100 Jahre Schweizerischer Nationalpark
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Schweizer Wildnis: Wanderer stoßen im Nationalpark auf eine Landschaft, die Wind und Wetter geformt haben - und nicht der Mensch.

Schweizer Wildnis

100 Jahre Schweizerischer Nationalpark

Vor 100 Jahren stimmten Schweizer Volksvertreter für die Schaffung des ersten Naturschutzgebietes der Alpen. Heute ist das einzigartige Freiluftlabor im Engadin populärer denn je.

Überall läuten Glocken. Und der Himmel über der Schweiz wird von Feuerwerken erleuchtet, wenn die Eidgenossen alljährlich am 1. August ihren Bundesfeiertag begehen. Doch in der „wildesten Ecke“ des Landes gibt es eine Ausnahmezone. Auf einem Gebiet von 170 Quadratkilometern an der Grenze zu Italien dürfen weder Böller noch Sektkorken knallen. Dabei gibt es gerade dort allen Grund zum Feiern: Am 1. August 1914 wurde im Engadin das erste und bis heute einzige reine Wildnisgebiet der Alpen eröffnet. 100 Jahre danach ist der Schweizerische Nationalpark bei Naturfreunden populärer denn je.

„Nirgendwo sonst in den Alpen lässt sich völlig unberührte Wildnis so erleben wie hier“, sagt Parkwächter Domenic Godly. Dafür bürgt das Siegel „Schutzkategorie 1a“. Es ist das höchste, das die für ihre jährlich aktualisierte Rote Liste der bedrohten Arten bekannte Weltnaturschutzunion (IUCN) zu vergeben hat.

Die wichtigste Weichenstellung für das Schutzgebiet im Kanton Graubünden war einige Monate vor dem Schweizer Nationalfeiertag des Jahres 1914 in Bern erfolgt. Am Morgen des 25. März rief der Abgeordnete Walter Bissegger nach langen Debatten seine Kollegen auf, eine „grundsätzliche Entscheidung“ zu fällen: „Wollen wir für Tiere und Pflanzen eine Freistätte schaffen, aus dem jeder menschliche Einfluss soweit immer möglich ausgeschlossen ist, in dem keine Axt und kein Schuss mehr erklingt, kein Haustier mehr weiden darf?“

Die Mehrheit der „Ja“-Stimmen war überwältigend. Und sie kam zur rechten Zeit. Einige Monate später, so meinen Historiker, wäre das ehrgeizige Projekt womöglich gescheitert: Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges sorgte auch in der neutralen Schweiz für erhebliche Verunsicherung. Etliche Vorhaben, die ähnlich wie der Nationalpark mit hohen Kosten verbunden gewesen wären, wurden angesichts des Ungewissheiten des Krieges auf Eis gelegt.

Möglich wurde die Pionierleistung zudem nur dadurch, dass die betroffenen Gemeinden im Engadin der dauerhaften Verpachtung ihrer benötigten Gebiete zustimmten. Landwirte wie Jäger oder Köhler mussten sich vollständig daraus zurückziehen. Abgesehen von einigen wenigen Schutzhütten und 80 Kilometer langen, meist nur schmalen Wanderwegen und einigen Holzbrücken über oft reißende Gewässer ist das gesamte Areal seit 100 Jahren sich selbst überlassen.

„Rund 150.000 Besucher - viele übrigens aus Deutschland und Österreich - erleben hier jährlich Wildnis pur“, sagt Godly. Sie wandern durch Wälder, in denen abgestorbene Bäume vermodern, vorbei an Flüssen voller Gestrüpp, an ungedüngten Hangwiesen mit Steinböcken und Murmeltieren sowie an Lawinenresten, in denen noch Kadaver stecken. Das alles umrahmt von schneebedeckten Bergen mit dem 3173 Meter aufragenden Piz Pisoc als höchstem Punkt.

Die größte Attraktion ist im September zu erleben - die Hirschbrunft im Hochtal Val Trupchun im Süden des Schutzgebietes. Die Kämpfe der Hirschbullen um die begehrtesten Hirschkühe gehören zu den eindrucksvollsten Tierspektakeln der Alpen.

Mit etwas Glück sieht man Bartgeier. Die Greifvögel mit den leuchtend roten Augen und einer Flügelspannweite von bis drei zu Metern waren einst - völlig zu Unrecht - als Lämmer- und Kinderräuber verschrien, wurden verfolgt und in der Natur ausgerottet. Im Nationalpark wurden sie seit 1991 erfolgreich ausgewildert.

„Unser Wildnisgebiet ist auch das größte Freiluftlabor der Alpen“, erklärt der Parkdirektor Professor Heinrich Haller. „Forscher aus aller Welt können hier langfristig studieren, wie sich die alpine Natur ohne Zutun des Menschen entwickelt.“

So werden ehemalige Alpweiden beobachtet, die bis 1914 von Nutztieren wie Kühen und Schafen mit Dung und Urin gedüngt wurden. Seit sich dort allein Wildtiere tummeln, sind bestimmte Weidepflanzen verschwunden, aber insgesamt ist die Pflanzenwelt reichhaltiger geworden. Das größte Lebewesen im Schweizerischen Nationalpark ist übrigens weder ein Hirsch noch ein Bartgeier, sondern ein Dunkler Hallimasch. Mit einer Länge von 500 und einer Breite von 800 Metern (rund 40 Hektar) gilt er als größter und mit seinem geschätzten tausend Jahren zugleich als ältester Pilz Europas.

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Von Thomas Burmeister, dpa

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