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170 Jahre lang war es verschollen

Geisterschiff "HMS Terror": Besatzung wurde zu Kannibalen

Gjoa Haven - Fast 170 Jahre lang waren die zwei Schiffe verschollen, mit denen Sir John Franklin die Nordwestpassage finden wollte. Jetzt führte ein Inuit die Forscher zum Wrack der HMS Terror. Sie führte ihren Namen zurecht. 

Am Ende kam der entscheidende Tipp von einem Inuit-Ureinwohner. Trotz jahrelanger, teurer Suche mit Satellit und Unterwasseraufnahmen hatten Forscher das britische Expeditionsschiffs HMS „Terror“ nicht aufspüren können, das im Eis der Arktis stecken blieb und 1848 aufgegeben wurde. Jetzt, rund 170 Jahre später, hat der Inuit-Jäger Sammy Kogvik die Wissenschaftler zum Wrack geführt. Und eines der großen Geheimnisse der Schifffahrt gelüftet.

Sir John Franklin hatte versucht, die Nordwestpassage zu finden, den viel kürzeren nördlichen Seeweg um Amerika. Er starb 1847 während der Expedition. Was geschah, nachdem seine Schiffe „HMS Erebus“ und „HMS Terror“ im Eis eingeschlossen wurden, ist bis heute unklar - jedenfalls kam keiner der Männer durch. Lange wurde vermutet, dass die 105 überlebenden Crewmitglieder versuchten, sich ihren Weg vom im Eis gefangenen Schiff nach Süden zu bahnen. Knochenfunde bestätigen, dass die Überlebenden am Ende in ihrer Verzweiflung zu Kannibalen wurden. 

"Geschichtsbücher müssen neu geschrieben werden"

Doch die eigentliche Sensation an dem Fund der HMS Terror ist, dass einige wohl versuchten, aus der gefrorenen Nordwestpassage zu segeln. Die Ladeluken des Wracks waren nämlich geschlossen. „Ich bin sicher, dass die Geschichtsbücher neu geschrieben werden müssen“, sagt Schimnowski.

Das mysteriöse Verschwinden der 129 Mitglieder zählenden Expedition, angeführt von Sir John Franklin, hatte Generationen von Historikern und Polarforschern beschäftigt und auch der Royal British Navy Kopfzerbrechen bereitet. Das Schicksal der Franklin-Gruppe hielt Europa und Nordamerika in Atem und sorgte über fast zwei Jahrzehnte für immer neue Suchexpeditionen. 

Arktis als Zeitkapsel

„Ich verspürte das größte Grinsen in meinem Gesicht, es war einfach nicht zu kontrollieren“, sagt Adrian Schimmnowski, Direktor der Arctic Research Foundation in Kanada, der Deutschen Presse-Agentur. „Es ist ein Rausch, so etwas zu finden, und eine große Belohnung, bei der Lösung eines Rätsels mitzuhelfen.“ An der Seite der kanadischen Marine, Küstenwache und Parkbehörde hatten Forscher seit 2008 mühsam hunderte Quadratkilometer arktischen Meeresbodens abgesucht, um den 31 Meter langen Dreimaster aufzuspüren.

Dass große Teile des Seewegs durch den kanadisch-arktischen Archipel fast das ganze Jahr über von Eis bedeckt sind, war Fluch und Segen zugleich: Nur etwa sechs Wochen zwischen August und September ist das Wasser hier schiffbar und das Zeitfenster für die Suche damit sehr begrenzt, wie Schimnowski sagt. Zugleich ist das Wrack in 24 Metern Tiefe dank des eisigen Wassers noch sehr gut erhalten, wie Bilder eines ferngesteuerten Unterwasserfahrzeugs zeigen. Schimnowski spricht von einer „perfekten Zeitkapsel“ und ist sicher, die „Terror“ gefunden zu haben, auch wenn die offizielle Bestätigung noch aussteht.

Inuit bewahrte jahrelang sein Geheimnis

Nach Einschätzung der kanadischen Parkbehörde war es die Verbindung „modernster Technologie und mündlicher Inuit-Zeugnisse aus dem 19. Jahrhundert“, die vor knapp zwei Jahren bereits zum Fund der HMS „Erebus“ führte, dem zweiten Schiff der Franklin-Expedition. Auch die am 3. September aufgespürte „Terror“ nahe der King William Island wäre ohne Hilfe der Ureinwohner wohl erst viele Jahre später gefunden worden: Inuit Sammy Kogvik hatte dort etwas Ungewöhnliches aus dem Eis ragen sehen, erzählt er im Video der Arctic Research Foundation.

Seine Entdeckung von vor rund sieben Jahren hatte Kogvik allerdings lange geheim gehalten. Seine Kamera mit den Fotos dessen, was da wie ein Mast aus dem Eis steig, verschwand auf mysteriöse Weise - für Kogvik ein böses Omen. Erst an Bord des Forschungsschiffs Martin Bergmann und an Seite Schimnowskis lüftete der 49-Jährige nun sein Geheimnis. „Er hatte diese Überzeugung in seinen Augen, in seiner Stimme. Wir wussten, dass das, was er sagte, stimmte“, erzählt Schimnowski. Man habe sich einfach vertraut.

Während die kanadische Regierung sich „begeistert“ zeigt und in einer Mitteilung von einem „außergewöhnlichen Fund“ spricht, bereiten Schimnowski und seine Crew sich auf die für kommendes Wochenende geplante Ankunft zu Hause vor. Doch erst soll der große Fund mit einem Fest für die Inuit-Gemeinde von Gjoa Haven gefeiert werden - auch, um Sammy Kogvik zu danken. „Es gibt traditionelles Essen, Rentierfleisch, Volkstänze, Reden“, sagt Schimnowski. Über Kogviks Entschluss, den Forschern sein Geheimnis zu verraten, sagt er: „Vielleicht war es für ihn an der Zeit, die Geschichte zu erzählen.“

dpa

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