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Das Fenster zum Universum: Pedro Pablo in der Tatacoawüste.

Kolumbien

Kaffee, Kunst und großartige Naturkulissen

Von Krimis um Drogenkartelle spricht heute niemand mehr. Für Kolumbien hat eine neue, friedvolle Ära begonnen. Um 39 Prozent stieg letztes Jahr der Anteil der deutschen Touristen...

...in dem vielseitigen mittelamerikanischen Land. Berauschend sind heute die Geschichten hinter den Gesichtern. Andreas Werner hat sie erlebt.

Der Schreiber von CARTAGENA
Leben, um davon zu erzählen

Hat einen berühmten Namensvetter: Alvaro Garcia, der Schreiber aus Cartagena.

Alvaro Garcia zupft noch einmal sein Hemd zurecht, dann lächelt er sanft, er ist bereit für ein Foto. Sitzt da, seine Hände ruhen auf einem schlichten Tisch, darauf sein Arbeitsgerät: eine Schreibmaschine, die so aussieht, als hätten bereits Generationen von Garcias mit ihr gearbeitet.
Alvaro Garcia sitzt wie eine kleine, ruhige Insel mitten im Markttreiben von Cartagena, einem spanischen Kolonialstädtchen an der kolumbianischen Karibikküste, das die Unesco zum Weltkulturerbe erklärt hat. Er tippt Korrespondenzen seiner Landsleute, die selber nicht lesen und schreiben können. Rund 80 Briefe am Tag bringt er zu Papier.

„Aber wisst ihr was? Eigentlich habe ich diese ganzen Romane geschrieben, die von dem anderen Garcia“, sagt Alvaro Garcia und lacht schallend. Ein Witz, na klar, aber man glaubt es ihm, dass auch er einiges zu erzählen hätte. „Leben, um davon zu erzählen“, heißt ein Buch des vielleicht berühmtesten Sohnes von Kolumbien. Es gibt einige Landsleute, die finden, der Erfolg von Gabriel Garcia Marquez sei leichtes Spiel gewesen – er musste ja nur schreiben, was er sah.

Tatsächlich trifft man auf den Straßen und in den Wäldern des südamerikanischen Staates viele Menschen, die viel zu erzählen haben. Kolumbien hat düstere Zeiten hinter sich, doch die Guerillas und Paramilitärs, die Drogen und die Entführungen bestimmen längst nicht mehr den Alltag. Das Land ist gerade dabei, sich selbst zu entdecken.

Der Kaffee-Experte aus SALENTO
Kolumbiens beste Bohne

Wo Kaffee zu Kunst wird: Jesus Martin im immergrünen Cocoratal.

Jesus Martin wirft gleich bei seinem ersten Satz ein Weltbild über den Haufen. „Kolumbien hat keine Kaffee-Tradition“, sagt er und beugt sich wieder über eine Tasse, um penibel wie ein strenger Magier mit Milchschaum einen Bärenkopf auf die braune Oberfläche zu zaubern. Kolumbien produziert Kaffee ohne Ende, in den 70ern war man von der Quantität weltweit Nummer 1, heute ist man es in Sachen Qualität. 1802, das Land war noch nicht mal unabhängig, erklärte der Freiheitskämpfer Simon Bolivar das Gebräu zum Nationalgetränk – und da soll keine Tradition vorhanden sein? Jesus Martin bleibt eisern: Ware mit Qualität wird umgehend exportiert, und so haben seine Landsleute den Geschmack verloren. Er will Kolumbien den Kaffee wieder schmackhaft machen. In Salento, einem Städtchen am Fuß des von Nebelwäldern und Wachspalmen verzauberten Cocoratals, in dem noch Cowboys durch die Straßen galoppieren, hat er ein Café aufgemacht mit der Prämisse, nur das Feinste vom Feinen auszuschenken. Erst blieb sein hübscher Laden oft leer, heute warten die Leute schon um acht Uhr vor der Tür. „Ich biete ein Erlebnis mit Kaffee – was ich mache, ist Kunst“, sagt er. 20 Tassen am Tag konsumiert er dabei selbst.

Der Grabwächter von SAN AGUSTIN
Im Reich der Schamanen

Spirituelle Erfahrungen aus der Natur: Armando Cabrera im Archäologiepark von San Agustin.

