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Bayern gegen Barca oder: Pep gegen sich selbst

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Ganz großer Auftritt: Beim Halbfinale der Champions League gegen den FC Barcelona schaut am Mittwoch alles auf Bayern-Trainer Pep Guardiola. © dpa

München - Der FC Bayern im Halbfinale der Champions League beim FC Barcelona: Pep Guardiola trifft auf seinen ehemaligen Club – im Profifußball keine ungewöhnliche Konstellation. Doch in dieser Geschichte geht es um mehr: ein Geflecht aus Politik, Eitelkeit, Macht, Kränkung und aufgekündigten Freundschaften.

Der letzte Clásico war erst vor ein paar Wochen. Der FC Barcelona gegen Real Madrid, zwei Weltmarken des Fußballs im ewigen Wettstreit. Barcelona gewann 2:1, und es hätte alles gut sein müssen.

Im „Kino Zukunft“ im Berliner Stadtteil Friedrichshain hatte sich die „Penya Barcelonista Berlin Cule“ versammelt, der erste Fanclub des FC Barcelona in Deutschland. Man schaute das große Spiel live. Und war glücklich?

„Wir waren schockiert“, sagt Marc Llop aus der Gründergeneration des Berliner Fan-Clubs. Er erklärt es: „Schockiert über den Rollentausch.“ Real Madrid, das war in diesen Duellen immer das Team gewesen, das abwartet, das kontert, das auf seine Effizienz achtet. Und nun: „Real hat schön gespielt, hat kombiniert“, sagt Llop. Hingegen sein FC Barcelona, genannt Barca: „Wir haben zack zack zwei Chancen verwertet. Wie Real früher.“ Effizient, aber kalt.

So will man nicht sein – auch wenn man gewinnt. „Unter Pep Guardiola haben wir ultraschönen Fußball erlebt. Die Philosophie war: Warum sollte man so schnell ein Tor schießen? Man muss das erst aufbauen wie ein Kunstwerk“, sagt Marc Llop. So denkt man unter den Berliner Barca-Anhängern, in der Penya, so Llop, gebe es „definitiv viele“ Guardiologisten.

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Erfolge: Mit Barca gewann Guardiola als Spieler und Trainer Titel – die Dankbarkeit bleibt. © dpa-mzv

diesem Fachbegriff jongliert auch Isaac Lluch. Er ist Journalist, seit 2010 Deutschland-Korrespondent mit Sitz in Berlin. Eigentlich berichtet er über Politik, „und zuletzt war ich ziemlich beschäftigt wegen des Absturzes der Germanwings-Maschine“. Seit Pep Guardiola, der ehemalige Trainer des FC Barcelona, Ende Juni 2013 beim FC Bayern anfing, ist Lluch auch regelmäßig in München, oft befragt er Guardiola zu katalanischen Themen. „Was Pep sagt, ist zuhause oft wichtiger als die Aussagen von Angela Merkel“, verrät er. Und jetzt kommt der Fachbegriff: „Der Post-Guardiolismus in Barcelona ist traumatisch.“

Isaac Lluch sieht seine Heimatstadt immer noch erfüllt von der „sozialen Sehnsucht nach Pep“. Er schlüsselt auf: „Er war Balljunge, Spieler, Trainer. Er ist der Hüter der Barca-Formel.“ Des einzigartigen Spiels: den Gegner auseinander kombinieren, ihn überfordern, ihn so dominieren, dass er gar nicht mitspielen kann. Guardiola hat in vier Jahren als Trainer 14 Titel gewonnen, alle, die für Vereinsmannschaften möglich sind.

„Pep war es, der die Mannschaft geschaffen hat“, schwärmt Jesus Munoz, Präsident einer weiteren deutschen Penya, der „Azulgrana Frankfurt Rhein-Main“. Er wurde in der Nähe von Barcelona geboren, wuchs in Hessen auf, man hört das heraus. Jesus Munoz wird feierlich: „Pep ist einer von uns – egal, wo er ist.“ Nun kommt es eben dazu: Pep spielt gegen Barcelona. Somit auch gegen sich selbst. Oder hat er Distanz gewonnen zu Barca?

