Schloss
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Schlafen im Schloss: Helga und Peter Leuschner vermieten Ferienwohnungen in dem über 750 Jahre alten Gebäude.

Altmühltal: Schlafen im Schloss

Mal schlafen wie die Grafen, heißt es bei immer mehr Urlaubern. Übernachten im Schloss liegt im Trend, und man muss nicht die Kronjuwelen versilbern, um sich fürstlich zu betten...

...denn es gibt immer mehr Schlossbesitzer die einzelne Zimmer oder ganze Flügel als Ferienwohnungen günstig anbieten. Reiseredakteur Volker Pfau hat Helga und Peter Leuschner auf Schloss Hofstetten besucht, die seit wenigen Monaten einige ihrer Räume vermieten.

Schloss Hofstetten ist das ehemalige Jagdschloss der Eichstätter Fürstbischöfe

Der Hausherr empfängt uns am Parkplatz in der Einfahrt. „Kommt’s mit“, sagt Peter Leusch­ner und führt uns zum Eingang des Schlosses. Erst hier wird einem die wahre Größe des Bauwerks und des Gartens bewusst. Von der Straße aus konnte man die Dimensionen nicht erkennen, jetzt legen wir die Köpfe in den Nacken und schauen an der bemalten Fassade mit insgesamt 60 Fenstern nach oben. „Die ältesten Mauern stammen aus der Zeit um 1250“, sagt Peter Leuschner. Wir treten ein in das ehemalige Jagdschloss der Eichstätter Fürstbischöfe, das auf eine etwa 750-jährige Geschichte zurückblicken kann und als prominentesten Besitzer Napoleons Stiefsohn Eugéne de Beauharnaise (verheiratet mit einer Tochter des Bayernkönigs Max I.) vorweisen kann.

Das Klavierzimmer: Tafeln oder Speisen in historischem Ambiente.

Mit allzu vielen Daten aus der Historie des Schlosses will Peter Leuschner uns nicht überfallen, nur so viel: Ziemlich genau so, wie wir das Bauwerk heute sehen, hat es nach dem letzten großen Umbau im Jahr 1694 ausgesehen. „Diesen Zustand haben wir wieder hergestellt“, sagt er. Dass diese „Wiederherstellung“ ihn und seine Frau Helga über 35 Jahre lang beschäftigt hat und bestimmt für so manches der grauen Haare auf seinem Kopf verantwortlich ist, das erfahren wir später und detailliert bei der Lektüre seines Buches „Mein Schloss, meine Familie und ich“. Erst da wird uns bewusst, was das Ehepaar für eine Leistung vollbracht hat.

Der windgeschützte Innenhof mit dem Brunnen.

Jetzt treten wir ein und staunen über den hellen, lichtdurchfluteten Gang mit Arkaden Richtung Süden. Das Werk des italienischen Barock-Baumeisters Giacomo Angelini, der so etwas wie ein früher Gastarbeiter war und sich perfekt inte­grierte, indem er seinen Namen zu Jakob Engel eindeutschte. „Der hat das Licht ins Haus gebracht“, sagt Peter Leuschner und öffnet links eine Tür. Ein Zusatz-Schlafzimmer mit vier Betten, wenn kleinere Gruppen die Ferienwohnung mieten und extra Platz brauchen.

Wir gehen – nein wir schreiten – die Treppe ins erste Stockwerk hoch. Auf halbem Weg grüßt eine lebensgroße Holzstatue. „Unser Papst“, sagt Peter Leuschner. Mehr als dass es sich wegen der Tiara um den höchsten kirchlichen Würdenträger handelt und dass die Figur um 1720 entstanden ist, weiß er nicht. Er bekam sie vor einigen Jahren von einem Onkel geschenkt.

Am Treppenabsatz steht der Papst.

Auf den angenehm flachen Stufen der Holztreppe erklärt Peter Leuschner die Dramaturgie des Schlosses. Das Erdgeschoss sei nie für Wohnzwecke genutzt worden. Darüber befanden sich im ersten Stock die fürstbischöflichen Wohnräume, während die zweite Etage der Repräsentation vorbehalten war. „Angeberzimmer“, hat Leuschner kürzlich einer dritten Grundschulklasse die Bedeutung des Wortes „Repräsentation“ erklärt. Heute sind dort Rittersaal, Bibliothek und Erkerzimmer, die für Veranstaltungen und Feiern gemietet werden können, auch standesamtliche Trauungen sind möglich.

