Die belgische Stadt Mons in der Wallonie ist Kulturhauptstadt 2015.
+
Die belgische Stadt Mons in der Wallonie ist Kulturhauptstadt 2015.

Wallonische Stadt

Kulturhauptstadt 2015 Mons: Google und Van Gogh

Es sind zwei ganz unterschiedliche Orte, die 2015 den Titel Kulturhauptstadt Europas tragen: das tschechische Pilsen, vor allem bekannt für sein Bier, und das belgische Mons, eine frühere Bergbaustadt.

Beide Städte locken die Besucher bis zum Jahresende mit rund 900 Veranstaltungen. Diesen Samstag finden die Eröffnungsfeierlichkeiten in Mons statt. Was die wallonische Stadt ihren Besuchern zu bieten hat:

Steil ist der Weg durch die Rue Cronque hinauf zum Belfried von Mons. Ab 1661 wurde der wuchtige Turm als trutziges Symbol freien Bürgertums gegen die Macht des regierenden Adels errichtet. Seit 1999 steht das Wahrzeichen von Mons auf der Liste des Unesco-Weltkulturerbes. Heuer ist der Turm ein umso bedeutenderes Aushängeschild: Die belgische Kleinstadt nahe der französischen Grenze ist 2015 eine der zwei Kulturhauptstädte Europas.

Die Kulturhauptstadt Mons startet mit van Gogh-Ausstellung.

Den Zeugnissen einer großen Vergangenheit begegnen Besucher auf Schritt und Tritt in Mons und im Landstrich Borinage. „Um 1830 wurde hier mehr Steinkohle gefördert als in Deutschland und Frankreich zusammen“, erläutert Stadtführer Jean-Pierre Masselus. Weil die Industrie boomte, wurde ab 1882 östlich von Mons die künstliche Wasserstraße Canal du Centre gegraben – mit vier hydraulischen Schiffshebewerken.

Das ist die Vergangenheit. Heute überwinden Binnenschiffe im größten Schiffshebewerk der Welt in Strépy-Thieu den Höhenunterschied von 73 Metern. Über den historischen Canal du Centre schippern vor allem Touristen mit kleinen Ausflugsbooten. Kunstfreunde besuchen das Museum für Zeitgenössische Kunst (MAC) in den Bergwerksbauten von Grand Hornu. Auch die vier Schiffslifte und Grand Hornu zählen als Beispiele industrieller Revolution zum Unesco-Weltkulturerbe.

Die Zukunft der Region hat nur zehn Autominuten entfernt bereits begonnen: Hinter haushohen Erdwällen, abgeschottet von der Außenwelt, betreibt Google zwischen Mons und Saint-Ghislain seit September 2010 eines seiner europäischen Datenzentren. „Unser Motto ‚Wo Technologie auf Kultur trifft‘ ist daher mehr als nur ein Schlagwort“, meint Yves Vasseur. Der 63 Jahre alte ehemalige Radiojournalist und Theatermann ist Kurator von Mons 2015.

Seit im Februar 2010 die Entscheidung für Mons fiel, befasst sich Vasseur intensiv mit dem Projekt. 65 Millionen Euro kann er in die Hand nehmen. Das Programm umfasst über 100 Projekte von Theater über Musik, Literatur und Mode bis zu digitalen Technologien. Wenn diesen Samstag der offizielle Start des Festjahres gefeiert wird, können Bürger und Besucher an 20 verschiedenen Plätzen in und um Mons ein Spektakel aus Theater und Tanz, Musik und Licht verfolgen. So wird es etwa in den Gärten des Belfrieds hoch über der Stadt eine Parade Feuer speiender Drachenfiguren geben. „Die Gäste werden Mons mit neuen Augen sehen“, verspricht Vasseur.

UNESCO-Weltkulturerbe: das Kohlebergwerk Grand Hornu bei Mons (Belgien).

Vom 24. Januar bis 17. Mai 2015 läuft in Mons eine Topausstellung. „Van Gogh im Borinage – die Geburt eines Künstlers“ ist im Museum der Schönen Künste (BAM) zu sehen. Das trifft sich gut: Das Kulturhauptstadtjahr und das 125. Todesjahr des Künstlers fallen 2015 zusammen. Van Gogh lebte von August 1879 bis Oktober 1880 in Cuesmes bei Mons. Während der Zeit bei den Arbeitern im Borinage beendete er seine Karriere als Laienprediger und schlug die Künstlerlaufbahn ein. Zeichnungen von Arbeitern und Industrieanlagen entstanden in diesen Monaten. „Van Gogh kam aus großbürgerlicher Umgebung. Was er im Bergbaurevier sah, war für ihn das blanke Mittelalter“, sagt Stadtführer Masselus.

