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Franz Reindl, der neue Präsident des Deutschen Eishockey-Bundes (DEB)

Franz Reindl im Interview

Neuer Eishockey-Präsident hat Großes vor

München - Franz Reindl ist der neue Präsident des Deutschen Eishockey-Bundes. Im Interview mit dem Münchner Merkur, erzählt er, mit welchen Zielen er sein neues Amt antritt - und wie er dabei dem Fußball Konkurrenz machen will.

Franz Reindl hat das deutsche Eishockey schon in allen Positionen kennengelernt. Er war Nationalstürmer (181 Länderspiele), gewann 1976 Olympia-Bronze, wechselte ins Traineramt, wurde Co-Bundestrainer, dann Sportdirektor des Deutschen-Eishockey-Bundes (DEB), erster Geschäftsführer der Deutschen Eishockey-Liga (DEL), General Manager der Nationalmannschaft. Für ein halbes Jahr betreute der Garmisch-Partenkirchner die Nationalmannschaft als Bundestrainer, er fungierte als DEB-Generalsekretär und als Cheforganisator von zwei Heim-Weltmeisterschaften. Besser kann man sich in der Branche Eishockey hierzulande nicht auskennen. Vor knapp zwei Wochen wurde Reindl nun auch ins höchste Verbandsamt gewählt: Er trat die Nachfolge des umstrittenen DEB-Präsidenten Uwe Harnos an. Im Gespräch mit unserer Zeitung sprühte Reindl vor Aufbruchstimmung, Optimismus, neuen Plänen. Sein größtes Ziel, das unter dem Schlagwort „Powerplay 2026“ steht: Bis 2026 soll die deutsche Nationalmannschaft so weit sein, dass sie bei WM- und Olympiaturnieren eine Medaillenchance hat.

Franz Reindl, Chef des DEB zu sein, war noch nie ein Zuckerschlecken. Die aktuelle Situation ist zudem nicht gerade erbaulich: Die Nationalmannschaft erlebte bei der letzten WM mit Rang 14 einen Tiefpunkt, die Sparte wurde immer wieder von Zwistigkeiten erschüttert, es gibt massive finanzielle Probleme. Zwangsläufig stellt sich da die Frage: Warum haben Sie sich das angetan und sind DEB-Präsident geworden?

Diese Frage habe ich mir selbst etliche Male gestellt. Ich bin dann zu dem Schluss gekommen: Früher musste ich als Hauptamtlicher immer eine gewisse Loyalität wahren und zu dem stehen, was andere entschieden hatten. Jetzt kommt die Gelegenheit, es selbst in die Hand zu nehmen. Wenn man knapp 60 Jahre alt ist und sich einem diese Chance bietet, dann muss man sie auch nutzen.

Ihr Start war ja durchaus vielversprechend...

Ja, ich spüre den Rückenwind von vielen Trainern, Aktiven, von Vereinen, von der DEL und DEL 2. Mein Ziel ist, das deutsche Eishockey vorwärts zu bringen. Und da muss man auch Verantwortung übernehmen. Dafür stehe und lebe ich. Ich haue voll alles rein, was ich habe. Mein Ziel war es nicht, eine Wahl zu gewinnen – sondern die Dinge im Eishockey zu verbessern.

Ganz offensichtlich ist, dass Sie den Schulterschluss mit der Profiliga DEL suchen, die ja auch im DEB-Präsidium mit Daniel Hopp (Mannheim) vertreten ist. Einst als DEB-Sportdirektor war das anders, da waren Sie der Widersacher der DEL. Hier hat offenbar beiderseits ein Umdenken stattgefunden ...

Ich habe damals natürlich Positionen des DEB einnehmen müssen. Da hat es schon Fights gegeben mit der DEL. Manchmal war das richtig heftig. Dabei war ich ja auch der erste Geschäftsführer der DEL. Ich war ja prinzipiell ein Befürworter der DEL, des selbstständigen Spielbetriebs der Profiteams. Ich habe aber für den DEB die Forderung vertreten, die Nachwuchsarbeit nicht zu vernachlässigen. In den früheren Konflikten ging es in erster Linie um Ausländerregelungen, die Nationalmannschaft, den Nachwuchs. Doch jetzt sehe ich bei allen Klubs und in der DEL-Führung die klare Erkenntnis, dass die Nationalmannschaft der Leuchtturm ist. Wenn die Nationalmannschaft gut spielt, dann scheint die Sonne auf die ganze Sportart.

