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Wo die Welt noch in Ordnung ist: Auf Euböa trifft man eher auf Schäfer wie Dimitrios als auf Auswüchse des Massentourismus.

Insel Euböa: Wo die Krise Urlaub macht

Griechenland-Krise? Nicht auf Euböa! Warum auch, Europa ist weit. Autor Christian Deutschländer hat Griechenlands zweitgrößte Insel bereist.

Es gibt kein Snitsel auf Euböa, und auch kaum Heineken. Noch wirkt Euböa so, sagt unser Autor Christian Deutschländer, wie er sich Kreta vor 30 Jahren vorstellt.

Euböa zeigt auf den ersten Blick wenig Spektakuläres: Karg und rau der Süden, grüner der Norden.

Georgios öffnet das Gatter, und plötzlich bricht im stillen Seitental der Lärm los. 250 Ziegen stürmen mit bimmelnden Glocken den Hang hinauf, stürzen auf die Futterkrippen zu, rempeln, meckern. Der Hirte trabt langsam hinterher und grinst. Der große Auftritt hat geklappt. Ist sonst nicht viel los hier, da muss man so was schon mal inszenieren.

Es duftet nach Rosmarin und Thymian in den Bergen von Euböa. Das ist der typische griechische Geruch, der einen auf den Inseln empfängt, wenn Kerosin oder Schiffsdiesel verflogen sind. Das Gebimmel geht über in zufriedenes Schnurpfen. Georgios steht jetzt zwischen seinen Tieren und brummt ein paar Sätze. „Mein Großvater war Schäfer. Mein Vater war Schäfer. Ich bin Schäfer“, sagt er. Das ganze Jahr über zieht er mit den Ziegen, ein paar Schafen und einem Hund durch die Insel, füttert, melkt, schützt vor Füchsen. Er liebt das Land, sagt er, kennt jeden Trampelpfad in seiner Heimat. Was er nicht kennt, sind Touristen. Je welche gesehen? „Poté!“, ruft er, niemals.

Das ist ein gutes Zeichen für eine griechische Insel. Denn schöner geworden ist selten eine durch den Ansturm an Besuchern. Noch kommt Euböa weitgehend ohne Hotelbunker aus, ohne Touri-Tavernen und Adidas-Imitatläden in den Altstädten.

Die Insel Euböa ist fast schon eine vergessene Insel.

Zugegeben: Man muss Leute wie den Hirten fragen, um Griechenlands zweitgrößte Insel zu erfassen. Sie springt den Besucher bei ersten Mal nicht an. Karg und rau der Süden, grüner der Norden, auf den ersten Blick wenig Spektakuläres. Die großen Ausgrabungen sind nicht hier, keine Akropolis. Nicht mal die Mythologie weiß viel mehr über Euböa zu sagen, als dass es Zeus und Hera auf einem der Berggipfel des Nachts krachen ließen. Die beiden sind nun schon ein Weilchen weg, zurück blieb eine touristisch irgendwie vergessene Insel, die nur gelegentlich in den Nachrichten auftaucht, mit Bränden oder Überschwemmungen.

Die deutschen Urlauber kann man einzeln per Handschlag begrüßen. Mal 50 pro Woche, mal 100, im Monat jedenfalls weniger, als die Ferienflieger alle fünf Minuten in Malle ausspucken. Das hängt natürlich damit zusammen, dass Euböa gar keinen Flughafen hat. Touristen kommen über das zwei Autostunden entfernte Athen, also per Fähre oder über eine Brücke. Was Euböa widerum im Gegensatz zu den meisten anderen griechischen Insel ganzjahres-tauglich macht.

Es duftet nach Rosmarin und Thymian in den Bergen von Euböa

Selten sind es Menschen, die sich drei Wochen all inclusive am Strand bespaßen lassen. Sie wandern durch Kiefernwälder und Pinienhaine, besuchen Klöster, nehmen sich Zeit für die einsamen Schluchten und die ursprünglichen Dörfer.

Die deutschen Urlauber kann man einzeln per Handschlag begrüßen.