Kolumbien und die Droge? Das Land ist ja nicht nur für Kaffee bekannt. Armando Cabrera zuckt zusammen, als man ihn darauf anspricht, ob irgendwo Coca-Pflanzen wachsen. Möglich scheint es allemal – hier, in den grünen, saftigen Weiten von San Agustin. Aber Armando (40) ist nur gut für berauschende Geschichten, die er uns im Schatten einer fünf Meter hohen Adler-Skulptur erzählt. Armando führt die Besucher durch die archäologischen Parks, die mit rätselhaften Grabwächtern aus Vulkanstein aufwarten. Die Figuren wurden Anfang des Jahrtausends von einer Kultur angefertigt, über die man bis heute nicht viel weiß. Vor zehn Jahren, so erzählt Armando, suchte er einen Schamanen auf. Fragen beschäftigten ihn: Wo hält sich Gott in dieser Welt versteckt, und wo ist sein eigener Platz? Bei einer Yage-Zeremonie versetzte ihn der Schamane in den Trance-Zustand und nahm ihn auf eine spirituelle Reise mit. Armando flog über das Land, er sah sein Dorf, die Flüsse, die Berge, den Dschungel, die Tiere, und dann hatte er die Antworten: Gott steckt in jedem Detail dieser Welt – und sein eigener Platz ist der des Menschen, der alles schätzen und bewahren soll. Armando erzählt mit Inbrunst, er berichtet auch, dass er sich in eine Schlange verwandelt hat und seitdem keine Angst mehr vor Schlangen hat. Coca? Drogen? Er winkt ab. „Die Natur schenkt genug spirituelle Erfahrungen.“

Die Dinosaurier von VILLAVIEJA
Wo es zu schön ist, um zu sterben

Das Fenster zum Universum: Pedro Pablo in der Tatacoawüste.

Eine Tagesreise von San Agustin entfernt am Rande der Tatacoawüste liegt Villavieja. Das 3000 Einwohner zählende Örtchen rühmt sich als ruhigste Gemeinde von Südkolumbien. Es gebe hier keine Prostitution und kein Gefängnis, sagen sie. Es gibt einen Friedhof, ja, aber sogar auf dem geht es ruhig zu. „Hier ist es zu schön, um zu sterben“, sagt Pedro Pablo und grinst breit unter seinem Sombrero hervor. Dabei hat es Zeiten gegeben, da war hier viel los. Wo heute klapprige Kühe Kakteen anknabbern, trieb sich einst eine Unzahl an Dinosauriern in üppigen Landschaften herum. Villavieja nennt sich „das Fenster zum Universum“, das mag widersprüchlich klingen angesichts eines so verschlafenen Örtchens. Aber ein Besuch im Museum belehrt einen eines Besseren. Und der Anblick der Tatacoawüste erst recht. 330 Quadratkilometer ist sie groß, und streng genommen gar keine Wüste, sondern ein erstarrtes Meer aus Tonerde. Heute leben hier ein paar Taranteln, rund 100 Familien – und ein paar Schlangen, was nur sinnvoll ist: Der Name Tatacoa stammt von einer heute ausgestorbenen Korallenschlange. Und Pedro sagt: „Wir nennen auch unsere Frauen Tatacoa – weil sie schön und gefährlich sein können.“

Die Herrschaften von BOGOTA
Kolumbien in Anzug und Krawatte

Der Stein des Weisen: Der deutsche Smaragdhändler Uwe Lethaus in Bogota.

Schön und gefährlich – trifft das auf Kolumbien zu? Ist es in den Straßen von Bogota gefährlich? Nein. Muss man aufpassen? Ja. Aber wer mit offenen Augen durch die Neun-Millionen-Einwohner-Metropole flaniert, erlebt einen bunten Mix: Bogota ist so etwas wie Kolumbien in Anzug und Krawatte, doch auf der Avenida Jimenez stehen Männer, die noch heute Schnauzbart- und Desperado-Romantik verströmen. Es sind Schwarzhändler, die Unwissenden fragwürdige Smaragde andrehen. Jeder weiß es – doch die Polizei stört sich nicht daran. Man legt Wert auf ein wenig Folklore. Der Kolumbianer ist gerne Macho – und er strahlt es gerne aus.

