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Schwereloser Zustand in einer Unterwasserwelt: Thomas F. sitzt im Alltag im Rollstuhl. Er taucht leidenschaftlich gerne – wie hier auf den Malediven.

Einmal raus

Urlaub mit Handicap im Gepäck

Eine Auszeit vom Alltag – darauf fiebern die meisten in diesen Ferienwochen hin. Einfach wegfahren, die Seele baumeln lassen und sich um nichts kümmern. Für Menschen mit Behinderung ist das oft nicht so einfach.

Ebenso wie ihr Alltag will auch ein Urlaub gut organisiert sein. Drei Münchner mit Handicap berichteten, wie sie die schönste Zeit des Jahres verbringen – und dabei zum Teil ausgefallenen Hobbys nachgehen.

Ein Spastiker auf Tauchstation

Thomas F. liebt Tauchen. Schon als Kind hatte der heute 54-Jährige davon geträumt. Dass er sich, ohne Schwimmen zu können, diesen Wunsch tatsächlich erfüllen könnte, hatte er selbst lange nicht für möglich gehalten. Denn Thomas F. ist Spastiker und sitzt im Rollstuhl. Im Alltag lebt er in einem Appartement in der Stiftung Pfennigparade am Petuelpark.

Schon als kleiner Bub hat ihn seine schwere Behinderung nicht vom Schnorcheln abgehalten. Die Urlaube mit seinen Eltern hat er am liebsten im Wasser verbracht. Als er 1998 seine Leidenschaft aus der Kindheit wieder entdeckte, war es jedoch nicht so einfach, das ungewöhnliche Vorhaben umzusetzen: Erst ein Taucharzt in Mexiko bescheinigte ihm, dass seine körperliche Behinderung kein Hindernis darstellt und seine Lungen das Tauchen mitmachen. Das war, nachdem er bei einigen Urlauben schon viele Stunden mit Tauchlehrern geübt hatte.

Im Internet hatte F. von Verbänden und Schulen für tauchende Rollstuhlfahrer erfahren. Es gab also nicht nur Tauchlehrer, die ausgebildet waren, mit Rollstuhlfahrern zu tauchen; es gab auch Tauchscheine für Menschen mit Handicap. Dabei hat man ein spezielles Zertifizierungssystem eingeführt: Die einen sind Taucher, die von einem erfahrenen Instrukteur begleitet werden müssen, die anderen brauchen nur einen erfahrenen Begleiter, der kein geprüfter Lehrer sein muss. Eine dritte Gruppe kann selbständig tauchen und braucht nur Hilfe, um ins Wasser und wieder zurück an Land zu kommen.

Großer Aufwand für Menschen mit Handicap

Thomas F. gehört zur ersten Gruppe. Er wird von seinem Begleiter geführt, gehalten und bewegt. Ein weiterer Assistent hilft ihm vom Boot ins Wasser.

Thomas F. ist weit herumgekommen. Er hat Wracks auf den Malediven und Unterwasserhöhlen in Mexiko erkundet. Einige der bekanntesten Tauchhotspots der Welt hat er schon besucht, zum Beispiel Ägypten, Bali und die Türkei. Ein unerfüllter Traum blieb bislang jedoch das Great Barrier Reef in Australien. Sechs Wochen, sagt er, müsse man dafür schon einplanen. Und für eine derart lange Reise müsse er erst einmal Assistenten finden.

Und dann ist da noch die Sache mit dem Geld – der Grund, warum Thomas F. nicht möchte, dass sein voller Name in der Zeitung steht. Trotz seiner Berufstätigkeit war F. stets darauf angewiesen, dass er für die teure Pflege zusätzlich Geld vom Sozialamt erhält. Als Leistungsempfänger darf man aber nicht mehr als 2600 Euro pro Jahr ansparen, erklärt F. Alles, was darüber hinausgeht, wird wieder auf die Leistung angerechnet (siehe Interview). Das reicht vielleicht für einen Urlaub – aber nicht, wenn man einen Instrukteur braucht. Deshalb haben ihn seine Eltern finanziell unterstützt – sogar über ihren Tod hinaus. Sein Erbe, das treuhänderisch verwaltet wird, ist ausschließlich für das Reisen gedacht.

In diesem Jahr soll es wieder nach Bali gehen. Ein halbes Jahr etwa dauern die Vorbereitungen für die Reise. Dann endlich kann Thomas F. nicht nur die bunte Meereswelt wieder erleben, sondern auch das Gefühl der Schwerelosigkeit im Wasser, das er so liebt.

Mit Blindenstock auf Deutschland-Tour

Lucia Hoffmann geht gerne ins Museum, wenn sie im Urlaub ist. Die Münchnerin studiert Psychologie. Aber wenn sie frei hat, reist sie am liebsten durch Deutschland, besucht Freunde, erkundet Städte und verbringt Zeit an Ost- oder Nordsee. Die 32-Jährige ist blind. Urlaub ist für sie: Besichtigungen, Kultur und das Meer. Lucia Hoffmann erschließt sich ihren Urlaubsort, indem sie die Atmosphäre einfängt. Sie spaziert gerne durch die Straßen, nimmt wahr, ob sie eng sind oder breit, sitzt im Café und hört darauf, wie die Stimmung der Menschen ist. Einige Städte seien inzwischen gut auf Menschen mit Behinderung eingestellt und haben Reiseführer mit Relief-Karten und Blindenschrift, sagt Hoffmann.

Allein auf Tour: Die blinde Lucia Hoffmann schätzt die Bahn, weil man da Umsteigehilfen organisieren kann.

