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Ambulanzfliegern haben in der Urlaubszeit Hochkonjunktur.

Fliegender Rettungswagen

Dieses Flugzeug holt kranke Urlauber heim

München - Für den ADAC ist 2014 ein Schreckensjahr. Der Skandal um manipulierte Daten treibt den Autoclub weiter um. Doch das Geschäft geht weiter. Zum Beispiel bei den Ambulanzfliegern, die in der Urlaubszeit Hochkonjunktur haben.

Mit einem gebrochenen Oberschenkel liegt Eyüp Tutuk auf einer Liege im Ambulanzflugzeug. Der Berliner hat seine Mutter in der Türkei besucht, wollte mit der Familie in der Nähe von Izmir den Urlaub verbringen. Bis ein Sturz die Reise abrupt beendet. Tutuk will sich nun in Berlin operieren lassen - der ADAC bringt ihn nach Deutschland. „Ich hätte nie gedacht, dass ich das mal brauche“, sagt der 46-Jährige.

Fast 14 000 Menschen hat der Autoclub nach eigenen Angaben im vergangenen Jahr aus dem Urlaub zurückgeholt. Nicht alle per Flieger - manchmal geht es schneller und günstiger mit einem Krankenwagen. Auch nach den heftigen Turbulenzen wegen der Manipulationsaffäre des ADAC setzen viele Touristen auf die Hilfe der „Gelben Engel“.

Für Crew und Patienten wird es ein langer Tag. Der gelbe Flieger ist um 10 Uhr in Nürnberg gestartet. Es geht in die Türkei, nach Griechenland, Berlin, Düsseldorf und wieder nach Nürnberg. Gut 5000 Kilometer, mit fünf Starts und Landungen. An Bord des fliegenden Krankenwagens: drei Piloten, der Münchner Arzt Hans Friedrich und die Sanitäter Lennart Nebeck und Simone Wülk aus Erlangen.

Vier Ambulanzmaschinen hat der ADAC im Nürnberger Hangar stehen. „In der Ferienzeit herrscht Hochbetrieb“, sagt Sprecher Jochen Oesterle. Nahezu täglich sind alle vier Flugzeuge im Einsatz. 32 Piloten fliegen um die Welt, um verletzte oder erkrankte Touristen abzuholen. Sofern diese über eine Auslandskrankenversicherung oder PlusMitgliedschaft beim Autoclub verfügen - oder bei einem anderen Anbieter wie der DRF Luftrettung entsprechend versichert sind. In Einzelfällen holt der Ambulanzflugdienst auch Nicht-Mitglieder ab, etwa wenn Kinder in Not sind. Oder bei Einsätzen in Katastrophengebieten wie nach dem Tsunami in Asien 2004.

Medizin und Fliegen - zwei Leidenschaften des Anästhesisten Friedrich. Der Ambulanzflug ist für ihn die ideale Kombination. Zwei- bis dreimal im Monat ist er an Bord, eigentlich arbeitet er in einem Münchner Krankenhaus. Kürzlich war der Arzt in Kalifornien im Einsatz. „Mit Urlaubsromantik hat das nichts zu tun. Das war ein knallharter 78-Stunden-Trip.“

Friedrich zieht ein GPS-Gerät aus der Tasche. Das Mini-Flugzeug auf dem Display nähert sich der Türkei. „Lange kann es nicht mehr dauern“, sagt er und blickt aus dem Fenster aufs Mittelmeer.

Von der ADAC-Krise fühlt sich der Arzt nicht betroffen. Die Manipulationen beim Leserpreis „Gelber Engel“ findet er „abstoßend“, es sei richtig, die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen. Jedoch: „Die Bereiche, in denen die Verfehlungen begangen wurden, waren für mich von jeher - sowohl als Mitglied als auch als Mitarbeiter - uninteressant.“

Der Dornier Fairchild 328-300 Jet landet auf dem ehemaligen Militärflughafen Balikesir nahe Izmir. Auf dem Rollfeld wartet der Krankenwagen mit Tutuk. Die Helfer betten ihn auf eine Trage um und hieven ihn vorsichtig über die schmale Treppe ins Innere der Maschine. Das linke Bein des Mannes ist verbunden, zwei Tage zuvor hatte er den Unfall. Viel länger kann die OP nicht hinausgezögert werden. Die türkischen Pfleger schießen Erinnerungsfotos vor dem gelben Flieger, dann hebt die Maschine ab. Durch das Fenster ist die Küste zu sehen, strahlend blauer Himmel und Sonnenschein machen Lust auf Urlaub - doch der ist für Tutuk vorbei.

