Almenland
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Im Land der glücklichen Kühe: Das Almenland ist mit 253 Quadratkilometern auf 464 bis 1720 Meter Seehöhe das größte zusammenhängende Niedrig-Almweidegebiet in Europa. Für Urlauber ist es das Land der Alp-Träume.

Komme wer Wolle

Alp(en)-Träume in der Steiermark

Komme wer Wolle – nein, das ist kein Verschreiber. Das ist pure Absicht und einer der hintersinnigen Slogans im steirischen Naturpark Almenland. Urlauber sind hier nicht nur Zuschauer, sie sollen mitmachen...

...die Natur miterleben. Und hinterher gute Alp-Träume haben. Dafür sorgt auch eine Wirtin, die eine Promi-Box auf der Wiesn gegen das Naturparadies eingetauscht hat. Hier oben ist sie selbst der Promi.

Grandiose Lage: Sonnenterrasse der Jocklalm, wo es Gerrys berühmten Schweinsbraten gibt.

Wenn Gerry Baumgartner morgens um halb sieben seine knarzende Hüttentür öffnet, ist die Welt für ihn in Ordnung. Weit drunten im Tal in St. Jakob wabert noch der Morgennebel, bei ihm auf 1498 Metern Höhe strahlt schon die Sonne. Seit 15 Jahren ist Gerry der Steirische Jockl. So heißt auch die wildromantische Hüttn, die sich atemberaubend eng an den Felsen schmiegt. Gerry ist der Bergbaron vom Almenland, einem Naturpark 40 Kilometer nördlich von Graz. Und er ist nicht der einzige Preis-, Würden- oder Prädikatsträger unter den 13.000 Einwohnern, die sich auf hügelige 253 Quadratkilometer verteilen. Hier leben: eine Woll-Gräfin, ein philosophierender Käse-Papst, die Knödel-Kaiserin, Bienenkönig Karl Kreiner, eine süße Pralinen-Prinzessin und neuerdings auch ein TV-Sternchen: Evelin Wild wird gerade vom ZDF als neues Zugpferd für diverse Kochshows in Szene gesetzt. Zuletzt war sie im „Fernsehgarten“ zu sehen. Eines haben alle gemeinsam: Sie leben von der und für die Region und haben ihre Hobby zum Beruf gemacht.

Anita Schweiger war Bedienung in der Promi-Box im Hippodrom heute ist sie Knödel-Spezialistin.

Das Almenland ist eine Modellregion für nachhaltigen Tourismus. Was auf den 125 Almen be- und erwirtschaft wird, bekommt der Gast auf den Tisch. Zum Beispiel bei der Knödel-Kaiserin. Mitten im idyllischen Zentrum von Passail betreibt Anita Schweiger seit einem Jahr ein ausschließlich den Erdäpfeln gewidmetes Lokal. Bevor sie das Erbe der seit 1904 bestehenden Wirtschaft antrat, war die 49-Jährige Bedienung auf dem Oktoberfest. Im Hippodrom schleppte die zierliche Steirerin auf einen Schlag bis zu 15 Maßkrüge zu den Promis in der Schichtl-Box. Paris Hilton gehörte ebenso zu den Gästen wie Kaiser Franz Beckenbauer. Der ahnte damals wohl nicht, dass er eigentlich von einem Sportstar bedient wird. Denn Anita ist österreichische Meisterin im Degenfechten. Nun schält und schneidet sie mit dem Küchenmesser täglich 400 Kartoffeln (natürlich aus der Region), um daraus Knödel in 30 Variationen zu formen, deren gschmackige Inhalte von Blutwurst bis Mirabelle reichen. Ausschließlich Klöße stehen auf ihrer Speisekarte. Wobei sich der Gast die Frage verkneifen sollte: „Gibt’s nur Knödel?“ Denn auf das „nur“ reagiert die Chefin mit einem ziemlich schrägen Blick.

Selbsterklärte Spinnerin: Schäferin Karina Neufeld mit ihren Woll-Lieferanten.

Im Almenland ist die Welt noch in Ordnung, auch die der Bienen, obwohl ringsum in Europa ganze Bienenvölker von Seuchen dahingerafft werden. In der bergigen Steiermark, wo Monokultur natürlich verhindert wird, hat Imker Karl Kreiner (58) keine Angst um seine 150 Völker mit jeweils bis zu 50.000 Bienen. Seine Insekten leben von den Kräuterwiesen. Kreiners Motto: „Die großen Dinge liegen im ganz Kleinen.“ Gleich neben den Bienenstöcken hat sich Claudia Schellnegger eingenistet. Eigentlich ist die 32-Jährige Stewardess bei der Austrian Airlines, fliegt wöchentlich mindestens einmal nach Kiew oder Moskau. Im Nebenberuf fertigt die gelernte Konditorin als Untermieterin des Imkers nun süße Honig-Pralinen. Ja, spinnen tun’s schon ein bisserl im Almenland. Bei Karina Neufeld ist das wörtlich zu nehmen. Karina gehört einer von 300 Schafbetrieben in der Region. Sie lebt in Naas-Gösenfeld mit 240 dieser „frauenfreundlichen Tiere“ (Zitat Neufeld). Mehr Schafe (2220) als Einwohner (1800) hat die Gemeinde, überhaupt gibt es hier so viele Schafe wie nirgendwo sonst in Österreich. Aus der Wolle macht Karina Neufeld mit duftenden Kräutern gestopfte Filzpantoffel, Jacken nach Maß oder bunte Socken. Und sie garantiert, dass sie jeden um den Finger wickelt, der ihr am Spinnrad zuschaut.

