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Die Stadt Marrakesch (Marokko) mit der Koutoubia-Moschee und dem Atlas Gebirge im Hintergrund.

Marokkos Kultur-Metropole

Zeit für Tee in Marrakesch

In den 60er Jahren haben Kreative und Künstler Marrakesch für sich entdeckt - und viele sind geblieben. Warum? Das wird einem schon beim ersten Besuch in der Marokkos Kultur-Metropole klar.

Die Autofahrt vom Flughafen endet am berühmten Marktplatz Djemaa el Fna, wo meine eigentliche Reise beginnt: Von hier aus geht es zu Fuß weiter – Fahrzeuge sind in der Altstadt, der Medina, verboten. Gut, dass mich Said abholt. Ohne ihn hätte ich mein Hotel, das in einem traditionellen marokkanischen Riad residiert, in den vielen Gassen sicherlich nicht auf Anhieb gefunden.

Von außen wirkt das Riad El Cadi zurückhaltend: ein Holztor in einer von der Zeit geprägten Steinmauer. Sobald sich allerdings die Tür öffnet, stellt sich wieder dieses Gefühl der Umarmung ein. Ich fühle mich wie beim Besuch eines guten Freundes. Diese besondere Empfindung habe ich selten auf meinen Reisen machen können. Man ist versucht, auf Anhieb das ganze Haus zu erkunden. Dabei werden alle Sinne angesprochen und tanzen im Körper. Und das Schöne ist: Es gibt keinen Haken.

Paradies im Haus

Julia Bartels, Inhaberin des Riad El Cadi, berichtet mir beim Abendessen über die Besonderheiten ihres Hauses. Der Begriff Riad bedeutet übersetzt Garten – und bezeichnet in Marokko ein traditionelles Haus mit Innenhof oder Garten.

Der Patio im Hotel Riad El Cadi.

Julia übernahm ihren Garten vom Vater, der seinerzeit als deutscher Botschafter in Marokko arbeitete. Nach seiner Amtszeit brachte er die Leidenschaft für arabische Kunst mit einer Galerie zum Ausdruck. Kurze Zeit später folgte die Idee eines Riads für Gäste. Mittlerweile sind beide Welten miteinander verbunden. Die authentische Architektur, verknüpft mit traditionellem Kunsthandwerk und Malerei, macht das Haus zu einem Erlebnis. Eine Kulturoase im Trubel der Altstadt.

Am nächsten Morgen beginne ich den Tag mit einem ersten Tee auf der Dachterrasse – und genieße die freie Sicht bis ins hohe Atlasgebirge. Rund um das Riad wetteifern nun vier Moscheen beziehungsweise deren Muezzins um die Gunst der Gläubigen. Der melodische Gesang wirkt im ersten Moment etwas befremdlich, aber mit der Zeit ist er eine sinnliche Alternative zum traditionellen Glockenspiel christlicher Kirchen. Beschwingt durch diese Erfahrung, tauche ich ein in die verwinkelte Altstadt, direkt vor der Haustür.

Zeitlose Handwerkskunst in Marrakesch

Beim Bummeln durch die vielen Gassen findet man immer neue Abzweigungen, betritt kleine exotische Plätze – und erforscht dabei die Geheimnisse der Medina. Zeit sollte dabei allerdings keine Rolle spielen, denn zu entdecken gibt es viel: Händler bieten abwechselnd Lederwaren, Keramik und Metallarbeiten feil oder berühren mit kulinarischen Auslagen die Sinne. Dazwischen immer wieder entspannte Männer mit einem Glas frischen Pfefferminztee in der Hand.

Handwerker am Webstuhl.

Hier erwacht das arabische Sprichwort „Ihr habt die Uhr, wir haben die Zeit“ zum Leben. Ein ruhiger Blick auf die Warenangebote der Stände lohnt sich jedenfalls, findet man hier doch ausschließlich Unikate. Traditionelle Handarbeit wird hoch gehandelt – und gelebt: Wer die klassischen Wege verlässt trifft auf kleine Garagen, wo man die Herstellung hautnah beobachten kann.
Beim Kauf eines Schals komme ich mit Yussuf ins Gespräch und er bietet mir spontan an, seine kleine Werkstatt zu besuchen. In Begleitung eines Guides bewege ich mich durch die verwinkelte Altstadt und lande schließlich vor einem unscheinbaren Aufgang, der in einem kleinen Raum endet. Drei Webstühle stehen hier dicht beieinander und werden von Marokkanern bearbeitet. Obwohl sie sehr flink das Schiffchen mit dem Wollfaden bewegen und parallel barfuß die Pedale treten, kann man sich ausrechnen, wie lange sie für einen Schal benötigen. Dieser eine Augenblick löst neuen Respekt vor dem Handwerk aus.

Kreative Tradition

Zurück auf der Straße beschließe ich, weiter durch die Stadt zu laufen, mit dem Ziel der Jardin Majorelle und ihrer vielfältigen Kakteenarten. Im Jahr 1980 hatte sich der französische Modedesigner Yves Saint Laurent diesen Garten gekauft und als persönlichen Rückzugsort für seine außergewöhnlichen Inspirationen genutzt. Nach seinem Tod wurde seine Asche im Rosengarten verstreut. Vielleicht ein Grund für die teilweise sehr kreativen Wüchse der Pflanzen in diesem grünen Eden.

