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EHC vor dem Titel: Das Wunder aus der Dose

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Von: Günter Klein

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Schlussjubel am Dienstag in der Olympia-Eishalle: Die Spieler des EHC München bedanken sich bei den Fans.
Schlussjubel am Dienstag in der Olympia-Eishalle: Die Spieler des EHC München bedanken sich bei den Fans. © GEPA Pictures

München – Der EHC München kann heute Deutscher Meister im Eishockey werden, er braucht nur noch einen Sieg. Bayern ist Eishockey-Kernland, doch München keine Eishockey-Stadt. Seit Jahrzehnten scheint ein Fluch über dem Standort zu liegen. Ist das vorbei? Und wie viel hängt vom Sponsor ab?

Eishockey ist der Sport der nahbaren Menschen. Das hat sich am Dienstagabend wieder gezeigt, nachdem der EHC München die Grizzlys Wolfsburg 4:1 besiegt hatte und in der Finalserie um die Deutsche Meisterschaft mit 3:0 gewonnenen Spielen vorentscheidend in Führung gegangen war.

Hinter der alten Münchner Olympia-Eishalle gibt es einen Betriebshof, der Bus der auswärtigen Mannschaft parkt dort. Nichts ist abgesperrt, die Fans können einfach hinspazieren. Autogramme holen. Mit Spielern plaudern. Einige der 33 Wolfsburger Anhänger, die quer durchs Land nach München gereist waren, fanden sich am Bus ein. Sie klatschten für die Spieler, trotz der Niederlage.

Auf der anderen Seite der Olympia-Eishalle machte sich Don Jackson auf den Heimweg, der Trainer des EHC. Gut eine Stunde nach dem Spiel war das, es standen noch ein paar Münchner in der Nacht. Er ließ das Seitenfenster seines Autos herunter, er tauschte noch ein paar Worte. Die Fans sagten: „Komm gut heim, Don.“

So ist Eishockey in Deutschland: unkompliziert, klein, heimelig – im Vergleich zum Fußball. Aber von Zuschauer- und Umsatzzahlen her dann doch noch größer als Hand- und Basketball. Und wenn es in den April hineingeht und die Liga einen neuen Meister bekommt, erfährt diese Sportart für einige Tage auch mediale Beachtung. Sogar in den Radio-Nachrichten wird jetzt immer das Ergebnis gebracht und gesagt: „Im erst sechsten Jahr seiner Zugehörigkeit zur Deutschen Eishockey-Liga steht der EHC München vor dem ersten Titelgewinn seiner Vereinsgeschichte.“ Was sich nach einer makellosen Aufsteiger-Geschichte anhört, die den Leuten sympathisch sein müsste.

Doch es ist keine geradlinige Geschichte. Denn der EHC München war schon satt verschuldet, als er 2010 in die DEL, die höchste Eishockey-Liga in Deutschland, aufstieg. Zwei Jahre später, 2012, waren die drei Gesellschafter, Münchner Privatleute, finanziell ausgeblutet; die Schwenninger Wild Wings fragten an, ob sie die Lizenz des EHC kaufen könnten, das geht in diesem Sport.

Da tauchte in höchster Not ein weißer Ritter auf. Red Bull, der Getränkekonzern aus Österreich. Kaufte mit einer Million Euro für ein Jahr den Vereinsnamen („EHC Red Bull München“) und stieg 2013 richtig ein. Komplettübernahme. Neuausrichtung. Investitionen. Red Bull München ist seitdem eine 100-prozentige Tochter des Konzerns aus dem Salzburger Land. Und aus dem Klub, der seinen Vier-Millionen-Euro-Etat nicht erfüllen konnte, wurde einer, der sich jede Saison geschätzte 13 Millionen kosten lässt. Finanz-Spitzenreiter der Liga. EHC Neureich.

EHC muss sich Schmähgesänge gefallen lassen

Für die Münchner Fans bedeutete dies: Hoffnung auf Spitzen-Eishockey und auf Nachhaltigkeit. Gute Teams hatte es immer gegeben in München – doch nie lange. Den EC Hedos: im April 1994 Meister, im Dezember 1994 pleite und ausgelöscht. Die Barons, die der US-Milliardär Philip Anschutz installierte: In der ersten Saison, 1999/2000, Meister – 2002 nach Hamburg verpflanzt. Der Standort München musste mal wieder unten anfangen. Nun lehnt er sich an Didi Mateschitz, 71, den Red-Bull-Mann. Nummer 64 auf der Forbes-Liste der reichsten Menschen der Welt. 14,6 Milliarden Dollar.

