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Schwere Zeiten – aber nicht wegen der sportlichen Lage: Bayern-Präsident Uli Hoeneß.

Steueraffäre Uli Hoeneß

Um Freiheit und Ehre

München - Das wird der schwerste Kampf des Uli Hoeneß: Gegen den Bayern- Präsidenten laufen Ermittlungen wegen Steuerhinterziehung – sein Lebenswerk ist gefährdet. Aber: Er will sich wehren.

Uli Hoeneß ist nicht untergetaucht. Gestern um elf Uhr meldete sich Uli Hoeneß, 61, in unserer Redaktion, wir hatten ihn per Fax an seine Tegernseer Nummer um Rückruf gebeten.

Der Präsident des FC Bayern war freundlich, gefasst, aber auch sehr bestimmt. Er bitte um Verständnis, dass er zur Sache nichts sagen könne, weil die ja nun ein schwebendes Verfahren sei. „Ich werde einige Wochen ins Land ziehen lassen, ehe ich mich äußere.“ Was er aber jetzt schon ankündigen kann, ist: „Gegen die Exzesse in einigen Berichterstattungen werde ich mich anwaltschaftlich zur Wehr setzen.“ Einer Münchner Zeitung kündigte er gar an: „Für die wird das richtig teuer.“

Am Samstag war Uli Hoeneß nicht beim Bundesligaspiel des FC Bayern in Hannover gewesen. Das ist ungewöhnlich, denn ohne einen Anlass lässt er keine Partie seines Vereins aus. Und er hatte schon einiges durchgestanden: im Herbst 2000 Cottbus zum Beispiel.

Es war auf dem Höhepunkt der Daum-Affäre, Hoeneß hatte die Gerüchte öffentlich gemacht, der Bundestrainer-Aspirant nehme Kokain. Er hätte es nicht beweisen können, die Stimmung in Deutschland war gegen Hoeneß, beim Spiel in Cottbus musste er mit zwei Leibwächtern den weiten Weg von der Kabine zur Ersatzbank, auf der er als Manager damals noch neben dem Trainer saß, zurücklegen. Eine Woche später lag das Ergebnis einer Haarprobe vor, die Christoph Daum „unter Realitätsverlust“, wie der Trainer später bekannte, abgegeben hatte. Ja, Daum hatte gekokst – und Hoeneß den deutschen Fußball vor einer Peinlichkeit bewahrt.

Daum ist einer seiner wenigen Feinde geblieben. Und nun sagt Daum: „Uli Hoeneß tut mir leid.“

Seit Samstag ist die ungeheuerliche Geschichte auf dem Markt. Demnach ist gesicherte Erkenntnis: Uli Hoeneß, der ehemalige Fußballstar (Welt-, Europameister, Europapokalsieger), erfolgreiche Manager, Präsident und Unternehmer (HoWe Wurstwaren KG), hat im Januar 2013 eine Selbstanzeige eingereicht, die Staatsanwaltschaft München II ermittelt wegen des Verdachts der Steuerhinterziehung. Publik gemacht hat das das Wochenmagazin „Focus“, was brisant ist, weil Helmut Markwort, der „Focus“-Herausgeber, ein Hoeneß-Freund ist, er sitzt im Verwaltungsbeirat des FC Bayern und jubelt in der VIP-Loge mit dem Präsidenten über den in dieser Saison unfassbaren Siegeszug der Mannschaft.

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Hoeneß hat schriftlich bestätigt: „Ich habe im Januar 2013 über meinen Steuerberater beim Finanzamt eine Selbstanzeige eingereicht.“ Sie hänge zusammen „mit einem Konto von mir in der Schweiz“. Die ungeklärten Fragen lauten: Hat es (am 20. März) eine Steuer-Razzia in Hoeneß’ Anwesen am Tegernsee gegeben? Hat er mit seiner Selbstanzeige schon eine Anzahlung von fünf Millionen Euro geleistet? Und wie viel Geld lagerte überhaupt auf dem Schweizer Konto? Die Spekulationen gehen bis zur märchenhaften Summe von einer halben Milliarde Euro. Der „Stern“ hatte am 16. Januar gemeldet: „Ein Spitzenvertreter der deutschen Fußball-Bundesliga soll ein Vermögen in dreistelliger Millionenhöhe auf einem Schweizer Nummernkonto versteckt haben“, geführt bei der Privatbank Vontobel. Konto und Depot sollen in den Jahren 2000 bis 09 einen Spitzenwert von 650 Millionen Euro erreicht haben.

Kann es ihm gelingen, seinen Ruf zu retten?  

Für Uli Hoeneß wird es darum gehen, juristisch möglichst unbeschadet aus dieser Angelegenheit zu kommen. Doch kann es ihm gelingen, die Ehre zu retten, den Ruf als moralische Instanz, als guter Mensch, als Heiliger Ulrich nicht nur des Fußballs, sondern auch der Gesellschaft?

