Coole Schönheit: Reykjavik, die nördlichste Metropole der Welt, ist auch oder vielleicht gerade im Winter einen Städtetrip wert.
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Coole Schönheit: Reykjavik, die nördlichste Metropole der Welt, ist auch oder vielleicht gerade im Winter einen Städtetrip wert.

Südlich kann jeder

Echt cool: Ein Städtetrip nach Reykjavik

Südlich kann jeder, sagten sich unsere beiden Autoren Uli Kellner und Christoph Fuchs, und wählten als Ziel für einen Städtetrip einmal Reykjavik, die nördlichste Hauptstadt der Welt.

Es ist halb sieben. Die Sonne hat sich schon längst aus Reykjavik verabschiedet. Gegenüber vom Hafen steht Skuli Thordarson in einer kleinen, ketchup-roten Blechhütte. Ein Plexiglasfenster ist halb geöffnet, draußen ist es kalt, saukalt. Und windig, sehr windig. Und drinnen steht Skuli – im T-Shirt vor einem dampfenden Wasserkessel, in den er ständig Würstchen wirft.

Insel am nördlichen Polarkreis

Der Mann mit dem roten Bart und dem akkuraten Mittelscheitel steht in dem Ruf, den besten Hotdog Reykjaviks zu verkaufen. Ein Superlativ, das schon deshalb niemand anzweifelt, weil „Baejarins Beztu“, der Name dieser Bude, übersetzt so einfach wie unbescheiden „die Besten der Stadt“ bedeutet.

Sundowner auf Isländisch: Die Autoren Uli Kellner und Christoph Fuchs beim kühlen Bier im heißen Bad.

Isländer schätzen den schnellen Imbiss. Vielleicht auch, weil sie vor Buden wie Baejarins Beztu mit ihren kettenpanzergroßen Geländewagen fast direkt vor dem Verkaufsfenster halten können. Touristen erkennt Skuli daher sofort. Touristen kommen zu Fuß. Seit drei Jahren werden es immer mehr, auch im Winter, sagt Skuli.
Der Wind hat gerade drei Japaner in dicken Daunenjacken um die Ecke geweht. Ihr Reiseführer weist Skulis Hotdogs als „absolutes Muss“ aus. Mit glänzenden Augen schauen sie dem Fastfood-Spezialisten bei der Zubereitung zu: Zwiebel in die warme Semmel, dann Ketchup, danach die Wurst und darüber Senf und Remoulade. Als die Touristen verschwunden sind, sagt Skuli: „Nein, ich weiß wirklich nicht, warum die Leute im Winter nach Island kommen.“ Aber dann streckt er den Kopf aus seinem Plexiglasfenster, blickt in den Himmel überm Hafen und erklärt, als ob er die Kulisse heute zum ersten Mal wahrnehmen würde: „Die Dunkelheit hat schon ihre eigene Schönheit.“

Mit dem Zusammenbruch des Finanzmarkts, der Island 2008 noch vor dem Rest der Welt traf, wurde eine Reise auf die Insel am nördlichen Polarkreis plötzlich erschwinglich. Der Tourismus boomt seither. Vor allem im Sommer, wenn es die Wanderer in das Hochland bei Landmannalaugar zieht.

Das Island des Sommers ist das der unendlichen Weiten. Und das der Helligkeit, denn die Nacht ist dann nur wenige Stunden lang. Es ist aber auch die Jahreszeit, in der Reykjavik von Touristenmassen bevölkert wird. Und nicht nur die Stadt. Ein Parlamentsabgeordneter aus dem rechten Flügel klagte kürzlich, den Einheimischen sei es gar nicht mehr möglich, den Wasserfall Gullfoss, die Geysire oder den Nationalpark Thingvellir zu genießen – überall seien die Touristen.

Naturschauspiel nach Zeitplan: Alle zehn Minuten spuckt der Geysir.

Auch jetzt, an einem kalten aber klaren Montag im Winter, stehen mittags ein paar Dutzend Schaulustige um ein rundes, köchelnden Wasserloch in steiniger Landschaft. Gebannt beobachtet der Menschenkreis, wie das Brodeln in seiner Mitte langsam anschwillt. Dabei ist der Finger stets auf dem Auslöser der Kamera, um den Moment festzuhalten, in dem eine Wasserfontäne in den klaren Himmel schießt. Das passiert zuverlässig alle zehn Minuten, dafür sorgen geologische und klimatische Bedingungen, wie sie hier in Island besser zusammentreffen als an irgendeinem anderen Ort der Welt.

Das Geysirfeld bildet zusammen mit dem Wasserfall Gullfoss und dem Naturschutzgebiet Thingvellir den Golden Circle, der in einer Tagestour um Reykjavik führt. Er wird auch im Winter durchgängig von Reisebussen abgefahren. Oder man nimmt den Leihwagen, wobei sich die Jahreszeit echt auszahlt: Die Preise für das Mieten eines Autos sind im Winter erheblich günstiger als im Sommer.

Kühl und windig ist es jetzt schon, aber der warme Golfstrom sorgt dafür, dass die Winter im Süden des Landes mit Graden rund um den Gefrierpunkt überraschend mild sind.

Winterliches Badevergnügen: Die Blaue Lagune ist 40 Grad warm.