Der EHC München ist in der Liga unbeliebt. Die Antipathie trifft ihn zwar nicht so hart wie Mateschitz’ Fußballprojekt RB Leipzig. Eishockey bekommt weniger Aufmerksamkeit, und im Umfeld der dauerklammen Sportart herrscht durchaus Verständnis, dass ein Klub das Geld nimmt, das ihm hingehalten wird. Doch auch nach vier Jahren EHC Red Bull reißen die Schmähgesänge nicht ab. Der Klassiker ist „Selbst in München kennt euch keine Sau“, weil der EHC seine Halle (6142 Plätze) nur zu Ausnahmespielen voll bekommt und in der Zuschauertabelle bloß Neunter von 14 wurde. Eine Spur derber geht’s auch: „Salzburger Hure!“ Der EHC-Block kontert dann: „Wir sind Münchner, arrogante Münchner, essen nur bei Schuhbeck und trinken Schampus im P1.“ Ein selbstironisches Spiel mit dem Ruf, den man hat, wenn man in Verbindung zum Münchner Eishockey-Klub steht.

Dabei versucht der EHC, nicht großkotzig zu wirken. Er umgarnt die kleinen Vereine im Umland, er versucht sich über eine Nachwuchsakademie im Salzburger Ortsteil Liefering an der Förderung auch des deutschen Eissport-Nachwuchses, und wenn die Profi-Mannschaft unterwegs ist zu ihren Spielen, steigt sie nicht in Fünf-Sterne-Herbergen ab, sondern in der Kategorie „Best Western“. Die Dienstautos der Spieler sind von Subaru.

Die Organisation,

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EHC-Kapitän Michael Wolf. © GEPA Pictures

die hinter dem EHC steht, prägt die eine Seite der Geschichte: Red Bull, die kalte Firma, die ihre Dosen verkaufen will. Die sich dafür die Plattform geholt hat, die am günstigsten zu haben war. Die ihre Angestellten einem strengen Verhaltenskodex unterwirft: Nicht einmal Christian Winkler, seit Urzeiten des alten EHC München dabei und über zehn Jahre Gesicht und Stimme des Vereins, darf sich in den Medien zitieren lassen, obwohl er Geschäftsführer des EHC ist. Im Red-Bull-Kosmos gibt es nur den Trainer und die Spieler. Und Didi Mateschitz. Doch in den vier Jahren, in denen der Österreicher in München alles bezahlt, war er noch bei keinem einzigen Spiel der Mannschaft, die ihm gehört.

EHC sportlich bemerkenswert

Die andere Seite der Geschichte ist die sportlich bemerkenswerte, wie sich grundverschiedene Menschen – Oberbayern, Allgäuer, Rest-Deutsche, Kanadier, Amerikaner, ein Finne – zu einer Mannschaft finden. Sie sind zusammengekommen, weil Red Bull gute Jobs bietet. Hier besteht ein Jahr aus zwölf Monatsgehältern, bei anderen Klubs muss man sich im Sommer arbeitslos melden oder ein Geringfügiges-Beschäftigungs-Verhältnis eingehen. Die Ausländer werden auch vom Namen München angezogen und der Vorstellung, was die Stadt bieten könnte. Vor gut drei Jahren war mal Paul Stastny da, ein Star aus der US-Profiliga NHL, in der der Spielbetrieb wegen eines Tarifstreits zwischen Klubeignern und Gewerkschaft monatelang ausfiel. Stastny spielte spaßeshalber für den EHC München – nach einem Blick auf die Tourneedaten von „Florence and the Machine“: Die Band gastierte in dieser Zeit in der Olympiahalle.

Stastny ist längst wieder weg, andere Stars sind gekommen. Wie Michael Wolf. Der Füssener war neun Jahre lang der König von Iserlohn, er ging von dort mit feuchten Augen. München war die praktischste Lösung für ihn. Es gibt mehr Geld, er hat auch hier Freunde, weil er im Sommer immer für die Germering Wanderers Inlinehockey spielte. Nun kann Wolf öfter zu den Eltern nach Füssen fahren. Sie betreiben dort ein Schuhgeschäft, und manchmal kniet dort dann der Eishockey-Torjäger Michi vor den Kunden und drückt an der Schuhspitze herum, ob der Zeh noch Platz hat.

