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Hier lagert Deutschland: ein Blick auf die Schutzbehälter im Barbarastollen im Schwarzwald

Unser Reporter durfte rein

Atombombensicheres Superarchiv: Das Gedächtnis der Deutschen

Oberried – 400 Meter unter der Erde liegt es – das Langzeitgedächtnis der Deutschen. Im Barbarastollen im Schwarzwald lagern wichtige historische Dokumente. Demnächst wird das einmilliardste Stück eingelagert. Ein seltener Besuch.

Mitten im Schwarzwald bei Oberried, ein paar Dörfer hinter Freiburg, schlängelt sich ein Wirtschaftsweg den Hang hinauf. Wer ihn an einer Gabelung verlässt und ein paar Meter einem Trampelpfad folgt, steht plötzlich vor einem Stahltor. Der Weg endet hier. Drei mit der Spitze nach unten weisende, blau-weiße Fünfecke markieren das Tor. Man hat dieses Zeichen, mit dem die Unesco schützenswerte Kulturgüter auszeichnet, schon gesehen. An berühmten Bauwerken wie Kathedralen und Schlössern ist es angebracht: Drei Fünfecke, die höchste Schutzstufe, tragen allerdings nur das Reichsmuseum in Amsterdam, der Vatikan – und der Barbarastollen hier mitten im Schwarzwald.

Nur zwei Menschen kennen den Code für den Eingang

Ein Mitarbeiter begutachtet einen der Mikrofilme, die in Edelstahlbehältern lagern.

Lothar Porwich, Diplom-Verwaltungswirt vom Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK), steht vor dem unscheinbaren Eingangstor des Stollens. Er sagt: „Hier bei uns wird alles verraten – nur der Zahlencode des Eingangsschlosses nicht.“ Erfreulich, dass der Angestellte des Sicherheitsdienstes, der heute aufschließt, ein gutes Gedächtnis hat. Außer ihm kennt nur noch eine weitere Person den Code.

Dann betritt man den nach der Schutzpatronin der Bergleute benannten Barbarastollen, der mit drei Alarm- und Überwachungssystemen gesichert ist. „Früher wurde hierdurch Erz aus den Silberminen abtransportiert, heute lagert hier die deutsche Geschichte“, sagt Lothar Porwich. Knapp 400 Meter geht man in den einsturzsicheren Stollen. Zu sehen ist nicht viel, bis auf zwei mächtige Drucktüren. Sie schützen das dahinter liegende „Superarchiv“. So nennt das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe diesen Ort ohne jede Bescheidenheit. Denn hier lagert die Bundesrepublik ihr Langzeitgedächtnis. Wichtige Verträge, Gesetzgebungsverfahren, Baupläne, Texte, Urkunden, Handschriften – alles wird hier verwahrt, und zwar kopiert auf Mikrofilm.

Der Eingang. Im Bild: einer der beiden Mitarbeiter, die das Schloss öffnen können.

Alles, was Deutschland ausmacht, liegt hier. Es ist das deutsche Gedächtnis tief im Schwarzwald. Eine romantische Vorstellung. In den zwei mit Beton ausgebauten Seitenflügeln des Stollens lagern 1500 rostfreie Edelstahlbehälter, jeder 122 Kilo schwer. Ihr Inhalt: über 30 000 Kilometer Mikrofilmmaterial. „75 Mitarbeiter in zwei Bundes- und zwölf Landesarchiven sind damit beschäftigt, wichtige Dokumente zur Geschichte und Kultur unseres Landes zu verfilmen“, sagt Porwich, erst nur in Schwarz-Weiß, seit einigen Jahren auch farbig. „Voraussetzung ist, dass es sich bei allen Dokumenten um Unikate handelt.“ Eine kleine Auswahl der Dokumente: der Vertrag zum Westfälischen Frieden von 1648, die Krönungsurkunde Ottos des Großen von 936, die Goldene Bulle von 1356, der Spielplan der Bayreuther Festspiele von 1989, die Nachlässe bayerischer Politiker wie Montgelas oder Ministerpräsident Hans Ehard, Hitlers Ernennungsurkunde zum Reichskanzler.

Im Oktober kommt das einmilliardste Stück in den Stollen

Eine neue Fuhre Geschichte: Ein Mitarbeiter fährt die Behälter in den Stollen.

Die 50 000 Euro teuren Spezialkameras, die sie hier benutzen, ermöglichen so genannte Sicherungsverfilmungen. Der Inhalt der Originale werde dabei nicht codiert, sondern um den Faktor 14 verkleinert. Drei Millionen Euro jährlich stellt der Bund für Verfilmungen von Archivgut zur Verfügung. „Mindestens 500 Jahre sind die Aufnahmen haltbar, sprich lesbar“, sagt Diplom-Verwaltungswirt Porwich. Zu diesem Zweck werden die Stahlbehälter mit den zu 1,3 Kilometer langen Rollen zusammengeschweißten Filmen vier Wochen in einer Klimakammer bei konstant zehn Grad Celsius klimatisiert.

