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Kirchhoff im Merkur-Interview: "Ich fühle mich nicht vergessen"

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Von: Andreas Werner

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Jan Kirchhoff
Jan Kirchhoff auf dem Rasen der Allianz Arena bei der Bayern-Saisoneröffnung. Bis er dort wieder spielen kann, wird es noch eine Weile dauern. © sampics / Stefan Matzke

München - Im Interview mit dem Münchner Merkur spricht Bayern-Profi Jan Kirchhoff, über seine Leidenszeit, den geplatzten Deal mit Schalke, den Reiz Münchens sowie das Fernziel England.

Herr Kirchhoff, waren Sie schon mal in China?

Kirchhoff: Noch gar nicht.

Wie sehr blutet das Herz, wenn die Kollegen in Peking oder Shanghai sind, man selber aber allein zuhause für sein x-tes Comeback schuften muss?

Kirchhoff: Schon sehr. Aber aus sportlicher Sicht, nicht weil ich der Gelegenheit nachtrauere, mal China sehen zu dürfen.

Woran scheiterte es – und wie weit sind Sie, um wieder voll anzugreifen?

Kirchhoff: Ich bin noch in der postoperativen Phase meiner Achillessehnenproblematik, die ist nun gut acht Wochen her. Ich bin jetzt im Aufbau und rechne damit, dass ich noch eineinhalb bis zwei Monate ausfalle, bis ich ins Mannschaftstraining einsteigen kann. Der Verlauf ist aber so, dass ich zufrieden nach vorne schaue.

Leisten-OP, Syndesmoseband, Adduktoren, Innenband, Achillessehne – Ihre Krankenakte ist beachtlich. Gibt es Fragen, die auf Ihrer Nerv-Skala inzwischen schon astronomische Werte haben? Zum Beispiel: Wie geht es?

Kirchhoff: (lacht) Ach, das ist eine Frage, die bedeutet ja, dass jemand Interesse an einem hat. Einen selbst nervt die Situation, Fragen gehören aber dazu. Um meine Nerven muss sich keiner Sorgen machen.

Ihre Leidenszeit begann früh. Schon bevor Ihre Karriere richtig losging, drohte wegen einer Achillessehnen-Verletzung das Ende aller Profi-Träume. „Warum quäle ich mich, wenn es keinen Spaß mehr macht?“, fragten Sie sich damals. Tauchte diese Frage zuletzt wieder auf?

Kirchhoff: Momentan nicht. Damals war ich sehr jung, 18, 19. Da war alles anders, es stand ja noch gar nicht fest, ob ich es mal zu den Profis schaffe. Das war eine schwierigere Situation als jetzt. Ich habe gelernt, ruhig zu bleiben und ich weiß, dass es heutzutage keine Verletzung mehr gibt, die nicht voll ausheilt und die Karriere gefährdet. Ich weiß, es wird alles wieder gut. Ich brauche nur Geduld. Für mich persönlich war diese Verletzung mit 18 die schlimmste. Als junger Mensch fühlt man sich ja immer so ein Stück weit unverwundbar, dir kann nichts passieren, und dann kommt sowas. Da hatte ich lange daran zu knabbern. Aber auch diese Phase hilft mir heute weiter.

Einen guten Zeitpunkt für Verletzungen gibt es nie – aber Sie traf es immer zum allerschlechtesten.

Kirchhoff: Ja, das stimmt. Da glaube ich langsam auch nicht mehr an Zufall. Aber ich sehe das alles als Chance. Wenn man so individuell an seinem Körper arbeiten kann, Schwachstellen bereinigen kann, bin ich überzeugt, dass ich am Ende dieser Phase besser bin als vorher. Körperlich. Das Fußballtraining darf im Anschluss aber natürlich nicht fehlen.

Haben Sie das Gefühl, dass Ihr Pech irgendwann aufgebraucht sein muss?

Kirchhoff: Ich bin entspannt, gut drauf und positiv. Klar gibt es mal Tage, da fühlt man sich nicht so gut. Aber wenn man abrutscht in nur negative Gedanken, hat man schon verloren. Diesen Fehler mache ich nicht. Ich komme wieder.