Man kann diese Frage nicht einfach mit Ja oder Nein beantworten. Man ist darauf angewiesen, Indizien zu interpretieren. Wie neulich: Der FC Barcelona spielte im Viertelfinale der Champions League gegen Paris St. Germain, der Termin lag günstig, Guardiola konnte sich das Rückspiel im Camp Nou, seinem Stadion, anschauen. Es war sein erster Besuch seit seinem letzten Spiel als Coach dort; 2012 hatte er in Barcelona aufgehört und sich in ein Sabbatjahr nach New York verabschiedet. Pep kehrte zurück – und saß nicht bei den Club-Oberen, sondern mitten unterm Volk. Neben seinem Vater, der bei Barca eine Dauerkarte hat. Der Journalist Isaac Lluch geht davon aus, „dass die Protokollabteilung von Barca ihn angerufen und versucht hat, zu einem Platzwechsel zu bewegen, auf die VIP-Tribüne. Aber er hat wohl abgelehnt.“ Um mit räumlicher Distanz zu demonstrieren, dass er sich entfernt hat von Barca, wie es jetzt ist.

Zumindest von diesem Präsidium. Man muss wissen: „Pep ist das Produkt von Joan Laporta. Guardiola war die letzte Karte, die Laporta gespielt hat“, erinnert Marc Llop vom Berliner Barca-Fanclub. Der damalige Präsident berief Guardiola 2008 zum Trainer, obwohl Peps Berufserfahrung bis dahin überschaubar war. Doch mit ihm begannen die vier erfolgreichsten Jahre. Laporta verlor die Präsidentschaft an Sandro Rosell, „zum Verhältnis zwischen Pep und ihm“, weiß Llop, „gibt es tausend Theorien. Man sagt, es habe großen Streit gegeben.“ Rosell wiederum musste wegen finanzieller Unregelmäßigkeiten gehen, doch auch sein Nachfolger Josep Maria Bartomeu ist kein Guardiologist.

„Laporta war wie Pep ein Verfechter des Katalanismus, Guardiola hat in Berlin für die Eigenständigkeit Kataloniens demonstriert“, sagt Jesus Munoz, der Frankfurter. Vielen sei die Katalonien-Sache wichtig, sie gehöre zur DNA des Vereins, der von sich behauptet, „mes que un club“ zu sein, mehr als nur ein Club. Es geht um die politische und kulturelle Positionierung, der FC Barcelona, der sich in Zeiten der spanischen Diktatur gegen Franco stellte, will auch eine Ansammlung guter, wohltätiger, freigeistiger Menschen sein. Rosell und Bartomeu pflegen diese politische Mission nicht so klar.

Dass etwas zu Bruch gegangen war zwischen dem FC Barcelona und Pep Guardiola, wurde im Sommer 2013 offensichtlich. In Spanien ereignete sich ein Drama: Tito Vilanova, Guardiolas langjähriger Freund und Assistent, war sein Nachfolger als Cheftrainer geworden, aber schwer erkrankt. Ohrspeicheldrüsenkrebs. Monatelang konnte Vilanova nicht bei der Mannschaft sein, er ließ sich in New York behandeln – wo auch Pep inzwischen lebte. Vilanova führte dann Klage, dass Guardiola nur einmal nach ihm gesehen habe. Und er hätte ihn doch gebraucht.

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Erfolge: Mit Barca gewann Guardiola als Spieler und Trainer Titel – die Dankbarkeit bleibt.
© dpa

war Isaac Lluch, der die Geschichte nach Deutschland transportierte, der im Juli 2013 Guardiola nach Vilanova fragte. „Ein heikles Thema“, sagt Lluch, „nur die beiden wissen, was vorgefallen ist. Spekuliert wird viel.“ Unangenehm aufgefallen ist ihm das Verhalten des FC Barcelona, als Guardiola 2012 seinen Rücktritt bekannt gab: „Sofort hatte der Club die Nachfolgelösung bereit: Vilanova.“ Lluch hätte es für angemessener gefunden, wenn man wie jetzt im Fall von Borussia Dortmund und Jürgen Klopp ein paar Tage Anstandsfrist hätte verstreichen lassen bis zur Präsentation des neuen Mannes.

Kam es noch zur Aussprache? Vor einem Jahr starb Vilanova. Guardiola nahm an der Beisetzung teil, er war betroffen.

Vilanova hatte wegen seiner Erkrankung die Trainerstelle 2013 weitergereicht. Es kam der Argentinier Tata Martino, auch er hielt sich nur ein Jahr, die postguardiologische Zeit brachte keine Erfolge mehr. Martino trainiert inzwischen die Nationalmannschaft seines Landes um Barcelonas Superstar Lionel Messi. Trainer von Barca ist nun Luis Enrique, ein Weggefährte und Freund von Guardiola. Seine Ergebnisse stimmen – aber ist es noch Barcelona-Stil, den er spielen lässt?