Technologie trifft Kultur – das ist treffend, weil Google in Mons ist und es hier auch das weltweit erste Schlagwortarchiv gibt: das Mundaneum. Die Suchmaschine besteht aus Papier, Holz, kleinen Karteikarten und braunen Archivschränken. Das Schlagwortarchiv wurde 1895 von dem belgischen Bibliothekar Paul Otlet erfunden und von ihm bis in die 1930er Jahre gemeinsam mit Henri La Fontaine weiterentwickelt. Heute besteht das Mundaneum aus sechs Kilometern Archivdokumenten mit zwölf Millionen Karteikarten. Und es ist natürlich: Unesco-Welterbe. Darauf stoßen Besucher der Provinz Hennegau insgesamt 19 Mal.

Mons hofft, als Kulturhauptstadt etwa zwei Millionen Besucher anzuziehen. Das könnte der Stadt neue Jobs bringen. In der früher so reichen Industrieregion beträgt die Arbeitslosenquote etwa 20 Prozent – trotz Google.

Bernd F. Meier

Die Reise-Infos zu Mons

Reiseziel Mons (im Deutschen auch Bergen genannt) liegt im Westen von Belgien in der Provinz Hainaut (Hennegau). Die Hauptstadt Brüssel ist rund 50 Kilometer entfernt. Die Mehrheit der rund 94 000 Einwohner von Mons spricht Französisch. Die wallonische Stadt liegt mitten im Nordfranzösischen Kohlerevier und wurde im 19. Jahrhundert durch den Bergbau reich. Inzwischen ist das Kohleverkommen weitgehend erschöpft und die gesamte Region kämpft mit der hohen Arbeitslosigkeit.

Sehenswert Zu den bedeutendsten Sehenswürdigkeiten der Stadt Mons zählen der barocke Belfried, die gotische Waltrudiskirche, das Museum der schönen Künste (BAM), das Vincent-van-Gogh-Haus und Europas größte und älteste Feuersteinminen im Vorort Spiennes.

Anreise Der nächste größere Flughafen ist Brüssel. Lufthansa fliegt von München aus hin und zurück für rund 140 Euro. Von Brüssel fährt stündlich ein Schnellzug in 80 Minuten nach Mons. Die einfache Fahrt kostet etwa 17 Euro. Auch die komplette Strecke lässt sich mit der Bahn zurücklegen. Die Fahrt von München über Frankfurt am Main und Brüssel oder Köln und Brüssel dauert rund acht Stunden und kostet hin und zurück ab 110 Euro.

Veranstaltungen Rund 300 Veranstaltungen sind in Mons 2015 geplant. Höhepunkt ist die Ausstellung „Van Gogh im Borinage – die Geburt eines Künstlers“ (24. Januar bis 17. Mai 2015) im Museum der Schönen Künste (BAM). Das Museum für Zeitgenössische Kunst (MAC) in Grand-Hornu zeigt unter dem Titel „Der Heilige Georg, der Drache und der Tod“ Gemälde, Zeichnungen und Miniaturen des Heiligen (18. Oktober 2015 bis 17. Januar 2016). Auf dem Grand-Place in Mons findet jährlich am Sonntag nach Pfingsten das Spektakel Doudou statt, der Kampf von Sankt Georg mit dem Drachen. Das vollständige Programm gibt’s im Internet unter www.mons2015.eu.

Mehr Infos Belgien Tourismus Wallonie-Brüssel in Köln unter Telefon 0221/27 75 90. Tourismusbüro Mons unterTelefon 0032/65/33 55 80 und im Internet www.visitmons.be.

Mehr zum Thema

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Ausweiskontrolle: Was genau prüft der Grenzbeamte?

Die Ausweiskontrolle ist an Flughäfen ein üblicher Vorgang. Doch nur wenige Reisende wissen, wie Grenzbeamte bei der Sichtung der Dokumente vorgehen. Ein Experte der …
Ausweiskontrolle: Was genau prüft der Grenzbeamte?

Anschlag in Istanbul: Was Urlauber jetzt wissen müssen

Hannover - Erneut erschüttert ein Anschlag die Türkei. Wie reagieren Reiseveranstalter und Reedereien? Welche Rechte haben Urlauber, die eine Reise in die Türkei geplant …
Anschlag in Istanbul: Was Urlauber jetzt wissen müssen

"Die Urlaubsentscheidungen dauern heute länger"

Die Zeiten sind sehr politisch, die Gesellschaften in vielen Ländern nicht nur in Europa scheinen sehr polarisiert. Wirken sich Politik und Image eines Landes auf das …
"Die Urlaubsentscheidungen dauern heute länger"

Vogelbeobachtung: Neue Route in Costa Rica

Tolle Nachrichten für Vogelfreunde: Im zentralamerikanischen Costa Rica gibt es eine neue Route mit Beobachtungspunkten. Und auf diesen Routen sind nicht nur die Vögel …
Vogelbeobachtung: Neue Route in Costa Rica

Kommentare