Ein Hauptproblem des deutschen Eishockeys war in den vergangenen Jahrzehnten seine innere Zerrissenheit. Verband, Profiliga und die Landesverbände schienen nie bereit zu sein, an einem Strang zu ziehen. ...

Stimmt. Ich verwende da immer das Bild der drei großen Schiffe, die auf dem Ozean schwimmen: DEB, DEL, Landeseissportverbände. Diese drei habe nimmer nur versucht, nicht miteinander zu kollidieren. Eine Einigkeit aber gab es nicht. Doch so kann es nicht weitergehen: Wir müssen die Dinge zusammenbringen. Wir brauchen eine einheitliche Strategie, einen einheitlichen Plan, wir müssen mit einer Zunge sprechen. Und inzwischen bin ich fast euphorisch: Denn alle sind bereit dazu.

Sie haben ja schon eine Art Programm mit diversen Zielen vorgelegt, das Schlagwort lautet: „Powerplay 2026“. Eine „Vision“, wie Sie selber sagen. Könnten Sie diese näher erläutern?

Unser Ziel muss sein, dass wir konkurrenzfähig werden und spätestens 2026 sagen: Wir haben eine Chance auf eine Medaille. Wenn ich zu Olympia oder zu einer WM fahre, dann muss ich doch ernsthaft um eine Medaille mitkämpfen können. Wir können doch nicht ewig zu Weltmeisterschaften fahren mit dem Ziel, nicht abzusteigen. Unser Anspruch in Deutschland muss höher sein. Wir haben 80 Millionen Einwohner, wir sind die größte Wirtschaftsmacht in Europa, wir sind Organisationstalente, wir haben 200 Stadien, wir haben super Vereine, wir haben gute Nachwuchsspieler. Wir müssen es aber schaffen, dass wir noch effektiver und besser arbeiten.

Wie wollen Sie die Dinge ins Rollen bringen?

Wir werden im Herbst den ersten Eishockey-Dialog veranstalten. Manager, Trainer Vereine, Ligen – alle die am deutschen Eishockey beteiligt sind, werden kommen. Wir, sperren uns zwei Tage lang ein, machen eine Klausur, legen alles auf den Tisch, listen alle Baustellen auf, entwickeln gemeinsame Ziele, gemeinsame Visionen. Bisher fehlte ja die Gemeinsamkeit. Aber da wollen wir hin. Wir wollen einen klaren Plan gemeinsam beschließen. Ich bin mir sicher, dass ich es schaffen kann, die notwendige Einigkeit herbeizuführen. Es sind ja schon deutliche Anzeichen dafür erkennbar.

Zum Beispiel?

Der erste Schritt ist ja bereits gelungen. Ich hatte mit meiner Kandidatur Erfolg – obwohl es unmöglich schien, die Wahl zu gewinnen. Unser Konzept hat überzeugt. Die Medien haben uns auch sehr positiv begleitet; die Idee wurde transportiert. Mein Eindruck ist: Es wollen alle auf diesen Zug aufspringen. Und das macht einen Riesenspaß.

Was macht Sie so optimistisch? Zuletzt befand sich die Nationalmannschaft mit WM-Platz 14 ja eher im sportlichen Nirgendwo?

Ich gehe da mehr vom Potenzial für das Eishockey in Deutschland aus. Und das halte ich für gewaltig. Das hat man bei der Heim-WM 2010 gesehen, als wir Vierter wurden. Das war ein Super-Turnier mit großartigen Zuschauerzahlen. Unsere Nationalmannschaft ist sogar ins Halbfinale vorgestoßen, war dort gegen Russland auf Augenhöhe. Das war ein offenes Spiel, da waren wir nahe dran. Ich bin der Meinung: Das deutsche Eishockey ist ein schlafender Riese, der geweckt werden muss. Denken Sie nur an das WM-Eröffnungsspiel 2010 auf Schalke: das war innerhalb von acht Tagen ausverkauft, da kamen 80 000 Zuschauer. Oder das Wintergame in Nürnberg: 50 000 Zuschauer. Unser Ziel sehe ich so: Wir müssen im deutschen Sport die Nummer 1 werden – hinter Fußball. Handball, Basketball, Biathlon, Ski alpin – das ist unsere Konkurrenz.

Defizite sind in der Vergangenheit nicht zuletzt in punkto Medienpräsenz beklagt worden. Wie ist da der aktuelle Stand?

