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Ewig rauschen die Wellen: Von den Rundhütten der Bulungula-Lodge blicken die Gäste auf das dunstige Meer

Am echten Ende von Afrika

Wandern entlang von Südafrikas "Wild Coast"

Durban - Auf dem Fußmarsch an der südafrikanischen Ostküste trifft man Wale und Fischer, Medizinmänner und Touristenführer, Aussteiger und Visionäre.

Grün, saftig grün, sind die Hügel, die landeinwärts bis zum Horizont reichen und zur See hin im tiefen Blau des Indischen Ozeans versinken. Die weiße Gischt der Wild Coast, dem Küstenabschnitt zwischen East London und Durban, der seinen wilden Namen nicht von ungefähr hat, sieht man erst kurz vor dem Strand.

Doch davor warten immer mindestens ein verborgenes Tal, ein Abstieg und ein Aufstieg. Wer hier wandern will, braucht Kondition und darf keine Angst vor nassen Füßen haben. Unzählige kleine Flüsse haben sich an der Wild Coast auf ihrem Weg zum Ozean tief in das zerklüftete Gestein eingegraben.

An ihren Ufern gibt es dschungelartige Wälder, querfeldein sind sie undurchdringlich. Einzelne dünne Pfade führen durch das Dickicht, auf denen die Medizinmänner noch immer die Zutaten für ihre Tinkturen sammeln.

Von den Hängen beobachten groß gewachsene braune Kühe das Treiben der Menschen. „Wenn man einen großen Hügel erklommen hat, sieht man erst, dass noch viele Hügel mehr zu erklimmen sind“, hat Nelson Mandela einmal gesagt. Südafrikas im Dezember verstorbener Freiheitsheld und Friedensnobelpreisträger kommt von hier, sein Heimatdorf Qunu liegt von Nqileni, dem Start unserer Wanderung an der Mündung des Bulungula-Flusses, knapp 90 Kilometer landeinwärts.

Auch Dave Martin ist hinter der donnernden Brandung der Wild Coast heimisch geworden, ein echter Exote im ehemaligen Homeland der Xhosa. Der gebürtige Kapstädter ist weit und breit der einzige Weiße. Auf einer Wanderung entlang der Küste hat er vor elf Jahren seine neue Heimat gefunden, sich ein kleines Feld umzäunt und eine Rundhütte gebaut.

Dave (38) ist studierter Betriebswirtschaftler. Als IT-Experte in London hatte er genügend Geld verdient, um seine Idee zu verwirklichen: die Bulungula Lodge, ein einfaches Hostel, das einer Dorfgemeinschaft nicht nur hilft, sondern ihr gehört. „Für mich ist das hier der einzige Fleck in Südafrika, der noch wirklich Afrika ist“, sagt er heute. Als Martin 2002 nach Nqileni kam, fand er eine Welt, die in einem industrialisierten Schwellenland wie Südafrika eigentlich nicht mehr vorstellbar ist. „Niemand hier hatte jemals zuvor Stromleitungen gesehen, kein Fernsehen, kein Radio, kein Handy“, erinnert er sich.

Entsprechend schwierig gestaltete sich der Bau der Lodge. Niemand sprach Englisch. Vieles fehlt noch immer, doch inzwischen macht genau das den Reiz des Ortes aus. Den Strom erzeugt mangels Netzanschluss eine Solaranlage. Die Dusche wird durch eine Tasse voll Parafin heiß.

Das Leben habe sich geändert in Nqileni, findet Andiswa Tshayiso. Die fröhliche, aber bestimmt auftretende junge Frau war 16, als die Rundhütten des Hostels gebaut wurden. „Ich hätte nie meinen Schulabschluss gemacht, wenn die Touristen nicht hier wären“, sagt Andiswa. Traurig klingt das, aber es ist realistisch. Die Provinz Eastern Cape, in die die Transkei integriert wurde, ist das Armenhaus Südafrikas. Die ländliche Idylle kann den Charme der scheinbaren Ursprünglichkeit schnell verlieren, wenn man hinter ihre Fassade schaut.