Der Stein des Weisen: Der deutsche Smaragdhändler Uwe Lethaus in Bogota.

Hinter der Indianerin, die an einer Straßenecke auf dem Boden mit einem zahnlosen Lächeln Halsketten anpreist und dem Bäcker, der mit einer Gitarre vor seinem Laden sitzt, empfängt Uwe Lethaus in seinem kleinen Geschäft Menschen, die echte Smaragde mit nach Hause nehmen wollen. Kolumbien kann mit der besten Qualität der Steine weltweit protzen. Der Liebe wegen ist Leuthas vor drei Jahren nach Bogota gekommen. Weg will er nicht mehr. „Ich vermisse die Jahreszeiten – aber sonst findet man doch hier alles, was man sich wünscht.“

Auf jeden Fall alles, was gute Geschichten ausmacht. Kolumbien ist ein schlafender Riese, der nach schweren Zeiten erwacht – und dabei selbst gerade entdeckt, wie viel er zu erzählen hat.

Andreas Werner

DIE REISE-INFOS ZU KOLUMBIEN

REISEZIEL Kolumbien liegt zwischen Mittel- und Südamerika. Es teilt seine Grenzen mit Panama, Venezuela, Brasilien, Peru und Ecuador. Nach Brasilien, Argentinien und Peru ist es mit insgesamt 1 140 000 Quadratkilometern das viertgrößte Land des Halbkontinents. Seine Fläche entspricht drei Mal der Größe Deutschlands. Kolumbien zählt rund 46 Millionen Einwohner.

ANREISE Lufthansa fliegt seit November täglich von Frankfurt nach Bogota. Ab ca. 950 Euro. Im Reisebüro oder unter www.lufthansa.com.

REISETYP Outdoorfans kommen in zahlreichen Nationalparks mit vielen Trekkingmöglichkeiten auf ihre Kosten, Dschungelfans in der Amazonasregion. Der Fluss Cano Cristales ist der bunteste Fluss der Welt. Wer Wassersport liebt, kann sich an Küsten an zwei Ozeanen austoben (Kolumbien hat als einziges Land in Südamerika Zugang zu Atlantik und Pazifik). Freunden von lateinamerikanischer Musik ist ein Ausflug nach Cali empfohlen. Bogota ist eine spannende Metropole, Cartagena eine Perle an der Karibikküste. Freunde der Archäologie bestaunen die Vulkanstatuen rund um St. Agustin sowie die Gold- und Smaragdvorkommen des Landes. Gemessen an seiner Größe hat ­Kolumbien die meisten Tier- und Pflanzenarten weltweit.

SEHENSWERT Das Goldmuseum in Bogota, die Salzkathedrale am Stadtrand bei Zipaquira, das Kloster Monseratte sowie die Altstadt der Metropole. Die archäologischen Stätten mit ihren rund 2000 Jahre alten Vulkanstatuen bei San Agustin. Das Cocoratal mit den höchsten Palmen der Welt (Wachspalmen); sehr empfohlen auf dem Rücken eines Pferdes zu erkunden. Die Tatacoa-Wüste erinnert an den Grand Canyon, nur im Mini-Format – ist aber deswegen nicht minder spektakulär. Besuch und Übernachtung auf einer Kaffee-Finca. Die Festung von Cartagena – die größte Festung, die die Spanier je außerhalb ihres Landes errichtet haben. Sie wurde nie eingenommen. Cartagena war zur Kolonialzeit die wichtigste Stadt der Iberer.

VERANSTALTER Aventoura in Freiburg ist Spezialist für Kolumbien-Reisen. Ein breites Spektrum bieten die Rundreisen „Tierra Magnifica“ (zweiwöchig, Termine im Frühjahr 2013, 3140 Euro pro Person) und „Kolumbien Active“ (18 Tage, Termine im Februar und April 2013, 3390 Euro). Info und Buchung unter Tel. 0761/2116990, www.aventoura.de.

WEITERE INFOS Viele Informationen über Kolumbien liefern die Internetseiten www.colombia.travel und www.kolumbien.de.

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