Sie wirken bemerkenswert gefestigt. „Scheitern“ ist ein garstiges Wort, gerade für einen Leistungssportler – wie sehr spukt dieses Wort dennoch in Ihren Gedanken herum?

Kirchhoff: Scheitern . . . wenn Sie mich jetzt fragen: Man muss Scheitern ja immer erst mal definieren. In meinen Augen ist das so, dass ich nur an meinen eigenen Erwartungen scheitern kann. Es gibt vielleicht auch eine gewisse Erwartungshaltung außerhalb, aber im Endeffekt bin ich allein mein eigener Maßstab. Scheitern wäre, wenn ich nicht mehr das leisten könnte, was ich von mir erwarte. Und momentan bin ich sicher, mein Körper wird mir da keinen Strich durch die Rechnung machen. Ob ich es schaffe, mich bei Bayern durchzusetzen oder wo ich mich auf längere Sicht behaupte, muss sich zeigen. Ich weiß aber, dass ich bei dieser Frage nach wie vor sehr großen Einfluss habe. An Scheitern denke ich nicht. Scheitern wäre für mich, wenn ich es nicht mehr schaffe, auf einem gewissen Niveau zu spielen. Aber das kann ich mir momentan nicht vorstellen. Da bin ich selbstsicher genug.

Sind Sie dennoch der vergessene Bayern-Profi?

Kirchhoff: Das weiß ich nicht. Ich fühle mich jedenfalls nicht vergessen. Schon gleich gar nicht bei meinen Teamkollegen und bei meinem Trainer.

Medien zählen während der Vorbereitung mit Genuss den Kader durch. Die Münchner haben aktuell 18 Mittelfeldspieler – sind Sie da die Nummer 18?

Kirchhoff: (lacht) Auch da habe ich keine Ahnung. Momentan vielleicht schon. Ich bin jetzt gerade natürlich ganz weit weg davon, mich in den Kader zu kämpfen. Für mich selbst ist es ja gerade unmöglich, meine Leistungsstärke einzuschätzen. Als ich vor zwei Jahren gekommen bin, hatte ich in der Hinrunde 15 Einsätze, das ist von der Zahl erst einmal in Ordnung für einen jungen Spieler beim FC Bayern. Ich habe gezeigt, dass ich dazugehören kann, auch hier in München. Ob ich jetzt gerade die Nummer 18 oder 17 bin, spielt momentan keine Rolle. Und mal ganz ehrlich: Innerhalb einer Mannschaft wird nicht so in Rangfolgen oder Hierarchien gedacht, wie es außen immer dargestellt wird. Ich fühle mich jedenfalls nie nummeriert. Das ist eher ein Spiel im Umfeld, der Medien.

Ihr Vertrag läuft noch ein Jahr. Welche Pläne haben Sie – erst einmal hier wieder fit zu werden?

Kirchhoff: Stand jetzt, ja. Ich habe ehrlich gesagt auch keine Alternativen. Diese ganze Wechselperiode werde ich verletzt sein, da findet man eher keinen Verein. Ein Wechsel wäre wohl erst im Winter wieder möglich. Ich fühle mich hier sehr gut, die Stadt ist Wahnsinn, der Verein ist top aufgestellt – alles ist so, dass ich hier perfekt daran arbeiten kann, wieder auf die Beine zu kommen. Und man hat ein so gutes Training wie bei keinem anderen Bundesligisten. Der FC Bayern ist auch für den jetzigen Zeitpunkt der beste Ort, an dem ich sein kann.

Zuletzt klebte Ihnen das Preisschild sechs Millionen Euro an. Schalke schreckte das davon ab, das Leihgeschäft mit einem Transfer zu krönen. Wie sehen Sie diese Summe?

Kirchhoff: Ob sie gerechtfertigt ist, kann ich nicht sagen. Aber momentan werden Preise – auch bei Schalke – gezahlt, da empfinde ich meine sechs Millionen gar nicht einmal als horrende Summe. Es ist auch nicht an der Ablöse gescheitert, man hätte da schon eine Möglichkeit gefunden. Im Nachhinein bin ich auch gar nicht so traurig, dass es mit Schalke nicht funktioniert hat.

