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Das Fischerdorf Gandia gehört heute zu Lugano.

Eurovision Song Contest

Lugano mit Musik

Rosa Mina Schärer aus Rupperswil hat ihren Text vergessen. Halb vor Schreck, halb vor Freude, denn die Schweizerin – Künstlername Lys Assia – hat soeben den ersten Eurovision Song Contest (ESC) gewonnen

...und soll jetzt den Siegertitel „Refrain“ erneut darbieten. Da steht sie, am 24. Mai 1956, eine adrette Dame im langen Abendkleid, wie festgenagelt hinterm Standmikro.

Die historischen Bilder wurden erst 2005 im Archiv entdeckt – wackelige Amateuraufnahmen. Das noch junge Schweizer Fernsehen hatte zwar live gesendet, aber nichts aufgezeichnet. Die örtliche Zeitung berichtete 1956 lediglich in einer Kurzmeldung über den Wettbewerb. Dermaßen holprig startete die heute weltweit größte Musikshow, und fast keiner schaute zu: im Saal war kein Publikum geladen, und gerade mal zwei Prozent aller Haushalte hatten 1956 ein TV-Gerät.

Nur der Schauplatz war erstklassig: Das barock verspielte Teatro Kursaal – inzwischen einem Casinoneubau gewichen – lag direkt am Ufer des Luganersees, dort wo immer noch der Fotopoint aller Urlauber ist, die durch den damals wie heute liebevoll mit Blumenbeeten verzierten Parco Ciani schlendern.

Lugano umarmt sein Seeufer förmlich, und wer beim Bummel durchs Gassengewirr der Altstadt die grauen Betonklotz-Bausünden der sechziger und siebziger Jahre ausblendet, der sieht ein besenreines Eidgenossen-Städtchen mit temperamentvollem Bella-Italia-Touch: Palmen, knatternde Vespas und schwarzgelockte Ragazzi. Schweizerische Akkuratesse gepaart mit sonnenverwöhntem Dolce Vita – dieser Mix gefiel bald nach der ESC-Premiere vielen deutschsprachige Künstlern: Freddy Quinn ließ sich hier nieder, ebenso wie Nadja Tiller, Walter Giller oder O.W. Fischer. Peter Kraus entdeckte die Stadt 1959 bei einem Filmdreh mit Conny Froboess und lebt bis heute in Morcote bei Lugano. Inzwischen ein teures Vergnügen, vor allem in Luganos Vorzeige-Shoppingmeile Via Nassa.

Lugano kann aber auch günstig: In der steilen Via Cattedrale gibt es kleine Geschäfte, die pfiffigen Schmuck und Mode verkaufen; etwa die G-Gallery, deren kreative Inhaberin Halsketten aus den von George Clooney angepriesenen bunten Kaffeekapseln entwirft. Quasi als ESC-Nachfolger gibt’s alljährlich im Juli das einmonatige Longlake-Festival mit 200 Events aus Klassik und Comedy, Kino, Lesungen und Pop – Eintritt überall frei. Die Schauplätze sind über die ganze Stadt verteilt, auch im „Salon“ der Stadt. So nennen die Luganer ihre Piazza mit Rathaus, Obstständen und pastellfarbenen Café-Fassaden.

Die Tessin-Metropole bietet nicht nur den See und ihre Altstadt, sondern auch viele eingemeindete Dörfer drumherum. Gandria, der ehemalige Fischerort, der förmlich an den Felsen klebt, ist am besten per Ausflugsdampfer erreichbar und dann zu Fuß zu erkunden. Hoch nach Brè auf den gleichnamigen Berg ruckelt eine hundertjährige Standseilbahn. Das Dorf selbst, komplett aus Felssteinen gebaut, ist gespickt mit Kunstwerken: Malereien an Wänden, rostige Figuren auf Sockeln und rätselhafte Skulpturen vor Hauseingängen – mehr als 20 Künstler haben Brè eine ganz besondere Note gegeben.

Montagnola schließlich sollte als drittes Lugano-Dorf im Besuchsprogramm stehen. Mehr als 40 Jahre lebte Schriftsteller Hermann Hesse hier. Das ihm gewidmete Museum eröffnet Einblicke in die Gedankenwelt des Nobelpreisträgers, in seine Leidenschaft als Gärtner und seine familiären Marotten. Gut möglich, dass Hesse-Fan Udo Lindenberg hier mal wieder sinnierend im Museumsgarten sitzt.

