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Atemberaubend schön – im Wortsinn: Extremsportlerin Alix von Melle beim Bergsteigen im Himalaya.

Sie ist unsere erfolgreichste Bergsteigerin

Alix von Melle: Deutschlands Gipfelkönigin

In luftigen Höhen und doch auf dem Boden geblieben: Alix von Melle ist Deutschlands erfolgreichste Bergsteigerin. Auf den letzten Metern hilft ihr vor allem eins.

Nepal im Mai 2012, 173 Meter unter dem Gipfel des 8163 Meter hohen Manaslu. Ein Gewitter zieht auf. Die einzigen Blitzableiter auf dieser Schneeflanke sind Alix von Melle, Luis Stitzinger und ihre drei Freunde Saskia, Rainer und Christian. Sie sind ausgerüstet mit Pickel, Steigeisen und Skiern – jede Menge Metall, das die elektrische Ladung anzieht. Luis trägt die Skier auf dem Rücken. Er spürt, wenn der nächste Blitz kommt. Er wirft sich als erster in den Schnee, die anderen hinterher. Der Überlebenskampf in fast acht Kilometer Höhe ist grausam. Hans Kammerlander, Südtiroler Bergsteigerlegende, hat an diesem Berg zwei Freunde verloren – einen durch Blitzschlag. Alix von Melle weiß das. Sie muss das ausblenden. Nervenstärke zeigen. Die volle Konzentration auf das Wesentliche legen. Das ist jetzt gefragt. Sicher absteigen und bei Blitzgefahr sich in den Schnee ducken, ohne abzustürzen.

Alix von Melle, 44, 1,74 Meter groß, schulterlanges blondes Haar, rote Bäcklein, Stupsnase und unauffällige Brille. Ihr Gesichtsausdruck: Glücklich und zufrieden. So bodenständig, so herzlich, so unverstellt wie sie ist, könnte sie glatt als Vorzeige-Grundschullehrerin durchgehen. Dass sie in Wirklichkeit Schicksalsberge wie den Manaslu oder Nanga Parbat (8125 Meter) besteigt, wohlgemerkt ohne künstlichen Sauerstoff, das ist total verrückt. Zumindest so lange, bis sie anfängt, von ihren Erlebnissen zu erzählen und dabei ihre eisblauen Augen beginnen zu leuchten. Das ist Liebe – die Liebe zum Bergsteigen.

Einige Berge hat Alix von Melle noch als Ziel

Es muss nicht immer ganz nach oben sein. Hauptsache die Schwierigkeit ist hoch genug.

Sechs Achttausender-Gipfel hat Alix von Melle erklommen. Damit ist sie Deutschlands erfolgreichste Höhenbergsteigerin. Und das als gebürtige Hamburgerin, aufgewachsen in einer Gegend, wo der höchste Punkt gerade mal 167,4 Meter misst (Brungsberg in Schleswig-Holstein). Wie kommt ein Hamburger Dünen-Mädel zum Extrembergsteigen? „Ganz ehrlich, über meinen Weg von der Nord- und Ostsee bis an den Fuße der Berge muss ich selbst immer wieder schmunzeln“, sagt sie und grinst. Ihre Geschichte ist ein Bergsteiger-Märchen.
Alix von Melle beginnt in Hamburg, Geografie zu studieren. Sie wechselt an die LMU München, wo sie den Bergen und dem Bergsport immer näher kommt. Mit Luis Stitzinger, Profi-Bergführer aus Halblech, lernt sie ihre große Liebe kennen. Stitzinger überredet von Melle zu ihrer ersten Expedition. Spätestens nach diesem Abenteuer hat sie das Fieber endgültig gepackt. Nun will sie die höchsten und schwierigsten Berge der Welt erobern.