Dann werden die Behälter luftdicht verschlossen und in den Stollen im Schwarzwald transportiert, wo vergleichbare Klimabedingungen herrschen, ohne dass technische Hilfe nötig wäre. Das erklärt, warum gerade hier eingela-gert wird. Neben den geologischen Aspekten war auch die Lage ausschlaggebend. „Der Ort ist ideal, weil er abseits der Ballungs- und Industrieregionen liegt“, sagt Lothar Porwich. „Hier können die Filme Kriege und Naturkatastrophen unbeschadet überstehen.“ Der Barbarastollen ist sogar auf Militärkarten verzeichnet, darüber darf kein Kampfflugzeug fliegen.

Mehrmals im Jahr muss das BBK hier nach dem Rechten sehen. „Wir führen Kontrollöffnungen der Behälter durch, um den Zustand der Filme zu prüfen“, sagt Porwich. Einlagerungen finden ein bis zwei Mal pro Jahr statt. „Anfang Oktober werden wir das einmilliardste Dokument hier sichern“, sagt Porwich. Es wird das Grundgesetz von 1949 sein. Für Porwich selbst ist es eine „irre Idee“, Sachen für die Zukunft wegzupacken. „Meist läuft es ja anders: Man schmeißt weg.“

Das kulturelle Vermächtnis wird mit viel Aufwand geschützt

Aber warum werden die Dokumente nicht digital gespeichert? Das wäre doch viel billiger. „Sehen Sie“, sagt Martin Luchterhandt, einer der zuständigen Referenten für die Verfilmung, „zum Lesen von digitalen Informationen brauchen Sie ein Medium, für unsere Filme nicht.“ Mit Lupe und ein bisschen Licht kann man alles entziffern. So ein Mikrofilm ist 500 Jahre lesbar, eine CD allerhöchstens 50 Jahre.

Und warum macht man sich eigentlich die ganze Arbeit? „Die Bundesrepublik hat 1954 die Haager Konvention unterzeichnet“, erklärt Oberarchivrat Luchterhandt. Vorrangiges Ziel der von der Unesco anberaumten Konferenz war die Sicherung von Kulturgut vor bewaffneten Konflikten. Sprich: Das kulturelle Vermächtnis wird hier mit viel Aufwand geschützt.

Es gibt allerdings einen Wermutstropfen: Archivgut nicht-staatlicher Institutionen, etwa der Kirchen, wird generell nicht verfilmt. „Es gibt eigentlich keine festgelegten Kriterien für die Auswahl der zu verfilmenden Dokumente“, sagt Martin Luchterhandt. Das ist Angelegenheit der jeweiligen Verfilmungsstellen. Alter und Bedeutung sind ausschlaggebend. Über Letztere kann man natürlich streiten. „Das entscheidende Kriterium ist die Singularität eines Dokuments“, sagt der Archivar.

Unscheinbare Edelstahlbehälter schützen vor Verlust

Das Auswahlverfahren ist nicht öffentlich, was Luchterhandt allerdings nicht schlimm findet: „Es ist eine Expertenveranstaltung. Und die Bestände bleiben ja erhalten.“ Insgesamt sollen 30 Prozent des Archivgutes aus den Jahrhunderten vor 1800 und 15 Prozent aus der Zeit danach verfilmt werden. Jedes Jahr machen die Mitarbeiter 1,5 Millionen Aufnahmen.

Die Filmbestände der DDR, über 8000 Kilometer, die sich aufgrund des mangelhaften Materials zu zersetzen drohten, wurden nach der Wiedervereinigung umkopiert und lagern nun auch im Barbarastollen. Beide deutschen Staaten hatten 1961 mit der Verfilmung von Archivgut begonnen. Die erste Einlagerung im Schwarzwald fand 1974 statt.

Aber was hat das alles gebracht? Sehr viel, schon jetzt. Der verheerende Brand, der sich 2004 in der Herzogin Anna Amalia Bibliothek in Weimar ereignete, der größte Bibliotheksbrand in Deutschland seit dem Zweiten Weltkrieg, war eine Katastrophe mit unwiederbringlichen Verlusten. Genau wie der Einsturz des Kölner Stadtarchivs, 2009. Aber es ist nicht alles verloren, was man verloren glaubte: Vieles lagert hier – in einem unscheinbaren Edelstahlbehälter tief unter der Erde.

Der Barbarastollen in Kürze

In der Nähe von Freiburg im Breisgau liegt die Schwarzwaldgemeinde Oberried. Auf deren Gemeindegebiet befindet sich – lange Jahre geheim gehalten – der Barbarastollen. Aus einem ehemaligen Bergwerks-Stollen, der zum Abtransport von Erz aus den Silberminen dienen sollte, wurde der Zentrale Bergungsort der Bundesrepublik. Der Stollen wurde mit Spritzbeton ausgekleidet und mit Drucktüren versehen. 

Der Hauptstollen führt 680 Meter durch Gneis und Granit in das Innere des Berges. Dort lagern über 1500 spezielle Kulturgutschutzbehälter aus Edelstahl. Die darin enthaltenen Mikrofilme zeigen Abbilder von demnächst einer Milliarde Materialien zur Geschichte und Kultur Deutschlands. Im Stollen herrscht das ganze Jahr über eine gleichbleibende Temperatur von ungefähr 10 Grad und eine Luftfeuchtigkeit von 70 Prozent. Am 1. und 2. Oktober finden im Barbarastollen zwei Tage der offenen Türe statt.

Ulrich Traub

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