Stephan Brünjes

Die Reise-Infos

REISEZIEL Lugano liegt an der Mündung des Cassarate in den Luganersee im Schweizer Kanton Tessin. Die Stadt ist umgeben von drei Aussichtsbergen: Monte Brè (925 Meter), Monte San Salvatore (912 Meter), und Sighignola (1314 Meter). Lugano ist flächenmäßig mit 75 Quadratkilometern die siebtgrößte Stadt der Schweiz, einwohnermäßig mit 62 792 Bürgern die neuntgrößte.

ANREISE Von Zürich aus sind es über die Autobahnen A2, A3 und A13 noch gut drei Stunden nach Lugano.

WOHNEN Grand Hotel Villa Castagnola: Fünf Sterne, nur Zimmer zur Seeseite, alle mit Loggia, gediegene Salons und Kunstwerke aus aller Welt. Thomas Mann logierte hier in den Dreißigern während seines Exils. Tel. 0041/91/973 25 55, www.villacastagnola.com, DZ/F ab 320 Euro.

Hotel & Hostel Montarina, preiswert und trotzdem mit Park, Gäste nutzen den Pool vom Nachbarhotel mit. Neben Standardzimmern auch Gemeinschaftsschlafräume, kleine Küche, Waschmaschine und Trockner. Tel. 0041/91/ 966 72 72, www.montarina.ch, DZ mit Etagendusche ab ca. 91 Euro.

KULINARISCH Das Grand Café al Porto, auf den ersten Blick ein wienerisch anmutendes Kaffeehaus, serviert auch vorzügliche warme Küche wie Wolfsbarsch-Roulade mit Trüffel oder Risotto mit Rauke und Heidelbeeren. Tel. 0041/919105130, www.grand-cafe-lugano.ch.

Einfache, aber gute Pasta, Salate und Pizza gibt’s im Soave 10. Tel. 0041/91-9220170, www.soave10.ch.

ATTRAKTIONEN Infos zu Fahrten auf den Monte Brè unter Tel. 0041/91/971 31 71, www.montebre.ch und zum Hesse-Museum unter Tel. 0041/91/993 37 70, www.hessemontagnola.

WEITERE INFOS Tourismusbüro Lugano, Tel. 0041/588 66 66 00, Internet www.turismolugano.ch.

Wien-Tipps für ESC-Besucher

  • Wien hat es erwischt: In der Donaustadt fiebern Fans dem Eurovision Song Contest entgegen, Conchita Wurst, der schrägen österreichischen Vorjahressiegerin, sei Dank. Tausende werden zum Finale am 23. Mai erwartet. Die wichtigsten Fragen zum Contest:
  • Wie komme ich nach Wien? Per Flug oder Auto, aber auch der Railjet, der Fernreisezug der Österreichischen Bundesbahn (ÖBB), bringt ESC-Besucher ohne Umsteigen von München nach Wien.
  • Woher bekomme ich ein Ticket? Restkontingente können laut ORF bis zum Finale gekauft werden. Die letzte Möglichkeit, Tickets zu kaufen, gibt es am Showtag vor den jeweiligen Veranstaltungen in der Wiener Stadthalle. Infos auf der Webseite der Stadthalle unter www.stadthalle.com.
  • Welches Rahmenprogramm wird geboten? Dazu gehört zuerst einmal das Eurovision Village auf dem Wiener Rathausplatz. Eröffnet wird es am 18. Mai mit der Modenschau Fashion for Europe. Außerdem gibt es zwischen dem 18. und 23. Mai Thementage, etwa zu 60 Jahren Song Contest oder zur Queen of Austria – Conchita Wurst.
  • Public Viewings gibt es unter anderem im Club Pratersauna im 2. Bezirk, in Wien Mitte und im Euro Fan Café im 3. Bezirk.
  • Ausstellungen: Bei der Matinee „Pop meets Opera“ am 17. Mai kommen Künstler zum Gespräch zusammen, darunter Plácido Domingo und Conchita Wurst. Das Leopold Museum widmet sich den Verlierern und zeigt in „The Null-Pointers“ Porträts der 34 Song-Contest-Teilnehmer, die keinen einzigen Punkt bekamen. Eine Ausstellung im Wiener Haus der Musik stellt die österreichischen Beiträge der vergangenen 60 Jahre vor.
  • Wohnen: Einen Überblick über Unterkünfte und einen Hotelguide gibt es im Internet unter www.wien.info/de/reiseinfos/hotel-unterkunft.

tz/mm

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