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Wintersport in den Subtropen: Sotschis Hostessen tragen russische Tracht, die Kaukasus-Gipfel sind schneebedeckt.

Sotschi

Oben Pisten, unten Palmen

Noch drei Wochen sind es bis zum Start der Olympischen Winterspiele in Sotschi. Es werden die ersten sein, die jemals in einer Stadt mit subtropischem Klima ausgetragen wurden.

Im Zeichen der fünf Ringe hofft das in die Jahre gekommene sowjetische Ferienparadies - die Riviera des Ostens am Schwarzen Meer - auf einen neuen Touristenboom. Autor Ulf Mauder ist vorausgereist, um sich ein Bild zu machen, wie gut die Stadt und ihre Bewohner auf das sportliche Großereignis vorbereitet sind.

Sotschis Hostessen tragen russische Tracht.

Schon von Weitem funkeln die Eisarenen und das markante weiße Stadion am Schwarzen Meer im Sonnenlicht. Vom eigentlichen Herzen des Sommerferienorts Sotschi und seiner belebten Strandpromenade sind sie um einiges entfernt, von der sogenannten Schneeregion, den Austragungsstätten in Krasnaja Poljana, sowieso. Dahin geht es 40 Kilometer ins Hinterland, in die 3000 Meter hohen Berge des Westkaukasus.

Warten auf den Start der Winterspiele: „Sotschi ist Schaufenster für das moderne Russland“, sagt Dmitri Tschernyschenko (45), der im Auftrag des Kreml das olympische Organisationskomitee leitet. Tschernyschenkos Aufgabe ist es, die Probleme und Skandale um die Olympia-Baustellen wegzulächeln. „Nirgends sonst gibt es bei uns eine so umweltfreundliche und behindertengerechte Bauweise“, schwärmt der Mann mit dem kahlgeschorenen Kopf.

Sotschi

Die einstige Riviera der Sowjetunion – auf demselben Breitengrad wie Nizza gelegen – hat zweifellos schöne Ecken. Viele DDR-Urlauber erholten sich früher in dem Badeort mit dem mediterranen Klima. Inzwischen gilt es als offenes Geheimnis, dass sich viele russische Prominente im Sommer nur noch kurz in Sotschi blicken lassen – aus patriotischem Pflichtgefühl – um dann mit dem Privatjet weiter auf die Malediven zu fliegen. Auch Russlands Normalbürger genießen dank steigender Einkommen ihre Ferien lieber im Ausland. Auf die postsowjetische Gastkultur mit gekochter Wurst und Nudeln zum Frühstück zu schamlos überhöhten Preisen haben nur noch wenige Lust. In Sotschi treffen sich heute diejenigen, die keinen Reisepass haben oder Sprachbarrieren scheuen.

Der mächtigste Mann des Landes, Präsident Wladimir Putin, sieht die Winterspiele als neue Chance für Sotschi. Putins Funktionäre versuchen, den Dienstleistern hier einzubläuen, dass Olympia die Visitenkarte für einen Durchbruch als internationaler Ferienort ist. Um dem verbreiteten Preiswucher Einhalt zu gebieten, deckelte der Moskauer Machtapparat per Erlass die Preise für alle Hotelkategorien. Eine Luxussuite in einem Fünf-Sterne-Hotel darf höchstens 13896 Rubel (rund 320 Euro) kosten, ein Einzelzimmer in einem Drei-Sterne-Hotel weniger als 100 Euro. Private Zimmervermieter dürften sich aber kaum an die offiziellen Preisgrenzen halten.

„Die Stimmung hier schwankt zwischen freudiger Erwartung, Spannung und Ermüdung. Viele haben den ganzen Baurummel, den Lärm, die Staus und den Dreck satt“, sagt Andrej Tenitschew, Betreiber des Nachtclubs Majak im Stadtzentrum von Sotschi. Viele seien aber auch dankbar für die vielen Neubauten und Straßen, „die ja allen zugute kommen“. Lange sei in Sotschi überhaupt nichts gemacht worden.

Anatoli Pachomow, der Bürgermeister der Stadt mit ihren 400 000 Einwohnern, schwärmt bereits davon, dass sich die Region nun zum Ganzjahreskurort mausere. „Das werden die unvergesslichsten Spiele aller Zeiten“, sagt Pachomow.

Tatsächlich hat noch nie ein Land solch einen Aufwand für Olympische Spiele getrieben: 37,5 Milliarden Euro haben sie bisher gekostet. Alle Barrieren aber konnten mit dem vielen Geld dennoch nicht beseitigt werden.

