sorge bereits seit Ende des 19. Jahrhunderts mehrmals täglich mit der Welt verbinden.

Nicht nur Eisenbahnnostalgiker, auch Wanderer lieben diese Züge, tragen sie doch erheblich zu deren Bequemlichkeit bei. Man marschiert eine Strecke und lässt sich die andere fahren. Beispielsweise von Elend zum Brocken. Entlang der Kalten Bode - der Bach schwillt bei Schneeschmelze zu einem reißenden Gewässer an - führt der holprige Pfad durch das wilde Tal nach Schierke. Und von da direkt hinauf auf den mit 1142 Metern höchsten norddeutschen Berg. Quasi parallel zum Weg liegt der Schienenstrang zum Gipfel.

Harzer-Hexen-Stieg

Den Harz durchziehen zahlreiche Wanderwege unterschiedlicher Schwierigkeitsgrade, darunter der Harzer-Hexen-Stieg von Osterode über den Brocken zum Hexentanzplatz Thale. Für die fast 100 Kilometer müssen Wanderer mehrere Tagesmärsche mit Übernachtungen einplanen. Wer nicht auf den höchsten Gipfel will, der geht auf der Brockenumgehung und kommt so direkt nach Elend.

Auf diesem Weg ist robuste Outdoorbekleidung von Vorteil, denn das Mittelgebirge gilt als regenreich. Der meiste Niederschlag fällt im Juni. Und auch auf Wetterumstürze müssen Wanderer gefasst sein.

Elend, das wie Sorge seit 2010 zur Stadt Oberharz am Brocken gehört, verweist mit Stolz auf seinen Status als staatlich anerkannter Luftkurort. Laut Chronik besuchten das Bergdorf bereits 1890 rund 50 Sommergäste. Zwischen den beiden Weltkriegen war es jedes Jahr Ziel Zehntausender Urlauber. Zu DDR-Zeiten durften vor allem verdiente und linientreue Genossen ihre Ferien in den Erholungsheimen an der innerdeutschen Grenze in Sachsen-Anhalt verbringen.

Loipennetz und Wanderwege

Wie Mandy Leonhardt vom örtlichen Tourismusbüro sagt, bietet der Ort etwa 370 Betten, verteilt auf zwei Hotels sowie einigen Pensionen und Ferienwohnungen. Sie seien nicht nur im Sommer gefragt, sondern auch im Winter. Ein ausgebautes Loipennetz für Langläufer, Wanderwege und Rodelbahnen ziehen Urlauber an - wenn Schnee liegt. „Wir liegen etwa 500 Meter über dem Meeresspiegel und sind eigentlich schneesicher“, sagt Leonhardt. Für Abfahrtsläufe muss man ins nahe Schierke oder Braunlage fahren.

Hochgenuss im Winter: Langlauf gehört zu den vielfältigen Freizeitvergnügen zwischen Elend und Sorge.

Die meisten Touristen interessiert, wie denn das idyllische Elend zu seinem Namen kann. Ortsbewohner - es gibt etwa 550 - verweisen auf den althochdeutschen Begriff „eli-lenti“, was in etwa „fremdes Land“ bedeutet. Daraus wurde das mittelhochdeutsche „Ellende“, von dem sich der Ortsname ableitet. Die Gegend erlebte allerdings auch sehr schlechte Zeiten, als in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine Eisenverhüttung geschlossen wurde und die Männer erwerbslos wurden. Erst durch den aufkommenden Fremdenverkehr verbesserte sich die wirtschaftliche Lage.

Auch im Nachbarort Sorge mag man den Namen nicht auf schlechte Verhältnisse in dieser entlegenen Region zurückführen. Der Name stamme vom mittelhochdeutschen Wort Zarge ab, was Grenze bedeute, meint Ortsbürgermeisterin Inge Winkel. Tatsächlich trafen hier früher verschiedene Hoheitsgebiete aufeinander, im frühen 19. Jahrhundert das des Königreichs Preußen und das des Herzogtums Braunschweig. Nach der Teilung Deutschlands lagen Sorge und Elend direkt am Todesstreifen und wurden zu Sperrgebiet.

Stille Zeitzeugen: Im Sorger Grenzmuseum können Touristen originale Teile der ehemaligen DDR-Grenzanlagen besichtigen.

Inge Winkel lebte zur DDR-Zeit im Grenzgebiet und stellte sich unmittelbar nach der Wende die Aufgabe, „die Erinnerung an die Zeit der Teilung Deutschlands wachzuhalten“. Auf dem ehemaligen Grenzstreifen blieben ein Wachturm, Grenzzäune, eine Gewässersperre, eine Hundelaufanlage und ein Erdbunker erhalten. Auf dem ehemals schwer gesicherten Patrouillenweg spazieren heute unbehelligt Touristen und Einheimische. Informationstafeln stellen das System der Grenzsicherung dar.

Rocken am Brocken

Der Harz zieht zunehmend jüngere Besucher an, besonders wenn es zwischen Elend und Sorge laut wird. Seit sieben Jahren versammeln sich im Sommer Fans auf einer Wiese zum Freiluftfestival "Rocken am Brocken". Etwa 5000 waren es 2013. In diesem Jahr rockt der Brocken vom 31. Juli bis zum 2. August.

Das Festival "Rocken am Brocken" zieht zunehmend auch junges Publikum in den Harz.

Und auch sonst breitet sich zwischen Elend und Sorge kein Jammertal aus: Hoch geht es her, wenn in der traditionellen Walpurgisnacht Feuer die bösen Geister vertreiben und tags darauf Maibäume aufgerichtet werden. Im Winter wird es sportlich exklusiv. Wie im mondänen Schweizer Ferienort St. Moritz finden Wettbewerbe im sogenannten Skikjöring statt.

Bei diesem aus dem Norden Skandinaviens stammenden Sport lassen sich Skifahrer an einem Seil über eine Schnee- oder Eispiste schleppen. In der Traditionsklasse zieht ein Pferd oder Pony die Wagemutigen; in der Motorklasse ein Motorschlitten, ein Geländewagen, ein Motorrad oder ein Quad. Rund 10.000 Besucher wohnen diesem Spektakel nach Angaben der Veranstalter jährlich bei. Statt Elend und Sorge zu leiden, genießen sie Erholung, Sport und die romantisch wilde Natur.

Von Horst Heinz Grimm, dpa

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