Momentan ist es so, dass die Nationalmannschaft bei Sport1 zu sehen ist, die Profiliga wird von Servus TV übertragen. Wir werden in Bälde mit Sport1 einen langfristigen Vertrag schließen. Man wird dann alle Länderspiele der deutschen Eishockey-Nationalmannschaft auf Sport1 sehen können, einschließlich des WM-Turniers. Das ist uns sehr, sehr wichtig. Zudem schnüren wir ein Paket für die Zweitverwertung, damit auch mehr Bilder in die öffentlich-rechtlichen Sender kommen. Man wird auch wieder mehr DEL-Beiträge im öffentlich-rechtlichen Fernsehen sehen.

Eine ihrer ersten personellen Maßnahmen war, den bisherigen U-20-Bundestrainer Ernst Höfner zum DEB-Sportdirektor zu befördern. Bislang hatte Bundestrainer Pat Cortina dieses Amt in Personalunion inne. Warum der Wechsel?

Pat Cortina hat seine Arbeit als Bundestrainer gut gemacht. Als Sportdirektor war dies nicht ganz so. Es geht für einen Sportdirektor darum, eine klare Vorgabe zu machen: Wie muss ein Nationalspieler ausschauen, welche Fähigkeiten muss er haben? Der Sportdirektor muss also ein Anforderungsprofil eines Nationalspielers entwickeln und bis in die kleinsten Vereine zu transportieren. Und das kann der Ernst Höfner. Und zwar perfekt. Er ist ein Wadlbeißer. Pat Cortina hat nun einen klareren Job. Er hat jetzt den Rücken frei und kann sich ganz auf die Dinge konzentrieren, die auf dem Eis passieren. Wir haben ihn da auch von einer Last befreit. In Höfners Aufgabenbereich fallen dagegen die Zusammenarbeit mit dem DOSB, Gespräche über Förderungsmittel, die Koordinierung der Olympiastützpunkte, Leistungstests, Laufbahnbetreuung, medizinische Untersuchungen. Mit Höfner haben wir dafür nun den idealen Mann, der die Strukturen kennt.

Neu im DEB-Präsidium ist auch Berthold Wipfler – ein ausgewiesener Finanzfachmann. Den jüngsten Meldungen zufolge dürfte er besonders gefordert sein. Angeblich schreibt der DEB jährlich ein Minus von 250.000 Euro...

Sagen wir es so: Finanziell schaut es schlechter aus, als wir am 19. Juli, dem Tag der DEB-Neuwahlen, geglaubt haben. Es ist nicht nur schlimm – es ist sehr schlimm. Es geht dabei auch um Forderungen Dritter. So fordert zum Beispiel der Landesverband Nordrhein-Westfalen im Zusammenhang mit der WM 2010 Nachzahlungen in Höhe von 300 000 Euro. Das ist eine Zahl, die für uns gigantisch ist. Wir werden nun eine externe Prüfungsgesellschaft beauftragen, das alles zu untersuchen. Falls wir es selber machen, würde es nach Nachtreten aussehen. Das Wichtigste ist, die finanzielle Wahrheit zu kennen, ihr ins Auge zu sehen. Die Wahrheit kann dabei auch hart sein. Nur gut, dass wir in dieser Lage einen Finanzexperten wie Berthold Wipfler in unseren Reihen haben.

Nach 2010 steht 2017 bereits die nächste Heim-WM an. Das Turnier wird Deutschland zusammen mit Frankreich austragen. Welche Bedeutung messen Sie den Titelkämpfen zu?

Die WM ist die ganz große Chance, die wir haben. Wir müssen uns im eigenen Land gut präsentieren. Wir müssen wieder für Euphorie sorgen. Und wir müssen ein gutes Ergebnis erzielen.

Was ist denn der Nationalmannschaft bis dahin zuzutrauen?

Wir müssen auf unsere jungen Spieler bauen. Wir haben eine gute U 18. Wir haben eine gute U 20. Beide sind erstklassig, da sind wir gut aufgestellt, wir haben da Supertalente. Und im Nationalmannschaftsbereich sind wir nicht alt sondern jung. Das gibt mir Hoffnung, dass wir es schaffen können. Es muss allen klar sein: Die WM 2017 ist für das deutsche Eishockey der große Moment schlechthin.

Das Interview führte Armin Gibis

Armin Gibis

Armin Gibis

E-Mail:armin.gibis@merkur.de

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