Sie haben schon oft gesagt, Sie haben es nie bereut, mit 22 zum FC Bayern gegangen zu sein. Tim Borowski meinte: Mir hätten 1000 Leute von Bayern abraten können, ich hätte es trotzdem gemacht.

Kirchhoff: Ja, ich war ganz genauso. Du weißt vorher nie, ob es der richtige Schritt ist. Aber dafür im Nachhinein. Ich habe in diesem ersten halben Jahr FC Bayern mehr über Fußball gelernt als in der ganzen Zeit zuvor. Neulich habe ich ein interessantes Interview mit Iron-Man-Weltmeister Sebastian Kienle gelesen, in dem er sagte, bei Leistungssportlern geht es immer nur darum, seine eigenen Grenzen zu erfahren. Ich finde, das drückt es genau aus. Ich bin Sportler, um mein Niveau zu erfahren. Und wenn man die Chance hat, die oberste Stufe zu erklimmen, sollte man das machen. Ich würde mich immer für die Bayern entscheiden.

Arturo Vidal und Douglas Costa kosteten heuer jenseits der 30-Millionen-Marke, sogar ein 20-Jähriger wie Joshua Kimmich kam für 8,5. Würden Sie Talenten trotz der Quantensprünge in München weiter raten, ein Angebot der Bayern anzunehmen?

Kirchhoff: Immer. Weil Talente auf dem höchstmöglichen Niveau, das sie erreichen können, trainieren und spielen sollten. Man wird da einfach besser, wenn man solche Mitspieler hat. Es macht einen Unterschied, bei einem kleinen Klub oder bei Bayern zu reifen.

Das Gesamtpaket der Bayern stimme von A bis Z, sagten Sie beim Dienstantritt – welcher Buchstabe prägt gerade Ihren Alltag?

Kirchhoff: Das „R“. Für Reha. Aber das ist es, was den Klub ausmacht – das alles von A bis Z professionell durchdacht ist. Allein, was sich hier getan hat in den zwei Jahren, in denen ich hier bin, ist enorm. Hier gibt es nie Stillstand. Alles ist auf permanente Verbesserungen aus.

Beim ersten Fotoshooting vor zwei Jahren schaute Pep Guardiola zu Ihnen auf: Der ist nicht zu übersehen. Sieht er Sie jetzt?

Kirchhoff: Der Kontakt ist super. Pep ist ein herzensguter Mensch, der sich für jeden Zeit nimmt. Er übersieht mich auch jetzt in meiner schweren Phase nicht.

In Ihrer Freizeit radeln Sie gerne durch München. Schöne Rehamaßnahme.

Kirchhoff: Ja, und man ist schneller als mit dem Auto, dazu fällt die Parkplatzsuche weg. Das ist der Charme dieser Stadt, sie lädt ein, draußen sein zu wollen, bei diesen vielen Grünflächen und den hübschen Cafes. Superschön. Zum Wohlfühlen ein perfekter Ort.

Werden Sie erkannt?

Kirchhoff: Gelegentlich. Deutlich weniger als andere jedenfalls. Aber ich bin auch nicht der Typ, der in den Mittelpunkt muss.

Einmal in England zu spielen, war schon lange Ihr Traum. Immer noch?

Kirchhoff: Für mich steht fest, dass ich auf jeden Fall mal in England spielen werde. Mich reizt, wie der Sport dort gelebt wird. Im Fußball hat man die Chance, sich auch eine Weile im Ausland verwirklichen zu können. Diese Chance werde ich mir nicht nehmen lassen. Ob das jetzt der nächste Schritt direkt nach Bayern ist, weiß ich nicht. Ich bin auch für Italien oder Spanien offen. Aber zunächst muss ich fit werden. Danach kommt alles. Das habe ich gelernt: Ich habe gelernt, dass alles noch kommt.

Interview: Andreas Werner

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