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Kein Kinderspiel, aber machbar: Wolfgang Piller und Sohn Lukas (15) überquerten die Alpen mit dem Mountainbike.

Vom Karwendel ins Stubaital

Vier Alpenpässe für Vater und Sohn

Transalp mit eingebauten Sicherheitsfaktoren: Autor Wolfgang Piller und sein Sohn Lukas trauten sich an eine Mountainbike-Tour, die auch mit Kinderbeinen und ohne wochenlanges Training zu machen ist.

Lukas wringt sein Trikot aus. Kleine Sturzbäche fließen aus den Händen. Schon zum dritten Mal ist heute sein Hemd tropfnass – morgens hat ihn Regen bei der ersten Abfahrt überrascht, nachmittags war die Auffahrt zur Hütte schweißtreibend und jetzt wäscht mein 15-jähriger Sohn sein Trikot sauber für den nächsten Tag. Doch mit all dem hat er gerechnet, all das gehört dazu.

Es ist der zweite Tag auf unserer Kurz-Transalp mit den Mountainbikes vom Karwendel bis ins Stubaital. Am Ende werden wir vier Alpenpässe überquert haben, einige tausend Höhenmeter hinauf und wieder hinunter geradelt sein und unsere Shirts mehr als ein Dutzend Mal nass und wieder trocken am Leib gehabt haben. Genug Abenteuer und Adrenalin für Vater und Sohn. Dabei ist die Tour so gewählt, dass sie ein leichtgewichtiger Junge und sein nicht besonders MTB-erfahrener Vater mit Spaß bewältigen können – bei Bedarf können wir jede Etappe abkürzen oder uns helfen lassen.

Schon der erste Morgen ändert unsere ambitionierten Pläne. Ein Gewitter macht uns schnell klar, dass wir zurückschrauben müssen. Die Strecke von Mittenwald aufs Karwendelhaus, hinunter in die Eng und wieder hinauf zum Plumsjoch war der ehrgeizige Traum des Vaters für die erste Etappe einer Vater-Sohn-Expedition. Stattdessen fahren wir gemütlich nach Hinterriss und schwingen uns dort auf die Räder zu unserem ersten Tagesziel, der Plumsjochhütte. Nach zwei Stunden strecken wir dort unsere Beine in die Sonne, die Nase in die Höhe und genießen das Karwendelpanorama (der Vater) oder suchen die Spielkarten (der Sohn).

Abenteuer und Adrenalin für Vater und Sohn

Die Abfahrt am nächsten Morgen geht steil hinunter zur Gernalm und ist offiziell Mountainbike-Schiebestrecke. Einige Abschnitte sind trotzdem fahrbar und sie zeigen, dass der 15-Jährige sein Rad gut im Griff hat und mit Verstand bei der Sache ist. „46 km/h!“, jubelt Lukas wenig später, als wir auf der Asphaltstraße zum Achensee flitzen. Er ist auf seinem Rad mit einem Tachometer ausgerüstet, mir hilft eine Uhr mit Höhenmesser, die Abschnitte einzuschätzen. Ein GPS-Gerät haben wir nicht.

Die Strecke führt hinunter ins Inntal nach Pill. Die Anstrengung hält sich in Grenzen. Ein gutes Gefühl breitet sich aus. Auch der Regen kann das nicht eintrüben, aber er erschwert das Radfahren. Vor uns liegt die Auffahrt zur Weidener Hütte. Sie liegt 1300 Höhenmeter über dem Inn. Es ist an der Zeit, Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Und schon biegt sie um die Ecke und bremst vor uns ab: der Linienbus. Unsere Blicke treffen sich, ein beidseitiges Kopfnicken – die Teerstraße hoch nach Weerberg ersparen wir uns. Ein Glück, dass unser Rastplatz die Haltestelle war. Im Bus halte ich die Räder fest, Lukas windet sich aus seinem nassen Regenzeug.

Der Bus bringt uns hinauf bis an die Endhaltestelle Berghof. Etwa 500 Höhenmeter und anstrengende Kilometer auf dem Asphalt spart er uns damit. Jetzt kommt auch die Sonne und drückt uns auf den restlichen Asphaltkilometern bis zum Gasthof Innerst den Schweiß aus den Poren. Anschließend leiten uns ein Pfad und eine Forststraße mit Steigungen bis zur Weidener Hütte.

Das Alpenvereinshaus begrüßt uns mit kaltem Wasser im Brunnen und Sonne auf der Terrasse. Die Hütte ist Winterstützpunkt für Skitourengeher und ausgestattet mit beheiztem Trockenraum. Wir waschen unsere Trikots und Socken. Wir haben bewusst wenig eingepackt.

Die Kässpatzn, die wir uns am Abend gönnen, müssen die Energie liefern für den nächsten Tag. Zwei Alpenpässe stehen auf dem Etappenzettel. Und der Anstieg zum Geiseljoch bringt uns gleich nach dem Frühstück auf Hochtouren. Nebel hüllt uns ein. Lukas ist ein bisschen verärgert. Über sich selbst. Auf dem Trailstück ist er umgefallen, als sein Hinterrad durchdrehte. Aber es tut nichts weh und es geht weiter.

Andere Biker wählen die direkte Abfahrt über den Wanderweg, wir wenden uns nach rechts und fahren erst über einen Bergpfad, dann über eine Almstraße zunächst nach Vorderlanersbach und von dort über die Tuxer Straße, die sonst die Skifahrer zum Gletscher führt, hinab beinahe bis ins Zillertal.