Die beiden Ferienwohnungen liegen im ersten Stock. Rechts geht’s zur kleinen für bis zu vier Personen, links können in der sogenannten Bischof-Suite bis zu sechs Personen nächtigen. Beide sind hell, haben Stuckdecken, den original Weißtannen-Dielenboden, einen gusseisernen Ofen – der eher dem atmosphärischen Heizen dient, denn für wohlige Wärme sorgt eine unsichtbar verlegte sogenannte Bauteiltemperierung, die von einer Hackschnitzelheizung gespeist wird. Die beiden Küchen sind Maßanfertigungen des Schreiners, in zwei Schlafzimmern stehen vom selben Handwerker gebaute Betten aus Holz von Bäumen aus dem 7750 Quadratmeter großen Schlossgarten.

Bett aus Holz von Bäumen des Schlossgartens.

Peter Leuschner will uns unbedingt noch den Sanitärbereich zeigen. Wer denkt, Klo ist Klo und Bad ist Bad, liegt falsch. An den Wänden ist Kalk-Edelputz angebracht. „Der heißt Stucco lustro, den haben schon die alten Römer verwendet“, erklärt Leuschner. Die in der jahrtausende alten Technik verputzen Wände sehen aus wie Marmor und sind wasserabweisend. „Dieser Abtritt war um 1700 eine der modernsten Toiletten in ganz Deutschland“, sagt Peter Leuschner stolz. Zwei Lokusse standen nebeneinander in gemauerten Nischen, in der Decke war ein Lüftungsloch und die Fäkalien sausten in einem Schacht nach unten. Ein beeindruckender Ort, der für uns heute so selbstverständlich ist.

Baden mit Stil: Stucco-lustro-Wandputz.

Warum aber holen sich Helga und Peter Leuschner Fremde ins Haus, denen man dort immer wieder begegnet, die unterm gleichen Dach schlafen, wegen Ausflugstipps und Einkaufsmöglichkeiten nachfragen, sich genauso neugierig wie wir das ganze Bauwerk zeigen lassen und mit deren Kindern man abends noch am Lagerfeuer im Garten sitzt und Geschichten erzählt? Die beiden lieben ihr Schloss, auch wenn sie mitten in den Umbauzeiten den Kauf bestimmt schon zig Mal bereut haben. Peter Leuschner kokettiert gern damit, dass er ja eigentlich „Schlossknecht“ sei und nicht Schlossherr, „so ein alter Steinkasten hält einen ganz schön auf Trab.“

Seine Erlebnisse als Schlossherr hat Peter Leuschner in dem Buch „Mein Schloss, meine Familie und ich“ aufgeschrieben. 256 Seiten, 19,90 Euro, Verlag Langen Müller München, ISBN 3-7844-3055-4.

Das ganze Bauwerk mit 24 Zimmern und rund 700 Quadratmetern Wohnfläche ist – spätestens seit das letzte der drei Kinder im vergangenen Jahr auszog – zu groß. Aber es sind nicht zuletzt auch finanzielle Gründe, die in dem Ehepaar den Entschluss reifen ließen, einige Räume zumindest temporär zu vermieten. „Das Schloss muss Geld erwirtschaften, um den künftigen Bauunterhalt zu sichern“, sagt Peter Leuschner, „wir haben lange genug für das Schloss gearbeitet, jetzt kann es auch mal für uns arbeiten.“ Und er muss an die Zukunft denken und vorsorgen, auch wenn er jetzt erst einmal sehr froh ist, dass er im Haus keinen Handwerker braucht. „In 20, 30 Jahren steht die nächste Renovierung an.“ Die wirtschaftlichen Gründe allein sind es natürlich nicht, warum sich die Leusch­ners eingereiht haben in die Liste der Schlossbesitzer, die Ferienwohnungen vermieten. „Die Gäste kommen mit guter Laune“, sagt Helga Leuschner, „das ist auch eine Bereicherung für uns.“

Für Peter Leuschner bedeutet die Anwesenheit von Gästen nur eine Einschränkung: „Ich gehe nicht im Bademantel auf den Flur.“ Sonst hielte man ihn womöglich für Kasimir, das Schlossgespenst, das seine drei Kinder wegen der großen Nachfrage einst kurzerhand erfunden haben. Aber das ist laut Definition der Schöpfer „friedlich und freundlich“. Es freut sich über all diejenigen, die im Schloss schlafen.

