Tast-Ortsplan der Gemeinde Bischofsgrün im Fichtelgebirge
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Tast-Ortsplan der Gemeinde Bischofsgrün im Fichtelgebirge

Beeindruckend

Wandern für Blinde im Fichtelgebirge

Horst und Waltraut Zinnert sind blind. Trotzdem gehen sie gerne Wandern. Im Fichtelgebirge wollen sie nun auch anderen blinden und sehbehinderten Menschen unbeschwerte Urlaubstage trotz Handicap ermöglichen.

Draußen regnet es. „Macht nichts“, sagt Waltraut Zinnert und lacht. „Wir sind ja nicht aus Zucker.“ Gleich wird sie mit ihrem Mann zu einer Tour auf den Ochsenkopf im Fichtelgebirge aufbrechen. Eine ganz normale Wanderung? Nicht für Waltraud und Horst Zinnert. Denn beide sind blind. Seit einigen Monaten engagieren sie sich dafür, dass auch andere blinde und sehbehinderte Menschen in Bischofsgrün (Landkreis Bayreuth) unbeschwerte Urlaube oder Ausflüge verbringen können.

Die blinden Horst und Waltraut Zinnert brechen mit ihrem Hund Cowboy in Bischofsgrün im Fichtelgebirge (Bayern) zu einer Wanderung auf.

Denn wer nicht sehen kann, ist in fremder Umgebung aufgeschmissen oder ist auf spezielle Hotels, Helfer oder Gruppenreisen angewiesen. Das kostet aber oft viel Geld, sagt das Paar. Wer Individualität möchte oder einen preisgünstigen Urlaub, tue sich schwer.
Horst und Waltraut Zinnert haben deshalb für Bischofsgrün einen tastbaren Ortsplan erstellt. Damit erfahren blinde Menschen, wie die Wege verlaufen, wo es Grünflächen gibt und wo der Wald beginnt. Das Paar hat Gastronomen dafür gewonnen, ihre Speisekarten in Blindenschrift drucken zu lassen. Sie haben Wanderführer angeworben, die ehrenamtlich Touren für Blinde und Sehbehinderte begleiten. Und sie wollen Ängste und Vorurteile abbauen: Blinde können auch auf der Sommerrodelbahn ihren Spaß haben oder mit der Seilschwebebahn auf den 1024 Meter hohen Ochsenkopfgipfel fahren.

In Bischofsgrün aber stoßen sie sowieso auf Offenheit. „Die Einwohner sind sehr unkompliziert“, sagt Waltraut Zinnert. Denn Blinde haben ihrer Erfahrung nach oft mit zwei Phänomenen zu kämpfen: Entweder, die Menschen seien übervorsichtig oder aber ignorant. In Bischofsgrün fühlen sich die Zinnerts ganz normal behandelt. Und sie bekommen Unterstützung, wenn sie notwendig ist.

Die Kosten für den aufwendigen Tast-Ortsplan seien durch Spenden finanziert worden, erklärt Horst Zinnert. Auch für die Zukunft sagt Bürgermeister Stephan Unglaub (SPD) den rührigen Organisatoren die Hilfe der Kommune weiter zu: „Das verdient vollste Unterstützung.“ Bereits in den 1980er Jahren habe die Bergwacht Langlauf-Touren für Sehbehinderte und Blinde angeboten. Es sei gut, dass diese Tradition nun wieder auflebe, findet der Bürgermeister.

Horst Zinnert ist gebürtiger Bischofsgrüner. Mit 17 Jahren erblindete er. Heute arbeitet er in Erlangen als Physiotherapeut, seine Frau ist in einer Telefonvermittlung tätig. Ihr Leben meistern sie souverän. Am Wochenende zieht es sie regelmäßig ins Fichtelgebirge.

Spezielles Navigationsgerät für Sehbehinderte

Gerade Bischofsgrün mit seiner Mittelgebirgslandschaft sei für blinde und sehbehinderte Urlauber ein guter Fleck, sagen sie: „Das Hochgebirge ist oft zu weitläufig.“ Es gebe im Fichtelgebirge viele akustische Reize wie sprudelnde Bäche, an denen man sich gut orientieren könne. Auch die Bundesstraße am Ortsrand, für viele Sehende wegen des dichten Verkehrs oft ein Ärgernis, ist für Blinde eine wichtige Orientierungshilfe: „Wenn der Verkehrslärm stärker oder schwächer wird, weiß ich genau, in welche Richtung ich gerade gehe. Die Straße gibt Sicherheit“, erläutert Horst Zinnert.

Aber was reizt Blinde am Wandern, wenn sie nicht die Ausblicke genießen können und die optischen Eigenheiten der Landschaft? Waltraut Zinnert sagt: „Die Ohren, die Nase, die Füße werden zum Sehen eingesetzt.“ Geräusche, der wechselnde Untergrund, das Wetter, Gerüche - all das nimmt sie intensiv wahr. Bei Gruppentouren von Blinden, die sie begleiten, ist auch eine Fahrt mit der Seilschwebebahn auf den Ochsenkopf sehr beliebt: Oben auszusteigen, den Schnee unter den Fußsohlen zu spüren, sich den rauen Wind um die Nase wehen zu lassen, „das sind für viele blinde Menschen beeindruckende Erlebnisse“, weiß Horst Zinnert.

Waltraut Zinnert nutzt den Tast-Ortsplan der Gemeinde Bischofsgrün im Fichtelgebirge (Bayern).

Einem blinden Wanderer kommt es eben auf andere Dinge an. „Eine Tour von zwei Kilometern ist für ihn eine tolle Sache, für einen Sehenden ganz normal.“ Man freue sich, wenn man diese Herausforderung geschafft und die Orientierung nicht verloren habe. „Wer es sich zutraut, kann mit dem Ortsplan auch alleine losziehen“, sagt Horst Zinnert. In vielen Orten fehle es Blinden aber generell an Starthilfen: Man sei in einem Hotel und habe keine Möglchkeit, die Umgebung zu erkunden. In Bischofsgrün ist das anders. Sogar ein spezielles Navigationsgerät kann man sich ausleihen.

Die Zinnerts freilich wagen sich schon an anspruchsvollere Touren, sogar Steige meistern sie furchtlos. Waltraut Zinnert sagt: „Wenn man sich auf den Weg konzentriert, kann man wunderbar vom Altagsstress abschalten.“

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Von Kathrin Zeilmann, dpa

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