Vor allem die kyrillischen Schriftzeichen dürften vielen Besuchern Probleme machen. Speisekarten oder Straßenschilder sind bisweilen nicht oder kurios übersetzt. Und 80 Prozent der Taxifahrer sprechen kein Wort Englisch.

Vom Flughafen im Ort Adler führt eine neue Bahnlinie und Straße mit modernen Tunnels in die Bergregionen zu den Wintersportanlagen. Krasnaja Poljana heißt der Ort, in dem die waldreichen Berge noch vor einigen Jahren fast unberührt waren. Heute steht hier eine Stadt, ein Luxushotel neben dem anderen. Unter freiem Himmel dampfen beheizte Pools und 50-Meter-Becken, die Schwimmern sagenhafte Blicke auf schneebedeckte Gipfel offenbaren. Seilbahnen mit Gondeln durchziehen die Berge. Doch eine Schneegarantie gibt es nicht.

Zumindest für die Olympischen Spiele haben die Organisatoren aber vorgesorgt mit tonnenweise in Depots gehortetem Schnee. Pisten unter Palmen, das Experiment muss gelingen.

Reisen zu Olympia – die Infos zu Sotschi

REISEZIEL Sotschi liegt an der Schwarzmeerküste in Russland nahe an der Grenze zu Georgien.

ANREISE Direktflüge mit Lufthansa oder mit der Aeroflot über Moskau. Die Strecke von München nach Sotschi ist 3500 Kilometer lang, eine Autoanreise nicht empfehlenswert.

EINREISE Für die Einreise nach Russland ist ein Visum notwendig, das direkt beim Konsulat in München oder über ein Reisebüro organisiert werden kann. www.russisches-konsulat.de.

KLIMA Sotschi ist die erste Stadt mit subtropischem Klima, in der Winterspiele ausgetragen werden. Zwar erwarten die russischen Wetterexperten einen schneereichen Winter, für alle Fälle haben sie aber schon mal 500 000 Kubikmeter Schnee konserviert.

GELD/WÄHRUNG Für einen Euro gibt es derzeit etwa 45 Rubel. Empfohlen wird, Geld in Banken oder offiziellen Wechselstuben zu tauschen. Mit Geldkarten lässt sich die Währung aber auch an Bankautomaten ziehen.

SICHERHEIT Die USA warnen nach den Anschlägen von Wolgograd wegen Terrorgefahr vor Reisen nach Sotschi. Das Auswärtige Amt rät lediglich zu erhöhter Vorsicht am Olympia-Ort, warnt aber von Trips in den Nordkaukasus. Infos unter www.auswaertiges-amt.de

SPIELSTÄTTEN Alle Hallenwettbewerbe finden im neu errichteten Olympiapark Sotschi in der Nähe des Stadtteils Adler statt, die Skiwettbewerbe im Gebiet rund um das Bergdorf Krasnaja Poljana. Es ist von der Küstenregion über eine Autobahn oder per Zugverbindung zu erreichen.

WOHNEN Gegen Preiswucher hat die russische Regierung zu Olympia die maximalen Hotelkosten für jede Sternekategorie festgeschrieben – zwischen umgerechnet etwa 70 und 330 Euro. Infos unter www.sotschi-2014.ru/sotschi-hotels. Das Hotelpreisvergleichsportal Hotelscombined listet derzeit 150 Hotels rund um Sotschi auf. Dort liegt der Durchschnittspreis für eine Nacht im Doppelzimmer bei 77 Euro.

TICKETS zu Olympia werden von Dertour angeboten. Infos unter www.dertour.de/olympia. Für die Veranstaltungen gibt es derzeit noch 50 Tickets aus dem deutschen Kontingent und 300 aus dem österreichischen. Infos unter www.dertour.de/olympia-2014/tickets-buchen.html. Zusätzlich zum Ticket benötigen Zuschauer für den Zutritt zur Veranstaltung einen Spectator Pass, den es unter pass.sotchi2014.com gibt. Wer über Dertour bucht, findet dazu einen Link auf der Homepage des Veranstalters.

PAUSCHALREISE Dertour bietet Reise-Arrangements mit Lufthansa-Direktflug, z.B. vom 19. bis 25. Februar im Drei-Sterne-Hotel in Adler, ab 2913 Euro oder vom 6. bis 10. Februar im Drei-Sterne-Hotel in Sotschi, ab 2941 Euro.

LESENSWERT Ein neuer Reiseführer zu Sotschi inklusive russischer Schwarzmeerküste und Kaukasus ist gerade im Trescher Verlag erschienen. ISBN 978-3-89794-262-2; Preis: 14,95 Euro.

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