Zehn Achttausender-Expeditionen hat sie hinter sich. Viermal hat sie es nicht bis zum Gipfel geschafft. Den nächsten Trip hat sie schon geplant. Wohin geht’s? „Auf den Manaslu“, sagt sie. Der Berg mit dem damals lebensgefährlichen Gewitterinferno? „Ja. Es gibt Berge, da würde ich drei Mal hinfahren, um sie zu besteigen.“ Weil sie eine ganz besondere Form, einen ganz besonderen Reiz haben. Der Broad Peak (8051 Meter) auf der Grenze zwischen Pakistan und China ist einer dieser Von-Melle-Lieblingsberge. Den hat sie schon bezwungen. Den anderen, den Manaslu, noch nicht. Ob diesmal das Wetter hält? „Man weiß nie, wie weit man bei einer Expedition kommt“, sagt sie. Wetter, Gesundheit, Tagesform. Es gibt tausend Gründe, auf- oder abzubrechen. Das Einzige, was von Melle tun kann: Sich gut darauf vorbereiten. Und auf ihre Stärken vertrauen.

Auf den letzten Metern hilft von Melle ihre große Lunge

Die männlichen Extrembergsteiger, also fast alle Extrembergsteiger, sind körperlich fitter als sie. Trotzdem hat sie das andere Geschlecht schon mehrmals in den Schatten gestellt. Vor allem auf die allerletzten Meter hoch zum Gipfel, wo die Luft so richtig dünn ist. Der eine Grund: Alix von Melle besitzt ein außergewöhnlich großes Lungenvolumen. „Einfach gesagt, ich kann gut schnaufen“, erklärt sie. Der andere Grund: Alix von Melle ist ein Mentalitätsmonster. Sie kann sich auf den Punkt genau fokussieren. Auch in absoluten Extremsituationen. Wie 2012 inmitten dieses Unwetters, das alle fünf überlebt haben.

Die Fitness holt sich Alix von Melle zuhause in Füssen, wo sie gemeinsam mit Ehemann Luis Stitzinger lebt. Wer sie in ihrer Drei-Zimmer-Dachgeschoss-Wohnung besucht, wundert sich. Bergbilder sucht man vergeblich an den Wänden. Bergbücher fehlen im Regal. Die Wohnung der Extrembergsteigerin scheint zunächst wie eine bergfreie Zone. Doch beim Blick durchs Schlafzimmer-Fenster stechen einem Fels und Gipfelkreuz ins Auge. „Tegelberg und Säuling, unsere Hausberge“, sagt von Melle. Sie sind der tagtägliche Ansporn, die nächste Einheit anzugehen. Joggen, Mountainbiken, Berglaufen, Bergsteigen, Skitouren oder Klettern.

Von Melle ist zwar, was Erfolge und Können betrifft, absolute Profi-Bergsteigerin. Aber nicht auf Vollzeit. „Momentan könnten wir davon leben, aber auf diesem Niveau kann man das nicht ewig machen.“ Zwischen Training, Vorträgen, Werbedreh und Expedition macht sie in Teilzeit die PR für Globetrotter, einer der größten Outdoor-Händler Europas. Ein ganz normaler Beruf mit ganz normalen Strapazen. Mal stressig, mal nervenaufreibend. Und wenn es zu viel wird mit dem Alltagsstress? „Dann denke ich einfach ein paar Wochen oder Monate zurück.“ An diesen einen Moment, über allem zu stehen – auf mehr als achttausend Metern.

Der Autor bewundert Extremsportler. Saure Muskeln, Frostbeulen, Atemnot - kann das Spaß machen? Offensichtlich: Ja.

Johannes Schelle, 26, Volontär bei den Schongauer Nachrichten

Freiweh: Eine Volontärs-Beilage

Dieser Artikel ist ein Teil der Beilage zum Thema Freiheit, die von Volontären des Münchner Merkur und der tz erstellt wurde. Sie haben sich mit der Sache auseinandergesetzt, die jeder will aber kaum einer hat und in unserer Zeit doch selbstverständlich sein sollte. Hier geht es zu einer Übersicht zu allen Artikeln der Beilage.

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