Das Pfitscher Joch ist die Kern­etappe

Kurz zuvor biegen wir in Finkenberg ab und erreichen immer weiter bergab fahrend die Straße, die uns zum Schlegeisspeicher in den Zillertaler Alpen und aufs Pfitscher Joch führt. Lukas dreht auf, ich komme kaum hinterher. Ich lasse ihn nach Ginzling sprinten. Denn ich weiß: Dort bekommen wir unsere nächste Hilfe. Der Vormittagsbus schleppt uns hinauf zum Speichersee. Wir wollen uns wiederum den Aufstieg auf der engen und steilen Teerstraße sparen und lieber mit Kraft den Berganstieg zum Joch bewältigen.

Das Pfitscher Joch ist die Kern­etappe. Biken auf einem alpinen Steig. Offensichtlich sind die Wegebauer dabei, die Strecke gang- und fahrbarer zu machen. Viele der Blöcke sind beseitigt. Einige Schiebe- und Tragepassagen sind geblieben. Ungewöhnlich ist ein Brunnen auf halber Strecke. Aus einem Felsspalt sprudelt das klare Wasser direkt aus dem Berg durch einen halbierten Baumstamm in unsere Flaschen.

Endlich, geschafft vom groben Schotter, kommen wir oben an. Ein uralter Grenzübergang: hinter uns Österreich, vor uns Südtirol. Der Grenzstein, der Schlagbalken erinnert mich an frühere Zeiten. Ich sehe die Zöllner der Grenzüberfahrten in meiner Jugend. Aus der Tourenvorbereitung weiß ich, dass die Straße Soldaten während des Ersten Weltkriegs gebaut haben. Für den 15-jährigen Lukas hingegen sind Grenzen ohne Grenzer normal.

Anders als am Tag zuvor beginnt der abschließende Tourtag vom Pfitscherjochhaus mit einer Abfahrt. Kehre um Kehre geht es in idealem Gefälle hinunter ins Südtiroler Pfitschtal. Endlos kommt uns das Bergabfahren vor und trotzdem wird uns bald klar, dass sowohl die Variante über das Schlüsseljoch wie auch die Variante in die Brennerberge unser Leistungsvermögen sprengen würden.

Unser finales Ziel ist Schönberg im Stubaital und der anschließende Familienurlaub dort. Wir radeln bis kurz vor Sterzing und halten uns ab Wiesen östlich der Autobahn, bis wir Gossensass erreichen. Ab dort nutzen wir den Brennerradweg. 80 Tageskilometer und Gegenwind, der sich ab der Brennerhöhe zum Sturm aufschwingt, verlangen uns auch an diesem Tag genug ab. Ein letztes Mal ist das Hemd nass: Routine für Vater und Sohn.

Reise-Infos zur Route

ANREISE Von München mit der Bayerischen Oberlandbahn nach Lenggries, von dort weiter mit dem Bergsteigerbus 9569 (www.rvo-bus.de).

AUSRÜSTUNG Diese Transalptour ist mit jedem gut gepflegten Mountainbike zu bewältigen. Ein GPS-Gerät mit den entsprechenden Tracks hilft, es reichen aber auch die entsprechenden Karten. Wichtig ist, sich auf das Nötigste zu beschränken. Der Rucksack sollte leicht bleiben und nicht zu hoch werden. Was nicht fehlen sollte: Ersatzschlauch, Flickzeug, Luftpumpe, etwas Werkzeug, Wasserflasche, Hüttenschlafsack (aus Seide ist leichter).

DIE TAGESETAPPEN

1. Von Hinterriss über die Plumsjochhütte (Pill, Karwendel) zur Gernalm. Ca. 19 Kilometer, 770 Höhenmeter Auffahrt. Plumsjochhütte, 30 Schlafplätze im Matratzenlager, Tel. 00 43/52 43/431 11.

2. Von der Plumsjochhütte zur Weidener Hütte (Tuxer Alpen). Ca. 50 Kilometer (davon 15 per Bus), etwa 1100 Höhenmeter Abfahrt und 1300 Höhenmeter Auffahrt (davon ca. 400 Höhenmeter mit dem Bus, Linie 8381, im Internet unter www.vvt.at). Weidener Hütte, DAV Sektion Weiden, Tel. 00 43/676/739 59 97, Internet www.dav-weiden.de.

3. Von der Weidener Hütte zum Pfitscherjochhaus an der Grenze zu Südtirol. Ca. 50 Kilometer, etwa 1950 Höhenmeter Auffahrt (davon 740 mit dem Bus, Buslinie 4102, im Internet unter www.vvt.at) und etwa 1500 Höhenmeter Abfahrt. Pfitscherjochhaus, Tel. 00 39/04 72/63 01 19, Internet www.pfitscherjochhaus.com.

4. Vom Pfitscherjochhaus nach Sterzing ca. 33 Kilometer, etwa 1300 Höhenmeter Abfahrt, ab St. Jakob auf der Fahrstraße im Pfitscher Tal bis Schönberg/Stubaital, insgesamt ca. 80 Kilometer, etwa 1800 Höhenmeter Abfahrt und etwa 500 Höhenmeter Auffahrt; von dort entweder weiter auf der Brennerstraße bis Innsbruck mit Verbindung nach München oder ab Telfes (ca. 6 km) mit der Stubaitalbahn nach Innsbruck.

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