Im Vorfeld jeder Reise informiert sie sich über die Angebote, die es in einem Ort speziell für Blinde gibt. Auf der Internetseite des Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverbands findet sie meist Tipps und Hinweise. So bieten viele Museen immer wieder spezielle Führungen für Sehbehinderte an.
Unterwegs ist sie meistens mit der Bahn, weil es dort Umsteigehilfen gibt. Drei Tage zuvor muss man das anmelden. Zur Übernachtung schwört Hoffmann auf Hostels. „In Jugendherbergen ist man gut auf allein reisende Blinde eingestellt“, weiß sie aus Erfahrung. Als Studentin muss sie zudem auf ihren Geldbeutel achten.

Außerhalb Deutschlands alleine zu reisen hat sie sich insbesondere wegen der Sprachbarriere bisher nicht getraut. „Für mich ist es sehr wichtig, dass ich problemlos mit den Leuten reden kann.“

Segelboot statt Rollstuhl

Einmal im Jahr raus – das ist für Maximilian Ruder ein absolutes Muss. Der 20-Jährige sitzt im Rollstuhl und ist aufgrund einer Zerebralparese mit Spastik auf ständige Hilfe angewiesen. Dass Reisen anstrengend und für ihn ohne Assistenten unmöglich ist, schreckt Ruder nicht. Allerdings muss ein Assistent erst einmal gefunden werden. Der Schüler, der derzeit die Fachoberschule der Stiftung Pfennigparade besucht, verfügt jedoch über gute Kontakte. Und so hat er vor einigen Jahren zusammen mit einem Assistenten und dessen Freundin ein behindertengerechtes Wohnmobil gemietet und ist durch Holland gereist. 110 Euro pro Tag kostete alleine das Wohnmobil. Diese Kosten übernahm er. Seine Mutter unterstützte ihn finanziell. Die Verpflegung haben sich die drei Reisenden geteilt. „Wir kamen allerdings früher zurück als gedacht. Lagerkoller“, erzählt er.

Entspannen an Deck: Max Ruder (vorne) mit seinem Betreuer Jochen Specht an Bord eines Katamarans in Kroatien.

Sehr eng ging es auch zu, als Maximilian Ruder im vergangenen Jahr erstmals beim Segeln war. Zusammen mit anderen Jugendlichen mit Handicap reiste der 20-Jährige dazu nach Kroatien. Sieben Jugendliche, drei Betreuer und zwei ehrenamtliche Skipper waren mit von der Partie. Mit dem Rollstuhl konnte er sich auf dem Katamaran kaum bewegen. Das verlangte den Betreuern große körperliche Anstrengung ab: Sie mussten die Jugendlichen häufig tragen. Auch die sanitären Anlagen unterwegs waren wenig komfortabel für Menschen mit Bewegungseinschränkung. „Da musste man improvisieren“, erklärt Maximilian Ruder. Die Tour hat ihm dennoch großen Spaß gemacht. Und sie sei finanziell gut zu meistern gewesen, erzählt der Schüler.

Die Gruppe war Teil der Friedensflotte der Organisation Mirno More. Dieses Segelprojekt richtet sich an sozial benachteiligte Kinder und Jugendliche aus ganz Europa. Aus diesem Grund unterstützte die Stiftung Pfennigparade das Projekt finanziell.
Auch in diesem Sommer möchte Maximilian Ruder wieder in der Gruppe verreisen. Diesmal ist das Ziel Bibione in Italien.

Sonja Kirchensteiner

„Sozialhilfe kann keine Urlaube finanzieren“

Oswald Utz, Behindertenbeauftragter der Stadt München.

Für Menschen mit Behinderung bedeutet Urlaub nicht nur einen großen organisatorischen Aufwand. Sich eine Reise leisten zu können, ist nicht unbedingt selbstverständlich. Oswald Utz, Grünen- Stadtrat und Behindertenbeauftragter der Stadt, erklärt im Interview, warum.

Welche Schwierigkeiten haben Menschen mit Handicap bei der Finanzierung ihres Urlaubs?

Menschen mit Behinderung sind häufig auf Sozialleistungen angewiesen. Damit können sie ihren Lebensunterhalt bestreiten – aber auch nicht mehr. Das ist das Prinzip der Sozialhilfe. Theoretisch kann man sich daraus ein Vermögen von bis zu 2600 Euro ansparen. Das ist aufgrund der hohen Pflegeund Lebenshaltungskosten aber kaum möglich.

Gibt es die Möglichkeit, anderweitig finanzielle Unterstützung zu erhalten?

Häufig können diese Menschen einen Urlaub nur mit Hilfe von Spenden realisieren.

Was halten Sie von diesem Umstand?

Ich kann verstehen, dass Sozialhilfe keine Urlaube finanzieren kann. Als problematisch empfinde ich jedoch den Umstand, dass Menschen, die ihren Lebensunterhalt selbst finanzieren, aufgrund der hohen Pflegekosten lebenslang auf Sozialhilfe angewiesen sind und sich in letzter Konsequenz kaum einen Urlaub leisten können. Gerade Menschen mit einer schweren Behinderung werden im Urlaub immer Begleitung und Hilfe brauchen.

Muss eine solche Assistenz auch selbst bezahlt werden?

Ja. Es gilt, die Reisekosten und vielleicht auch eine Aufwandsentschädigung stemmen zu können. Das ist meist auch nur über Spenden möglich.

Wie gut sind Fluggesellschaften und Hotels Ihrer Meinung nach inzwischen auf Menschen mit Handicap eingestellt?

Da gibt es trotz allem noch riesigen Nachholbedarf. Leider gibt es auch immer wieder Hotelgäste, die sich über die Anwesenheit von Menschen mit Behinderung beschweren.

Sonja Kirchensteiner

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