Geld ist der Kitt bei Red Bull, doch irgendwann kommt der Punkt, an dem Spieler erkennen, dass sie auch Freunde sein können. Es entsteht eine Zusammengehörigkeit, die jedem Schutz bietet. Steve Pinizzotto ist in deutschen Eishallen der Buhmann, ein rücksichtsloser Kerl, der Checks gegen den Kopf der Gegenspieler fährt und diese Saison den Kiefer eines Mannheimer Nationalspielers gebrochen hat – doch keiner seiner Kollegen sagt etwas Negatives über ihn. Man nennt ihn „den Pinner“, er sei ein verdammt guter Spieler, der Reizpunkte im Dienste der Mannschaft setze „und in der Kabine die Musik macht“, so Konrad Abeltshauser, der Tölzer Verteidiger des EHC.

Trainer Don Jackson ist ein Meister-Fuchs

Die Eishockey-Wundertüte,

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„Der stille Don“: Trainer Jackson war früher Verteidiger, mit Berlin wurde er als Coach fünf Mal Meister. Nachdem der EHC München am Dienstag die Grizzlys Wolfsburg zum dritten Mal geschlagen hat, kann das Team am Freitag beim Auswärtsspiel Meister werden. Falls nicht, ist das nächste Spiel am Sonntag. Letzte Chance: Donnerstag.

genauer: die Wunderdose, bringt ein Meisterteam hervor. Dafür braucht es auch einen starken Trainer. Don Jackson ist das. Man sieht es ihm nur nicht an. Der 59-Jährige wirkt schüchtern – und dauerhaft verlegen, weil er nach einem Jahrzehnt im deutschen Sprachraum ab dem zweiten Satz immer noch ins Englische ausweichen muss. Meist ist er „Der stille Don“. Doch auch ohne Lautstärke ist er eine Autorität. Die Spieler wissen, dass er als Verteidiger in der NHL mit Wayne Gretzky gespielt hat, dem Besten aller Zeiten, und dass er als Trainer in Berlin in sechs Jahren fünf Mal Meister geworden ist. Und sie kennen das Youtube-Video vom jungen Trainer Jackson, der 1995 in Amerika das Maskottchen der gegnerischen Mannschaft verprügelte (und für zehn Spiele gesperrt wurde). Jackson ist ein Mensch, dem man gehorcht.

Er wird seine Meistergeschichte in München wohl fortschreiben. Was der Titel für den Eishockey-Standort München bewirkt, lässt sich noch nicht abschätzen. Didi Mateschitz möchte eine Halle bauen, doch das Vorhaben stockt, weil die Basketballer des FC Bayern nicht mitmachen wollen. Auch Philip Anschutz, der reiche Onkel aus Amerika, hat sich von München abgewendet, als seine Hallenpläne scheiterten. Und selbst bei Mateschitz gibt es Zweifel an seinem Durchhaltewillen. Ihm gehört ja auch der Fernsehsender Servus TV, der seit 2012 die DEL aufwändig in Szene setzte. Eine Verlängerung des nun auslaufenden Vertrags war längst budgetiert, Mateschitz selbst stoppte alles. Deutsche Inhalte waren für den Sender nicht lohnend – daher der Ausstieg.

Um Eishockey in München voranzubringen, bedarf es einer neuen Arena, die alte Eishalle wird bald 50. Derzeit wird hoffnungsvoll getuschelt, Uli Hoeneß könnte, falls er wieder Präsident wird, den FC Bayern noch zu einer Partnerschaft mit Mateschitz bewegen. Dergestalt, dass die Basketballer Mieter in einer Red-Bull-Halle würden. Der FC Bayern stünde halt für Verlässlichkeit, wer mit ihm zu tun hat, kann nicht untergehen und ist für immer auf der sicheren Seite. Basketball läuft unterm Bayern-Dach schließlich auch.

Man sollte sich nicht täuschen lassen. Eishockey gab es auch beim FC Bayern schon. Von 1967 bis ‘69 war er der erste Mieter der Halle am Oberwiesenfeld. Nach zwei Jahren Bundesliga wollte Präsident Neudecker das Zuschussgeschäft nicht mehr tragen. Er verkaufte die ganze Abteilung, Spieler und Ausrüstung für 130 000 Mark.

Abnehmer war der Augsburger EV. Der Erzfeind.

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