Volker Pfau

REISE-INFOS ZUM SCHLOSS

REISEZIEL Das Schloss Hof­stetten, Gemeinde Hitzhofen, liegt im Naturpark Altmühltal in der Nähe des geografischen Mittelpunktes Bayerns knapp 20 Kilometer von Ingolstadt und etwa 80 Kilometer von München, Nürnberg, Regensburg und Augsburg entfernt.

ANREISE Mit dem Auto von München auf der Autobahn A9 bis Ausfahrt Ingolstadt-Nord, weiter auf der B13 bis Eitensheim, dort rechts ab nach Hitzhofen und weiter bis Hofstetten.

PREISE Die kleine Ferienwohnung im Schloss Hofstetten („Abendsonne“) kostet ab 54 Euro, die große („Bischof-Suite“) für maximal zehn Personen ab 102 Euro (jeweils pro Nacht, inkl. Nebenkosten). Buchung im Internet unter www.fewo-direkt.de oder bei Familie Leuschner, Schloss Hofstetten, 85122 Hofstetten; Tel. 084 06/17 70, Internet: www.schloss-hofstetten.de.

SEHENSWERT Im Urzeit-­Museum Solnhofen sind zwei Originale des Urvogels Archaeopteryx zu sehen. Geöffnet vom 1. November bis 28. März sonntags von 13 bis 16 Uhr, ansonsten täglich von 9 bis 17 Uhr, Eintritt 3,50 Euro, Kinder 2,50 Euro; Tel. 091 45/83 20 30, Internet: www.solnhofen.de. Ein weiteres Exemplar des Urvogels ist im Jura-Museum auf der Willibaldsburg in Eichstätt ausgestellt, dazu Fossilienfunde aus 150 Millionen Jahren Erdgeschichte. Geöffnet April bis Sep. Di. bis So. von 9 bis 18 Uhr, Okt. bis März Di. bis So. von 10 bis 16 Uhr; Eintritt 4 Euro, Kinder (bis 18) in Begleitung eines Erwachsenen frei. Tel. 084 21/29 56, Internet: www.jura-museum.de.

AKTIVITÄTEN Im Frühjahr, Sommer und Herbst gibt es im Naturpark Altmühltal verschiedene Angebote: u.a. Kanufahren auf der Altmühl, Kletterpark mit Hochseilgarten in Beilngries, Felskettern in Kon­stein/Aicha, Dollnstein und Prunn/Essing sowie Golf und Reiten. Infos dazu beim Naturpark Altmühltal in Eichstätt, Tel. 084 21/987 60.

RAD So lange das Wetter noch gut ist, bietet sich eine Tour auf dem 166 Kilometer langen Altmühl-Radweg an, der von Gunzenhausen bis Kelheim entlang der Altmühl führt.

WANDERN Der Altmühltal-Panoramaweg ist sowohl für Fernwanderungen als auch mit seinen Schlaufenwegen für Tages- und Halbtagestouren konzipiert, zudem gibt es Themenwanderwege wie den Limeswanderweg von Gunzenhausen bis Bad Gögging.

FOSSILIEN Hobby-Archäologen haben in der Region eine große Auswahl. Der Fossiliensteinbruch bei Mühlheim ist ein Geheimtipp, in dem auf rund 6000 Quadratmetern Fläche u.a. Ammoniten, Pflanzen und Fische zu finden sind. Geöffnet bis November täglich von 10 bis 16 Uhr, Eintritt 5 Euro, Kinder 3 Euro, Info: Tel. 01 60/91 42 91 82.

AUSKUNFT Zentrale Tourist-Information Naturpark Altmühltal in Eichstätt, Tel. 084 21/987 60, Internet: www.naturpark-altmuehltal.de.

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