„Bis vor ein paar Jahren war Euböa gar keine Ferien-Destination“, sagt Tourismusdirektor Nikos Peppas stolz, das habe sich erst vor ein paar Jahren entwickelt. Das klingt sehr aufstrebend. Tatsache ist allerdings, dass die Insel-Manager heftig zu kämpfen haben. Mit den billigeren Zielen in der Türkei, mit der bekannteren Konkurrenz von Kreta, Kos und Co. Und auch mit der Mentalität der eigenen Leute. In den 70ern zum Beispiel trugen Griechen mal eben das uralte Amphitheater von Eritrea ab, um sich aus den Steinen was Neues zu bauen. Für den kargen Trümmer-Rest, der noch rumliegt, kann man nicht mal Eintritt verlangen. Ziel ist nun, die Zahl der ausländischen Gäste zu verdreifachen. Man wird sie mit mehr Werbung und neuen Hotels anlocken. Das wird ein Balanceakt für die bisher vergessene Insel.

„Mein Großvater war Schäfer. Mein Vater war Schäfer. Ich bin Schäfer“

Es ist spät geworden. Schäfer Georgios ist zurück in seinem Dorf Milios. Ein kleines Dorf ist das, vier Schüler, vier Kafenions, was auch viel über die Altersstruktur aussagt. Georgios sitzt vor einem winzigen, starken Kaffee, diskutiert mit Vassilios, dem Walnussbauern ohne Zähne, und mit Estafios, dem Onkel fast ohne Zähne. Es geht um Politik, um den Alltag, nichts Aufregendes. Wer aber echte Gastfreundschaft erleben will – nicht verwechseln mit dem kostenlosen Ouzo zur Rechnung beim Griechen um die Ecke –, kann das hier. Sofort wird ein Platz freigemacht für die Fremden, in der Mitte, auf dem Hocker mit Polster.

Am Ende steht einer in der Ecke auf. „Ich habe heute Namenstag“, ruft er aufgekratzt in die Runde, „ich lade euch alle ein.“ Und bitte, sagt er, schöne Grüße nach Deutschland. Euböa – eine Insel jenseits der Krise.

DIE REISE-INFOS ZU EUBÖA

REISEZIEL Euböa (die Griechen sagen „Evia“, mit Betonung auf dem E) ist nach Kreta Griechenlands zweitgrößte Insel und liegt östlich von Athen. 175 Kilometer lang, bis zu gut 40 breit, gebirgig, aber vor allem im Norden üppig bewachsen.

ANREISE Am besten über den Flughafen Athen. Aegean fliegt täglich zweimal ab München (Preise ab 20 Euro plus Steuern/Gebühren pro Strecke). Von Athen mit dem Auto über einen Umweg Richtung Norden auf einer Brücke zur Inselhauptstadt Chalkida. Oder vom nahen Hafen Rafina eine Stunde mit dem Schiff (7 Euro pro Person, 26 Euro pro Auto).

REISEZEIT Anfang Mai bis Ende Oktober. Davor und danach werden selten 20 Grad erreicht. Im heißen Juli 30 Grad und mehr, kaum ein Tropfen Regen. Im Hochsommer wird Euböa sehr stark von den Athenern bevölkert, die dem Smog ihrer Stadt entkommen wollen. Zimmer, reichlich vorhanden, sind dann schwieriger zu bekommen. Viele Festlandgriechen haben auf Euböa eigene Ferienhäuser.

SEHENSWERT In Styra gibt es „Drachenhäuser“: uralte Hütten aus Stein, deren Herkunft sich die Inselbewohner nicht anders erklären konnten, als dass Drachen die tonnenschweren Platten herangeschleift haben müssen. Außerdem: die Thermalquellen von Loutra Edipsou und die kargen Ruinen des antiken Handelszentrums Eretria.

REISETYP Bisher vor allem Individualreisende, die mit dem Auto auf holprigen Straßen eigenständig die Gipfel, Steilküsten und Strände der Insel erkunden. Pauschaltouristen mögen die Hotelstandards nur mäßig finden. Für Mountainbiker (im Norden verlaufen Panorama-Strecken am Meer), Wanderer und Surfer ist Euböa ein kleines Paradies.

WEITERE INFOS Griechische Zentrale für Fremdenverkehr, Pacellistraße 5, 80333 München, Tel. 089/22 20 35 36, Mail: info-­muenchen@gzf-eot.de.

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