In Turin wird an die Opfer der Mafia gedacht. Foto: Alessandro di Marco
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In Turin wird an die Opfer der Mafia gedacht.

Der 'Ndrangheta geht's an den Kragen

Fußball-Star im größten Mafia-Prozess Norditaliens angeklagt

Rom/Reggio Emilia - In Italien beginnen gleich zwei Mafia-Prozesse an einem Tag: Im bisher größten Mafia-Prozess Norditaliens zählt der Fußballweltmeister Vincenzo Iaquinta zu den Angeklagten.

Italien ist von einer Art Krankheit befallen. Sie streut überall: Bei der Vergabe der öffentlichen Aufträge für die Weltausstellung 2015, bei der Flutsicherung Venedigs, in der Hauptstadt Rom. Die Krankheit heißt „Mafia“ und wie ein Geschwür hat sie gleichermaßen Kleinunternehmer, Beamte, Journalisten und hochrangige Politiker befallen, von der Linken und der Rechten, im Norden und im Süden.

Am heutigen Mittwoch beginnen gleich zwei bedeutende Verfahren. Aber sie sind kaum mehr als kurze Erfolge der italienischen Justiz gegen das um sich greifende Problem, das Wirtschaft und Demokratie lähmt. Dem früheren Bürgermeister Roms, Gianni Alemanno, wird in der Hauptstadt der Prozess gemacht.

Riesiger Mafia-Prozess beginnt

Der bislang größte Mafia-Prozess Norditaliens hat mit großem öffentlichen Interesse begonnen. Insgesamt 147 Angeklagte, darunter der italienische Fußball-Weltmeister von 2006, Vincenzo Iaquinta sowie dessen Vater, müssen sich seit Mittwoch vor einem Gericht in Reggio Emilia verantworten. Das Verfahren in einem eigens neu gebauten Gerichtssaal begann unter strengen Sicherheitsvorkehrungen. Zunächst ging es hauptsächlich um Verfahrensfragen, wie italienische Medien berichteten.

Im Visier der Justiz steht die kalabrische Mafia 'Ndrangheta, die mehr und mehr auch im Norden des Landes aktiv wird. Iaquinta werden illegaler Waffenbesitz und Unterstützung der Mafia vorgeworfen, sein Vater wird verdächtigt, Mitglied der Verbrecherorganisation zu sein. Der frühere Nationalspieler weist die Vorwürfe zurück. Mit den beiden prominenten Angeklagten stehen zahlreiche Verdächtige vor Gericht, darunter Beamte, Politiker, Handwerker, Unternehmer und Journalisten.

Insgesamt 29 von ihnen waren beim Prozessauftakt in dem neuen Hochsicherheits-Saal anwesend. Einige weitere Angeklagte, die bereits in Haft sitzen, wurden per Video zugeschaltet. Zu den Anklagepunkten zählen vor allem klassische Mafia-Verbrechen wie Mord, Geldwäsche, Erpressung, Korruption und Stimmenverkauf bei Kommunalwahlen.

Italien gilt als eines der korruptesten Länder Westeuropas

Im internationalen Vergleich führt die Nichtregierungsorganisation Transparency International das Land auf Platz 61 von 161 auf - zwischen Oman und Lesotho. „Die Korruption ist der Krebs, der Rom zerfrisst“, sagt Mafia-Verfolger Alfonso Sabella.

In der Hauptstadt geht es um den neofaschistischen Ex-Bürgermeister Gianni Alemanno. Während seiner Amtszeit von 2008 bis 2013 soll das kriminelle Geschäft in Rom, die „Mafia Capitale“, ihren Aufstieg erlebt, gar prosperiert haben. Er muss sich des Vorwurfs der Korruption und illegaler Finanzierung seiner Wahlkampagne stellen.

„Bei diesem Prozess geht es um tiefgreifende Korruption“, analysiert der Mafia-Experte Federico Varese. Um sie zu bekämpfen müsse eine Reform der Verwaltung her. Ein Whistleblower-System, Rotation der Positionen und Transparenz, schlägt Varese vor.

Alemanno soll zwischen 2012 und 2014 etwa 125 000 Euro durch seine Stiftung Nuova Italia erhalten haben. Bestechungsgelder, sagen die Staatsanwälte. Der 58-Jährige wies die Anschuldigungen in einer italienischen Zeitung zurück: „Ich habe ein sauberes Gewissen und deswegen auch nichts zu verhandeln.“

Sein Prozess schließt sich einem im vergangenen November begonnenen Verfahren gegen 46 Angeklagte an - darunter Politiker, Unternehmer und Funktionäre - die mit der Mafia unter einer Decke gesteckt haben sollen. Unter anderem sollen die Beschuldigten profitable Aufträge aus öffentlichen Ausschreibungen erhalten haben. Besonders aktiv sei die „Malavita“ in der Abfallentsorgung, der Stadtreinigung und der Betreibung von Flüchtlingseinrichtungen gewesen, heißt es.

Längst ist die kalabrische 'Ndrangheta auch in den nördlichen Regionen vertreten. Das zeigt der zweite Prozess an diesem Mittwoch, ein wahres Maxiverfahren in Reggio Emilia in der Nähe von Bologna. Unter den Angeklagten sind hier Journalisten, Politiker und Unternehmer sowie auch Vincenzo Iaquinta, prominenter Fußballweltmeister von 2006. Ihm wird vorgeworfen, gegen das Waffengesetz verstoßen zu haben. Sein Vater Giuseppe soll sogar Mitglied der Verbrecherorganisation sein. „Ich weiß noch nicht mal, was das ist, diese 'Ndrangheta“, sagte der Stürmer Anfang März in den Medien.

Besonders nach den zwei katastrophalen Erdbeben 2012 soll die 'Ndrangheta, die ansonsten vor allem mit Drogen- und Waffenhandel Milliardenprofite macht, am Wiederaufbau in Norditalien verdient haben. Das Baugewerbe sei sehr anfällig für die Infiltration durch die Mafia, erklärt Varese. „Gerade kleinere Unternehmer profitieren, wenn die Verbrecher sich einmischen und die Wettbewerber vom Markt halten“, sagt er. Nur eine stärkere Kontrolle durch lokale Regierungen könne dies verhindern.

Zwar werden nun die Schuldigen vermutlich bestraft werden, doch vor Gericht werden nur die Symptome der Krankheit behandelt. „Die Strafverfolger sind sehr mutig. Aber es ändert sich nichts“, sagt Varese. „Reformen und Regulierungen sind der einzige Weg, um die Mafia langfristig zu bekämpfen.“

So wohnt ein echter Mafia-Pate

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dpa

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