Das ländliche Südafrika wandelt sich

In Nqileni ist das gewollt. Hier dürfen Gäste die Dorffrauen in ihrem Arbeitsalltag zwischen Maisbierbrauen und Lehmsteinproduktion begleiten und selbst mit anpacken. Ein einheimischer Angler wiederum nimmt die Besucher mit an seine besten Stellen. Selbst der Medizinmann verrät die Geheimnisse seiner Heilpflanzen und erklärt, warum die traditionelle Medizin noch immer ihren festen Platz in der Gesellschaft hat.

Doch das ländliche Südafrika wandelt sich. Das ist unübersehbar, wenn man Nqileni verlässt und entlang der Küste nach Nordosten wandert. Die Regierung kommt hier voran mit der Schaffung des „besseren Lebens für alle“, das Mandela 1994 versprochen hat.

Es ist eine Tagesroute von der Bulungula Lodge zum nächsten Backpacker Hostel, dem Wild Lubanzi. Spektakulär fällt die felsige Steilküste hier gerade noch ins Meer, um ein paar Kilometer weiter von breiten Stränden abgelöst zu werden. Weit und breit ist hier kein Fußabdruck im Sand auszumachen.

Hinter der Brandung tauchen immer wieder die Rückenflossen von Glattwalen auf. Wild Lubanzi wird von einer jungen Schweizerin und einem Südafrikaner betrieben. Das selbst zusammengezimmerte Hostel wirkt mit seinen Hunden, Katzen, Gänsen und Hühnern wie ein Bauernhof. Gegessen wird gemeinsam an einem Tisch.

Bedeutendste Attraktion ist die Hängematte mit Meerblick, von der sich vorbeiziehende Wale beobachten lassen. „Mir ist relativ egal, wo ich bin“, sagt Rahel Lawrence, die einst als Bürokraft in Bern gearbeitet hat. „Es geht um den Lebensstil, den ich mir ausgesucht habe, darum, so weit weg wie möglich von einer Stadt zu leben und mein eigenes Essen anzubauen.“

Wer vom Wild Lubanzi weiter gen Nordosten wandert, vorbei am Hole in the Wall, einem natürlichen Steintor im Ozean, trifft schon nach wenigen Stunden wieder auf organisierten Tourismus. Ein Hotel steht dort. Einen halben Tag weiter, in Coffee Bay, trifft erstmals eine Teerstraße auf den Sand der Wild Coast. Rastas verkaufen hier – illegal, aber weitgehend unbehelligt – Marihuana und magische Pilze.

Das „normale“, hektischere Südafrika mit all seinen offen zur Schau getragenen Problemen meldet sich langsam, aber bestimmt zurück. Wer ihm entfliehen will, der dreht einfach um und wandert wieder zurück. Die Hügel sind an beiden Enden der Wild Coast ähnlich, nur das Afrika ist ein anderes.

Die Reise-Infos

REISEZIEL: Die Wild Coast erstreckt sich im Osten Südafrikas entlang des Indischen Ozeans. Sie entspricht damit der Küstenlinie des früheren Homelands Transkei, aus dem Südafrikas Freiheitsheld Nelson Mandela stammt.

ANREISE: Lufthansa und South African Airways fliegen von Frankfurt und München nach Johannesburg. Von dort fliegt Airlink nach Mthatha, ab dort empfiehlt sich ein geländegängiger Mietwagen. EU-Bürger brauchen einen Reisepass.

REISEZEIT/KLIMA:  Die Winter, von April bis September, sind an der Wild Coast trocken und sehr mild. In den Sommermonaten, von Oktober bis März, regnet es häufiger.

WANDERUNGEN: Grundsätzlich nötig ist ein Wanderführer für die kostenlosen Routen nicht. Die über die Hostels zu beziehenden Karten sind allerdings ungenau, Wegweiser gibt es so gut wie überhaupt nicht. Wer nicht Gefahr laufen will, sich zu verlaufen, sollte also vorab in Absprache mit den Unterkünften lokale Guides buchen.

WOHNEN: Ein Doppelzimmer in Hostels wie der Bulungula Lodge oder Wild Lubanzi kostet zwischen 280 und 420 Rand (19 bis 29 Euro).

WEITERE INFOS zu den Wanderrouten entlang der Wild Coast findet man auf der Homepage von South African Tourism unter www.south­africa.net oder bei South Africa Tourism in Frankfurt, Tel. 08 00/118 91 18.

Christian Selz

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