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Idyllische Lage am See: Bad Waldsee zählt rund 23.000 Einwohner.

Kurort

Zum Ententörle in Bad Waldsee

Bad Waldsee ist wohl der sonnenreichste Kurort in Baden-Württemberg. Die Zeit des Barocks hat die kleine Stadt geprägt.

Schön war sie nicht, die Barockzeit. Zumindest für die Menschen, die nicht adelig waren. Denn nur ein verschwindend kleiner Teil der Bevölkerung konnte sich all jenes leisten, was heute mit dieser Epoche in Verbindung gebracht wird: die lockigen Allongeperücken, die Konzerte, die üppigen Mahle und reichen Feste. „Unser Bild vom Barock ist ein Klischee“, sagt der Stadtarchivar von Bad Waldsee, Michael Barczyk. Er kennt sich aus in der Geschichte des 20.000-Einwohner-Ortes im Oberschwäbischen - und er räumt ein bisschen auf mit dem schönen Schein des Zeitalters.

Gerüche und Geschmäcker aus vergangener Zeit

„Die Bauern wurden mit brennter Supp' und gebähtem Brot soweit bei Kräften gehalten, dass sie die schwere Arbeit verrichten konnten“, sagt Barczyk. Sie arbeiteten viele Stunden am Tag, mussten Frondienst leisten und besaßen doch nur das Nötigste. Ganz anders der Adel und die wohlhabende Mittelschicht. „Sie schwelgten geradezu im Überfluss.“ Heute lässt man die alte Zeit in Bad Waldsee wieder aufleben - die Gerüche und Geschmäcker jener Zeit, wenn auch etwas angepasst.

Großen Anteil daran hat der Stadtarchivar. Und der Berthold Schmidinger, Koch des Restaurants „Grüner Baum“, der die Gerichte jener Zeit auf den Tisch bringt. Barczyk liefert zu den verschiedenen Gängen Informationen und kleine historische Anekdoten. Bernhard Bitterfeld spielt dazu im historischen Kostüm auf der Sackpfeife.

Küchenchef Schmidinger kocht nach dem Vorbild der damaligen Zeit - wenn auch der Geschmack der Speisen an das 21. Jahrhundert angepasst ist. „Früher aß man Mus. Aus Dinkel, aus Hafer, aus Rüben. Mus und noch mal Mus“, sagt Barczyk. Auch beim Barockmenü steht Mus auf dem Speiseplan. Fischmus, mit Wildkräutern. Daran scheiden sich die Geister ebenso wie an der Brennten Supp' aus Dinkel, die in der modernen Variante mit Most und Sekt verfeinert ist.

Lust am Leben und Angst vor dem Tod

Beim gerösteten Hähnchen in Stachelbeersoße mit grünen und roten Knöpf' und Rüben können sich die Genießer wieder eher auf das Prädikat „wohlschmeckend“ einigen. Zwar sind die Pastinaken nicht Jedermanns Sache, aber das Fleisch mit der fruchtigen Soße umso mehr. „Hier kommen die Gegensätze ins Spiel, die so typisch waren für die Zeit“, erläutert Barczyk. Süß und sauer, die Lust am Leben und die Angst vor dem Tod, der vor allem in Kriegszeiten allgegenwärtig war.

In Bad Waldsee hat die Zeit ihre Spuren hinterlassen. 500 Kilometer lang ist die Oberschwäbische Barockstraße, hier kann jeder Reisende sein Interesse an Architektur, Malerei, Musik und Literatur befriedigen. Und Bad Waldsee, das mal als sonnenreichster Kurort Deutschlands, mal als baden-württembergischer Kurort mit dem schönsten Wetter gekürt wird, liegt mittendrin.

Die Häuser der Innenstadt ziert wunderschönes Fachwerk. Der alte Kornspeicher, der heute das Stadtmuseum beherbergt, erzählt viel über die wechselhafte Geschichte dieses kleinen Ortes, der 926 als Siedlung Walahsee erstmals erwähnt und 1298 zur Stadt erhoben wurde.

Das geheimnisvolle Ententörle

Ein paar Meter weiter Richtung Stadtsee gibt es ein besonderes kleines Geheimnis: das Ententörle. Ein schönes, altes Fachwerkhaus. Auf den ersten Blick. Die Geschichte dazu: Hier unten im Entenmoos war im 16. Jahrhundert eine öffentliche Badeanstalt, das Mayenbad. Eine Einrichtung, in der man sich nicht nur ordentlich waschen konnte, sondern in der man schon um die heilenden Kräfte des Torfes wusste. Und es gab eine versteckte Abteilung, in der sich schöne junge Mädchen aus Waldsee einsamen jungen und nicht mehr ganz so jungen Männern widmeten.

Auch der Kurfürst wusste um diese besonderen Dienste und ließ in das Entenmoos, das zu den eher verruchten Orten Waldsees gehörte, ein kleines Tor einbauen. Das Ententor. Klein und unscheinbar bis heute, aber der direkte Weg in das Mayenbad. „So konnte er ungestört kommen, auch wenn die Stadttore schon geschlossen waren.“ Heute geht es in Bad Waldsee deutlich gesitteter zu. Das Gros der jährlich 400.000 Gäste ist zur Erholung da - Bad Waldsee ist sowohl Kneipp-Kurort als auch Thermen-Standort.

Jeder kennt den Bahnhof Durlesbach

Das Stadtpanorama von Bad Waldsee wird überragt von der Stiftskirche St. Peter.

Doch nicht nur der Ort ist sehenswert, auch ein Ausflug in die Umgebung lohnt sich - sei es wandernd im näheren Umkreis oder per Fahrrad durch die hügelige Landschaft Oberschwabens. Wem das zu mühsam ist, kann sich ein E-Bike leihen. Mit voller Batterie gibt es ordentlich Schub auf den teils langen Anstiegen. Oder auf dem Weg zurück nach Waldsee, etwa vom Bahnhof Durlesbach - den wohl jeder kennt, der schon mal das Lied von der „Schwäb'sche Eisebahne“ gehört hat. Zwar halten hier schon lange keine Züge mehr, aber ein Waggon in Echtgröße stellt das Treiben auf der Eisenbahn nach. Der bronzene Schaffner, ein untersetzter Mann mit freundlichem Gesicht und Schnauzbart, ist dem edlen Spender nachempfunden: Alfons Walz, Gründer des gleichnamigen Baby-Warenhauses und einer der berühmten Söhne Bad Waldsees.

Ein paar Kilometer weiter, in der Peripherie Bad Waldsees, steht noch so ein Denkmal. Von einem, der die Welt des Reisens revolutionierte: Erwin Hymer gilt als Erfinder des Wohnmobils. Bis heute werden im Oberschwäbischen die fahrenden Häuser hergestellt. Ein Museum huldigt dem mobilen Reisen durch die Zeiten - von Oberschwaben in die ganze Welt.

Von Verena Wolff, dpa

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