Das angeschlossene kleine Berbermuseum gibt dem Besucher wiederum einen Einblick in die Kultur und Tradition des Landes. Zurück auf der Straße kann man deutlich erkennen, dass die Tradition auch in der Mode überlebt hat. Lange, grob gewebte Gewänder mit spitzer Kapuze prägen auch heute noch das Straßenbild. In Verbindung mit dem alten Stadtkern entstehen diese Momente, in denen es scheint, als sei die Zeit stehen geblieben. Zeit für einen Snack – Zeit für Tee.

Angesagt ist derzeit die Terrasse des épices: Mitten in der Stadt genießt man hier Ruhe und Sonne, die unten in den engen, turbulenten Gassen nicht zu finden sind. Das besondere an dem Haus: die vielen kleinen Geschäfte im ersten Stock. Sogenannte Concept Stores, die man eher in Berlin-Mitte vermutet als im traditionellen Marrakesch. Junge Designer, die ihre eigenen Entwürfe im Mix mit schönen Alltagsdingen und Accessoires anbieten. Auch soetwas gibt es hier und nimmt einen noch mehr für diese außergewöhnliche Stadt ein.

Orientalischer Zauber in Marrakesch

Bevor die Sonne untergeht, frage ich mich zurück zum Djemaa el Fna, dem gefühlten Mittelpunkt der Stadt. Auf dem Boden sitzende Schlangenbeschwörer mit ihren sich streckenden und nur der Flöte gehorchenden Tieren. Musiker, die jeweils ihr eigenes Pub - likum um sich scharen und nach jedem Lied für eine Spende danken, sowie mein persönlicher Star der Straße: der Geschichtenerzähler. Dicht gedrängt lauschen die Zu hörer dem Mann. Mit Händen, Mimik und theatralischen Pausen fesselt er sein Publikum.

Mit offenen Mund und manch entweichendem „Oh … “ hängen sie an seinen Lippen. Allein die Menschen zu beobachten, entschädigt mich für die fehlenden Vokabeln. Diese Atmosphäre ist Orient pur.

Der Zauber in der Medina, der von einer Mauer umgebenen Altstadt von Marrakesch (Marokko).

Zeit zum Abendessen. Direkt am Djemaa-el-Fna-Platz findet man das Restaurant Le Salama. Eine Mischung aus Casablanca und Tradition. Auf den Tischen liegen rote Fes, die berühmten orientalische Hüte, und zaubern passende Bilder in die Köpfe. Das traditionelle Essen wiederum sorgt für Kultur im Magen: Vom Klassiker Couscous bis zum gekochten Ziegenkopf ist alles möglich. Die Entscheidung fällt allerdings zugunsten des Nationalgerichts Tajine aus. Ein Gericht, das in einem Tontopf, ähnlich dem Römertopf, gegart wird. Klassischerweise wird die Tajine auf Holzkohle zubereitet und das Essen schmort rund eine Stunde im eigenen Saft vor sich hin.

Schnittige Ziele

Der nächste Morgen beginnt früh mit den Rufen der Muezzins zum ersten Gebet. Den heutigen Tag werde ich mit einem Besuch beim Barbier beginnen. Drei Tage keine Rasur reicht aus, um ein kleines Abenteuer zu erleben – denn rasiert wird natürlich mit langer Klinge.

Eine Frage des Vertrauens: Die Rasur mit dem Messer.

Damit auch das Ambiente stimmt, habe ich mir dafür einen kleinen Laden direkt am Gewürzmarkt ausgesucht. Alles wirkt leicht antiquiert, aber auch authentisch. Die Verständigung erfolgt über Zeichensprache und viel Vertrauen. Am Ende der Sitzung steht ein glatter Verlauf der Prozedur, nur das Aftershave brennt und riecht etwas gewagt. Mit neuer Frische auf der Haut, laufe ich auf Empfehlung in Richtung Fotomuseum.
Ambitionierte Verkäufer versuchen immer wieder, mir das beste Angebot zu unterbreiten, sodass der Weg ein wenig länger dauert. Dafür lohnt sich das Ziel. Ein ruhiger Innenhof, eingebettet in ein schlichtes, dreistöckiges Haus. Alles wirkt angenehm entschleunigt, passend zur Ausstellung mit Schwarz-Weiß-Aufnahmen aus den Jahren 1910 bis 1940. Zum Abschluss dieser Zeitreise geht es auf die Dachterrasse mit Blick über das Viertel und einem obligatorischen Minztee. Nun bleibt die Zeit ganz stehen.

Markus R. Groß

Die Reise-Infos zu Marrakesch

Reiseziel: Das Königreich Marokko im Nordwesten Afrikas ist durch die ­Straße von Gibraltar vom ­europäischen Festland ­getrennt. Es hat eine ­Fläche von rund 450.000 Quadratkilometern und ­etwa 33 Millionen Ein­wohner. Hauptstadt ist ­Rabat (1,7 Millionen Einwohner), größte Stadt ist Casablanca (3,7 Millionen Einwohner).

Wohnen: Riyad El Cadi, info@riyadelcadi.com, www.riyadelcadi.com;

Essen: Restaurants www.lesalama.com; www.terassedesepices. com Das Buch: Mehr Tipps gibt es im Reiseführer von DuMont direkt Reiseführer Marrakesch, Dumont Reiseverlag, ISBN: 978-3770196340

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