„Das System von Barca ist ein anderes jetzt“, hat Patrick Müller aus Köln erkannt, Mitglied im „Penya Barcelonista de Colonia“, einem Fanclub, in den er als Spanisch-Student an der Uni gekommen ist. Der große Unterschied: „Lionel Messi spielt jetzt auf der Seite, nicht mehr als die falsche Neun, die Position, die Pep erfunden hat.“ Es ist eine Abkehr von Guardiolas reiner Lehre – doch womöglich auch die Weiterentwicklung, die die Mannschaft hatte nehmen müssen, um konkurrenzfähig zu bleiben.

Bayern-Gegner Barcelona im Porträt: Mès que un Club

Marc Llop aus Berlin blickt drei Jahre zurück. „Vielleicht war Guardiolas Zyklus einfach zu Ende wie eine Präsidentschaft. Vielleicht ist seine extrem intensive und emotionale Art, den Fußball zu verstehen, einfach befristet – und keiner in der Mannschaft wollte seine philosophisch-moralisch zusammengeschweißten Theorien vom Fußball mehr hören. Man sagt, Messi habe da nicht mehr mitgemacht.“ Marc Llop glaubt, dass auch in München ein Ende absehbar ist: „Pep macht seine zwei, drei Jahre, verlängert eventuell noch um eines – so hat er es auch in Barcelona gehalten.“

Immerhin finde Guardiola in München „ein mediales Paradies“ vor, glaubt Isaac Lluch, der Korrespondent. Auch durch die Sprachbarriere schaffe sich der Trainer Freiheiten, für deutsche Medien ist er selbst nach zwei Jahren nicht zu greifen. „In Spanien gibt es fünf Sporttageszeitungen“, klärt Lluch auf, „und über Real Madrid und Barca werden immer zehn bis zwanzig Seiten produziert“. Wobei Geschichten, die in Deutschland hochgespielt wurden – wie Peps zerrissene Hose beim 6:1 gegen den FC Porto oder die Tatsache, dass er wegen Rückenschmerzen das Elfmeterschießen im Pokal-Viertelfinale in Leverkusen von einem Klappstuhl aus verfolgte – in Spanien gar nicht erwähnt würden.

Pep Guardiola, der Mann, der keine Interviews gibt und nie in seine Seele blicken lässt, gibt auch denen, die ihn verehren wie die Fans aus den deutschen Barca-Penyes Rätsel auf. Wie ist Pep wirklich? Patrick Müller, der Kölner, empfindet ihn weniger distanziert als seinen Vorgänger bei den Bayern, Jupp Heynckes. „Pep vermittelt das Gefühl, näher an den Spielern zu sein, er umarmt sie, weint mit ihnen – wie mit Pierre-Emile Hojbjerg, um dessen verstorbenen Vater.“ Doch Marc Llop hat eine andere Seite registriert: „Wie er kürzlich höhnisch in Richtung der eigenen Bank und der Ärzte klatschte – so kannten wir ihn bisher nicht.“

Und nun: Bayern gegen Barcelona, Pep gegen Barcelona, Pep gegen seine Vergangenheit, Pep gegen sich selbst – mehr passt nicht in zwei Spiele, heute und nächsten Dienstag. Isaac Lluch fasst die Lage zusammen: „Barca bleibt in seinem Herzen – aber Pep will, dass sie im Halbfinale Blut schwitzen.“ Schon weil ein Vorstandsmitglied von Barcelona nach der Auslosung gesagt habe, das Wiedersehen mit Pep sei „anekdotisch“ – ein Stich gegen einen, der längst den Anspruch hat, ein Mythos zu sein. Und Marc Llop blickt voraus: „Pep ist der größte Trainer unseres Vereins – aber wir sind im Halbfinale nicht für ihn.“ Barcelona will ins Finale in Berlin – notfalls auf schockierende Weise.

Von Günter Klein

Die Barca-Bilanz

Pep Guardiola kam im Alter von 13 Jahren an die Jugendakademie des FC Barcelona. 1990 gab er mit 19 Jahren unter dem damaligen Trainer Johan Cruyff sein Debüt in der ersten Mannschaft des FC Barcelona. Von 1991 bis 1994 gewann er mit Barcelona viermal den spanischen Meistertitel. 2001 verließ er Barcelona nach 17 Jahren. 2008 kehrte er als Trainer zurück und holte in vier Jahren 14 Titel, darunter zweimal die Champions League. 2012 erklärte er seinen Abgang nach der Saison.

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