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Doping-Experte Werner Franke im Interview.

Fahnder machen Druck auf DFB

Doping-Experte: "Im Fußball herrscht Korruption"

München - Die Debatte um Doping im deutschen Fußball ist voll entbrannt. Doping-Experte Werner Franke über rätselhaftes Schweigen, prominente EPO-Fälle und Defizite beim DFB.

Die Debatte um Doping im deutschen Fußball ist nach der Publikation der Freiburger Universität Anfang dieser Woche voll entbrannt. Die Fahnder machen nun Druck auf den DFB, er müsse zulegen, um seine Glaubwürdigkeit in dieser Sache zu bewahren. Wir fragten bei Werner Franke nach, wie er die ganze Debatte bewertet. Der 75-jährige Professor für Zell- und Molekularbiologie am Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg gilt international als einer der führenden Doping-Experten.

Herr Franke, wie überrascht sind Sie über die Doping-Meldungen, die aktuell den Fußball bewegen?

Mich wundert nur, dass sich die Leute so wundern. Aber das ist auch ein Vorwurf an den Sportjournalismus. Wissen Sie: Der Sportjournalismus im Fußball, das ist in erster Linie immer nur Jubeljournalismus. Das ist mir zu wenig kritisch, und ich finde das sehr seltsam. Neu ist ja eigentlich nur, dass die zwei Westvereine so explizit erwähnt wurden. Aber wenn Sie sich an Toni Schumacher erinnern: Der hat in seinem Buch schon Ende der 80er Jahre offen über Aufputschmittel geschrieben, die bei ihnen zur zweiten Halbzeit herumgereicht wurden. Das hat er da ganz offen zugegeben. Damals war es normal, dass man in der zweiten Halbzeit nachgelassen hat. Heute ist das komischerweise nicht mehr so.

Sie sagen also, Skepsis ist angebracht, wenn ein Spieler beispielsweise bei einem WM-Turnier nach einer strapaziösen Saison noch einmal Höchstleistungen abrufen kann?

Das ist das, was auffällig ist für einen leistungssportkundigen Betrachter: Vor allem in der zweiten Hälfte einer zweiten Halbzeit gibt es heute kaum ein Nachlassen der Kräfte. Früher war das hingegen typisch. Das weckt den Verdacht: Da wurde was getan. Man könnte das auch durch gute legale Mittel erklären – aber auch durch EPO. Klar durch EPO – was denn sonst? Das wurde im Fußball schon einige Male nachgewiesen – warum sollte das plötzlich nicht mehr Thema sein? Ich bleibe dabei, es ist auffällig: Heute ist die Schnelligkeit viel höher als früher, dennoch bleiben die Ballkontakte im Fußball konstant. Gerade in den letzten zwei Jahren finde ich da eine gesunde Skepsis angebracht.

Es gab gerade früher einige prominente Fußball-Sünder. Diego Maradona bei der WM 1994, später in Italien Jaap Stam oder Fernando Couto. . .

. . . ja, die Namen sind in allen Archiven zugänglich. Es gibt etliche bekannte Fälle: Bei Juventus Turin Anfang der 00er Jahre, da wurden gleich sieben, acht Spieler gesperrt, die alle auf EPO gewesen sind.

Wie ist es Ihrer Meinung nach zu erklären, dass Doping im Fußball öffentlich so ein Tabu ist?

Fußball ist eine von diesen Sportarten, die sehr vieles mit Geld regeln. Und es ist alles sehr gut abgesichert. Ein Beispiel aus dem internationalen Bereich: In Spanien wurden die Fußball-Fakten beim Bericht der Guardia Civil bezüglich der Ermittlungen im Radsport extra rausfiltriert. Als da vor Gericht Dr. Fuentes etwas zum Fußball sagen wollte, hat ihn sogar die Richterin unterbrochen und gemeint, das gehöre jetzt nicht hierher. Das muss man sich einmal vorstellen: Sogar die Richterin hat es verhindert, dass in Spanien über Doping im spanischen Fußball gesprochen wird!

Und dahinter steckt Ihrer Meinung nach Geld, um Stillschweigen zu halten?

Volles Rohr. Da bin ich so sicher wie nur irgendetwas. Wo auf der Welt spielt denn Geld keine Rolle? Und ich kann mich auch an eine Geschichte von Dr. Fuentes erinnern, als ihn einmal ein Journalist der französischen Zeitung „Le Monde“ besucht hat. Er sagte zu ihm: „Prima, dass Sie gekommen sind – aber ich sage nichts.“ Ganz einfach, weil er um sein Leben fürchtete.

Gestern fiel das Wort „Narrenfreiheit“, die sich der Fußball rausnähme. Damit solle Schluss sein, fordern nun Experten.

Es herrscht nicht Narrenfreiheit. Sondern Korruption. Damit bitte ich Sie, mich zu zitieren: Der deutsche Sportjournalismus im Fußball ist korrupt! Sonst hätte man all diesen Fällen längst ausführlicher investigativ nachgehen müssen – so wie in anderen Sportarten. Sehen Sie: Beim Confederations Cup 2005 in Deutschland mussten mexikanische Fußballer abreisen, weil in ihren Proben, die noch zuhause genommen worden waren, Steroide gefunden worden waren. Bei der Frauen-WM 2011 in Deutschland musste eine halbe Mannschaft, die von Nordkorea, abreisen, weil die Spielerinnen voll mit Steroiden waren. Da wurde aber nie groß darüber berichtet.

Vorwürfe werden von Seiten der Doping-Fahnder auch an den DFB laut, der eine Spur zulegen müsse, um glaubwürdig zu bleiben. Ist das angebracht?

Ja, denn der DFB macht überhaupt nicht genug. Fußball und Tennis sind die beiden Sportarten, die sich unabhängigen Kontrollen zuletzt mehr und mehr entzogen haben.

Wie ist so etwas möglich, sich einfach dem Doping-Kampf zu entziehen?

Die jeweiligen Verbände bestimmen das selbst – und sie machen das einfach. Und wenn das in der Öffentlichkeit nicht thematisiert wird, passiert da auch nichts.

Die Fußballbranche verweist in der Debatte darauf, dass es lange keine spektakulären Doping-Fälle mehr gegeben hat.

(lacht) Tja, wenn ich nichts mache, finde ich auch nichts. Das ist ein Treppenwitz.

Würden Sie abschließend sagen, dass die Doping-Kontrollen im deutschen Fußball ausreichen?

Nein! Nein, nein, nein! Es muss viel mehr kontrolliert werden. Es muss vor allem mehr überraschende Trainingskontrollen geben. Einen FC Bayern muss man zum Beispiel besonders in Katar, in der Winterpause, abklopfen. Wenn etwas gemacht wird, dann in den Wettkampfpausen, nicht vor einem Spiel. Über Weihnachten ist eine mögliche Phase.

Die Kontrollen müssten also optimiert werden?

Ja. Überraschend und intelligent müssen sie sein.

Interview: Andreas Werner

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