Zurück bei Gerry Baumgartner auf 1498 Meter. Der 39-Jährige ist Wirt, Pächter, Schreiner, Koch, Herbergsvater und Mesner in einer Person. Denn außer für seinen legendären Schweinsbraten oder die noch legendärere Grammelstudelsuppn ist Gerry für die Kapelle zuständig, die in grauer Vorzeit – die genaue Zeit weiß keiner – 198 abenteuerliche Stufen unterhalb in den Berg gebaut wurde. In den 1970er-Jahren wurde das Schlüsselbrunn-Kircherl ein paar Meter verrückt, um Platz zu schaffen für den Zugang in eine geheimnisvolle Grotte. Wunderheilungen sollen hier stattfinden bei Augenleiden. Dazu muss man sich auf allen Vieren in den kleinen Felsspalt zwängen, ein paar Tröpferl Quellwasser auf die Augen träufeln und eine große Portion Gottvertrauen haben. Im Sommer wird jede Woche eine Messe in der Kapelle gelesen. Dann ist die gerammelt voll mit Pilgern. Und geht alles nach Wunder-Plan, dann schaut der Schweinsbraten beim Gerry danach gleich doppelt so gut aus...

Peter Loder

Die Reise-Infos zur Steiermark

REISEZIEL Die Naturparks der Steiermark repräsentieren charakteristische, ökologisch wertvolle Kulturlandschaften wie Weinberge, Almen, Moore, bewaldete Flusstäler oder Pässe. Alle Regionen haben sich dem bewussten Miteinander von Mensch und Natur verpflichtet. Der Naturpark Almenland wurde 2006 gegründet und ist damit der jüngste der sieben steirischen Naturparks. Er ist 253 Quadratkilometer groß und besteht aus 125 zusammenhängenden Einzelalmen.

REISEZEIT Die Almen des Naturparks liegen zwischen 464 und 1720 Metern Seehöhe und bilden das größte zusammenhängende Niedrig-Almweidegebiet Europas. Wenn anderswo die Wandersaison schon endet, weil sich der erste Schnee ankündigt, fängt sie hier erst richtig an.

SEHENSWERT Latschenhochmoor Teichalm mit Moorlehrpfad, Hohen- auer Ochsenhalt, Nechnitz-Plateau mit Blick auf die Rote Wand, Raab- und Bärenschützenklamm, Drachenhöhle Pernegg.

ALMTIPPS Auf der Teichalm hat Volks-Rock‘n-Roller Andreas Gabalier seinen Stammtisch und gibt dort am 13. Juli 2015 ein Heimat-Open-Air. Vom Teichwirt führt ein Wegweiser bergauf in den Wald zum Hochlantsch und weiter zur Jocklalm von Gerry Baumgartner. Aufstieg etwa drei Stunden. Wanderrouten auch unter www.almenland.at

WOHNEN Das Wohlfühlhotel Eder mit Spa und Hallenbad ist der perfekte Ausgangspunkt zur Almenland-Erkundung. Im 300-Einwohner-Dörfchen St. Kathrein am Offenegg werden nachts sogar die Glocken der Kirche nebenan zwischen 20 und 8 Uhr ausgeschaltet, um die Hotelgäste nicht im Schlaf zu stören. Nix-wie-weg-Angebot noch bis 30. November: Drei Nächte ab 299 Euro. Tel. 0043/3179-82 359, Internet: www.wellness-eder.at.

KULINARISCH Im Almenland kommt auf den Tisch was in der Region wächst und aufwächst. Rindfleisch von Tieren etwa, die auf den saftigen Bergwiesen weiden. Bei Stefan Eder, Chefkoch im elterlichen Hotel Eder, bestellt man die Steaks per Wunschzettel, auf dem Gramm und Beilagen angekreuzt werden. Für die süße Kleinigkeit zum Café danach ist Eders Freundin Evelin Wild zuständig, die telegene Pralinen-Designerin. Der Knödel-Gasthof Schrenk von Anita Schweiger liegt im Zentrum von Passail, Markt 20, Tel. 0043/3179- 23209, www.knoedelzeit.at.

KÄSE-BERGWERK 700 Jahre lang wurde in Arzberg Silber abgebaut. In einem alten, 270 Meter langen Berg- stollen lässt Franz Möstl heute Käse reifen. Bis zu acht Monate lagern die Laibe unter Tage, hergestellt nur aus der Milch von heugefütterten Almkühen. „Mein Leben ist Käse“ sagt Käse-Produzent Möstl, der eigentlich Anlagenbauer für Milchmaschinen ist, bei jedem Referat vor Besuchern voller Selbsterkenntnis. www.stollenkaese.at.

BROSCHÜRE Die Broschüre „7x7 Wald- und Wiesenangebote“ aus den steirischen Naturparks kann man bestellen bei Naturparke Steiermark, Mariahof, Tel. 0043/664-8321337, www.naturparke-steiermark.at.

PAUSCHALE Zwei Nächte in einem Naturpark-Partnerbertrieb können mit drei Naturvermittlungsangeboten ab 137 Euro p.P. im DZ mit Frühstück gebucht werden.

WEITERE INFOS Naturpark Almenland in Fladnitz, Tel. 0043/3179-23000, www.almenland.at, Steiermark Tourismus, Tel. 0043/316-4003-0.

Peter Loder

Peter Loder

E-Mail:Peter.Loder@ffb-tagblatt.de

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