Über den jungen geschäftstüchtigen Hoeneß haben die Leute gesagt, er wäre dazu in der Lage, seine Großmutter zu verkaufen. Dem gereiften Manager Hoeneß war der frühe Selbstvermarkter Hoeneß, der in den 70ern als Spieler die Gewinner eines Preisausschreibens im eigenen Heim mit Schweinebraten verköstigt hatte, ebenfalls suspekt.

Vom wilden zum milden Hoeneß: Er fing in Not gekommene ehemalige Spieler auf, er engagierte sich karitativ, oft ohne dies an die große Glocke zu hängen, Vortragshonorare spendete er. Mit einer Rede in der Allianz Arena würdigte er den Bürger Dominik Brunner, der Jugendliche vor S-Bahn-Schlägern beschützte und dies mit dem Leben bezahlte; Hoeneß gründete eine Stiftung. Und während der FC Bayern zum Konzern wuchs, bewahrte er die familiäre Atmosphäre des Vereins. Ehemalige Spieler wie Jens Jeremies und Hasan Salihamidzic sind zum Donnerstag-Schafkopf im Hause Hoeneß jederzeit willkommen.

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Es ergab sich noch eine weitere, eine öffentliche Rolle für Uli Hoeneß: die der Stimme der Vernunft. Wirtschaftsmagazine feierten sein FC Bayern-Management-Modell, Talkshows wie die von Maybrit Illner luden ihn gerne im Vorfeld von größeren Wahlen ein. Der ideale Gast: Er konnte ungefiltert wütend werden und das Angewidertsein des normalen Mannes vom Politik- und Finanzbetrieb auf den Punkt bringen. Er war ja glaubwürdig: der erfolgreiche, aber privat spendable Unternehmer, der eine Swatch-Uhr für 80 Euro trägt, sich nichts aus Luxus macht und Jahrzehnte relativ bescheiden in einem Häuschen in Ottobrunn lebte, ehe er sich einen Wohntraum am Tegernsee erfüllte. Parteipolitisch ließ er sich – trotz Sympathie für die CSU – nicht vereinnahmen, er verfolgte die Idee, „dass die besten Köpfe das Land regieren müssen“ – unabhängig vom Parteibuch.

Man glaubte zu spüren: Hoeneß meint es ehrlich. Unserer Zeitung sagte er vor Jahren in einem Interview: „Ich habe nie ein Steuersparmodell gemacht. Wenn ich meine, ich müsste mehr verdienen, arbeite ich mehr.“

Was er verdient, was er hat, das war nie ein öffentliches Thema. Gerüchte von märchenhaftem Reichtum, resultierend aus kluger Hand bei Aktiengeschäften lange vor der Zeit, als die Börse Volkssportplatz wurde, hat es immer gegeben.

Hoeneß hat sich in der Rolle des Mahners gefallen. Erst vor wenigen Tagen mahnte er die Umsetzung des „Financial Fairplay“ im Spitzenfußball an, und alle paar Monate erneuerte er seine Kritik am seiner Meinung nach korrupten Fußball-Weltverband FIFA und dessen Präsidenten Joseph Blatter. Das droht nun, auf ihn zurückzufallen. Die Korruptionsbekämpferin Sylvia Schenk findet, für solche Angriffe gebe es keine Legitimation mehr: „Wenn er selbst Geld an der deutschen Steuer vorbeibringt, dann schmeißt Uli Hoeneß mit Felsbrocken aus dem Glashaus.“

Und nun? Ministerpräsident Horst Seehofer, seit zwei Monaten über die Ermittlungen informiert, sagt: „Es wird kein Einfluss auf Justiz und Finanzbehörden genommen. Die haben das zu handhaben wie bei jedem Staatsbürger.“ Der alte Weggefährte Franz Beckenbauer, in den 70er-Jahren selbst auf der Flucht vor Bayerns Steuerbehörden, sagt: „Ich kann Uli nur die Daumen drücken, dass es gut ausgeht.“ Auf Facebook hat sich spontan eine Uli-Unterstützer-Gruppe gebildet: „Ich stehe hinter dir!“ Bei seinen beiden Präsidentschaftswahlen (zuletzt November 2012) war er auf über 98 Prozent Zustimmung gekommen.

Immer wieder hatte Hoeneß Anfragen von Verlagen, ob er über sein Leben, seine Karriere nicht ein Buch schreiben wolle. Er hat das stets abgelehnt: Wenn er die Wahrheit schreiben würde, „müsste ich danach nach Australien auswandern“. Dieser Satz steht seit Samstag in einem neuen Kontext.

Günter Klein

Hoeneß-Sprüche: "Ich weiß, dass das doof ist. Aber ich zahle volle Steuern."

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