Wer sich aufwärmen will, tut das am besten in der Blauen Lagune. Um die 40 Grad warm ist das Wasser im Thermalfreibad, das zwischen Reykjavik und dem internationalen Flughafen Keflavik liegt. In der Dunkelheit entfaltet es einen besonderen Charme: Während die Umgebung von Wasserdampf eingehüllt ist, funkelt über der Lagune der Sternenhimmel – mit ein bisschen Glück sieht man sogar die grünen Nordlichter flackern. Eine Bar mitten im See bietet den Badenden dazu Bier und andere Erfrischungen an. Das perfekte Touristenvergnügen. Dabei ist die Blaue Lagune ein Abfallprodukt, ihr Wasser wird zur Stromerzeugung aus der Erde in ein Geothermalkraftwerk gepumpt. Irgendwann kamen Isländer auf die Idee, in dem See des abgeflossenen Wassers zu baden. Inzwischen preisen sie die heilsame Wirkung des Wassers für die Haut.

Polarlicht - Farbenzauber am Nachthimmel

Polarlicht - Farbenzauber am Nachthimmel

Nordlicht

Ein Stückweit ist dies Sinnbild der isländischen Mentalität: im Einklang mit der Natur aus den Gegebenheiten das Beste zu machen. In Reykjavik beschwert sich niemand über die kurzen Wintertage. Stattdessen hat sich die 120.000-Einwohner-Stadt in den letzten Jahren einen Ruf als Feier-Metropole erarbeitet. Die Nacht wird kurzerhand zum Tag gemacht. Und während man in Großstädten das Taxi braucht, um von einer Bar in den nächsten Club zu ziehen, muss man im Laugavegur – tagsüber Einkaufs- und nachts Partymeile – nur die Straße überqueren. Vom Hemmi og Valdi, das sich gegen Mitternacht vom gemütlichen Café mit ausgesessenen Sofas und wackeligen Holztischen in eine bis unter die Decke volle Konzertbühne verwandelt, zur Kaffibarinn ein paar Häuser weiter, das pulsierende Herz des feierwütigen Islands, dem der Schriftsteller Hallgrimur Helgason in seinem Roman „101 Reykjavik“ ein Denkmal gesetzt hat.

Der Dunkelheit und Kälte, so scheint es, begegnet die Stadt mit ein paar Gläsern Bier und viel menschlicher Nähe. Reykajvik im Winter, das sind Musik, hell erleuchtete Straßen und beschlagene Fensterscheiben. Und am Ende der nicht nur sprichwörtlich langen Nacht: ein Hotdog bei Skuli Thordarson.

Uli Kellner und Christoph Fuchs

DIE REISE-INFOS ZU REYKJAVIK

REISEZIEL Reykjavik, die nördlichste Hauptstadt der Welt, liegt 269 Kilometer südlich des Polarkreises, dreieinhalb Flugstunden von München entfernt (2677 Kilometer Luftlinie). Zum Vergleich: Nach New York sind es von Reykjavik 4290 Kilometer.

ANREISE Icelandair fliegt das ganze Jahr über bis zu fünfmal pro Woche ab München direkt nach Island.

Neben Flügen bietet Icelandair auch Kurzreisepakete, etwa den Super­deal inklusive Flug, drei Ü/F ab 349 Euro. Im Reisebüro oder unter www.icelandair.de.

REISEZEIT Wer das Land kennenlernen will, sollte im Sommer reisen. Wem kurze Tage nichts ausmachen, der wird auch im Winter seinen Spaß haben. Dann trifft man in der Hauptstadt wirklich Einheimische – und kann die frühe Dunkelheit für ausgiebige Streifzüge in die heißen Pots, Cafés und Bars nutzen.

AUSFLÜGE Reykjavik Excursions hat die gängigen Tagesausflüge im Angebot. Golden Circle mit Stopp bei Gullfoss-Wasserfall, Strokkur-Geysir und Thingvellir-Nationalpark 9800 Kronen (umgerechnet ca. 60 Euro). Blaue Lagune inkl. Eintritt: 8000 Kronen (ca. 49 Euro). Internetadresse: www.re.is.

HOTELTIPP Das moderne Hilton Nordica bietet freundliche Zimmer, ein kaum zu überbietendes Frühstücksbüffet und den besten Spa-Bereich von ganz Reykjavik (nicht im Zimmerpreis inbegriffen). Zu Fuß gelangt man in 15 Minuten zu sämtlichen Hotspots der Hauptstadt. Drei Übernachtungen im Doppelzimmer kosten um die 390 Euro. Internet: www.hilton.de/reykjavik.

GASTROTIPP In Reykjavik einzukehren ist ein teures Vergnügen. Zum Verzehr von Hai und Walfleisch sollte jeder sein eigenes Gewissen befragen. Traditionell und umweltverträglicher ist Fisch, hervorragend serviert in der Fiskfelagid direkt am Hafen (Drei-Gänge-Menü ab rund 60 Euro). Wer sich das nicht (immer) leisten mag, findet in der Gamla Smidjan eine gute, preiswerte Pizza und bei Baejarins Beztu den stadtbesten Hotdog.

AUSGEHEN Im vielfältigen Nachtleben der Hauptstadt sollte Kaffibarinn den Schlusspunkt setzen, dort ist das Epizentrum der Feiermeile im Laugavegur. Es empfiehlt sich ein Blick in den Reykjavik Grapevine (www.grapevine.is): Das englischsprachige Gratis-Heft enthält alle aktuellen Lokalitäten und Happy Hour-Offerten.

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