„Ich bin beim Spazierengehen eine Böschung hinabgerutscht“, erzählt der 46-Jährige, während das Flugzeug nach Thessaloniki unterwegs ist. Beim Röntgen wurde klar: Der Oberschenkelknochen ist gebrochen und muss operiert werden. „Das möchte ich lieber in Berlin machen lassen.“

Über einen Monitor hat der Arzt Tutuks Puls im Blick. Simone Wülk spritzt dem Patienten ein Schmerzmittel. „Ich bin hier Sanitäterin, Psychologin und Stewardess“, sagt sie. Gemeinsam mit ihrem Kollegen versorgt sie die Patienten mit Getränken und serviert auch den Piloten eine Mahlzeit. Heute gibt's Würstchen.

15 Uhr: Landeanflug auf Thessaloniki. Hier warten zwei ältere Frauen auf Hilfe. Eine 76-Jährige hat im Urlaub einen Schlaganfall erlitten, kann kaum noch sprechen. Eine 75-Jährige hat ein Lungenproblem, bekommt nur schwer Luft. In der Wartehalle stehen die zwei Krankenwagen bereit. „Das ist nicht immer so“, sagt Wülk. Manchmal muss sie lange auf die Patienten warten. Bei einem Einsatz in Albanien hat sie einmal erlebt, wie ein Patient mit der Eselskarre zum Flugplatz geschafft wurde. „Man weiß nie, was passiert.“

Es ist drückend heiß. Die Krankenwagen fahren die Touristinnen direkt an die Maschine. Flugarzt Friedrich bespricht sich kurz mit der örtlichen Ärztin, dann werden die Patientinnen in den Flieger gebracht. Es geht zurück in die Heimat. Die beiden Frauen liegen hintereinander auf der einen Seite des Fliegers, gegenüber liegt Eyüp Tutuk. Es ist eng, Privatsphäre gibt es nicht. Aber alle sind froh, dass es nach Deutschland geht.

Aus dem Blickwinkel deutscher Touristen seien die Klinikstandards in südlichen Ländern schlecht, sagt Wülk. „Bei vielen fließen Tränen, wenn sie den gelben Flieger sehen und deutsche Stimmen hören.“ Denn selbst in guten Kliniken sorgten Sprachprobleme für Verunsicherung bei den Patienten. „Sie können sich nicht verständigen und verstehen nicht, was die Ärzte mit ihnen vorhaben.“

Allein durch Mitglieds- oder Versicherungsbeiträge lassen sich dem ADAC zufolge die Kosten für ein weltweites Hilfenetz kaum decken. Je nach Urlaubsland - etwa in Übersee - können pro Person bis zu 100 000 Euro anfallen. Aber der Autoclub betreibt parallel einen geschäftsmäßigen Flugservice, etwa für Unternehmen, und verschafft sich dadurch zusätzliche Einnahmen. Mehrere Maschinen stehen dafür in Nürnberg bereit. „Und im Notfall können wir diese als Ambulanzflugzeug nutzen“, sagt Oesterle.

Das Urlaubsverhalten hat sich geändert: Auch ältere Menschen machen gerne Fernreisen. Das spiegelt sich bei den Patienten. „In erster Linie sind es Herzinfarkte, Schlaganfälle oder Oberschenkelhalsbrüche, die wir betreuen“, sagt Krankenschwester Wülk. Dazu kommen Unfallopfer, Klippenspringer, verunglückte Kinder und „die typischen Mallorca-Balkonhüpfer“ - junge Menschen, die betrunken vom Hotelzimmer aus in den Pool springen wollen und daneben landen. Da gibt es Verletzungen vom Knochenbruch bis zur Querschnittslähmung. Teilweise werden die Patienten auch an Kliniken oder Arztpraxen am Urlaubsort vermittelt.

Ankunft Berlin. Ein Krankenwagen steht auf dem Rollfeld und holt Eyüp Tutuk ab. Der lächelt und dankt seinen Helfern. Weiterflug nach Düsseldorf. Hier werden die beiden anderen Patientinnen abgeholt.

Als das Team in Nürnberg landet, ist es Nacht geworden. Das Flugzeug wird nun gereinigt. Am nächsten Tag fliegen die „Gelben Engel“ wieder. Es geht nach Ungarn. Eine Familie hatte einen schweren Verkehrsunfall.

dpa

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