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„Omikron führt uns zurück in die Normalität“: Virologe Stöhr sieht zwei Alternativen

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Von: Sebastian Horsch

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Omikron ist in vielen Ländern bereits die vorherrschende Variante. Der Virologe Klaus Stöhr erklärt, was in den nächsten Wochen in Deutschland passieren wird.

München – Der Virologe Klaus Stöhr hat als Leiter des Globalen Influenza-Programms für die Weltgesundheitsorganisation WHO und in der Impfstoff-Entwicklung für Novartis gearbeitet. Heute ist er als freier Konsultant tätig.

Herr Stöhr, Omikron steht vor der Tür. Was wird in den nächsten Wochen in Deutschland passieren?

Die Vorhersage ist relativ leicht. Dänemark hat bereits eine zehn Mal so hohe Inzidenz wie Deutschland, England eine knapp acht Mal so hohe. Auch bei uns wird es also bald viel höhere Infektionszahlen geben, aber es wird sich wie in den anderen Ländern eine Schere auftun zwischen vielen milden Fällen und gleichzeitig im Verhältnis deutlich weniger Krankenhauseinweisungen. In England brachte Omikron fast vier Mal mehr Fälle, aber auch eine auf circa die Hälfte verringerte Wahrscheinlichkeit, schwer zu erkranken. Diese Schere führt uns zurück in die Normalität. Denn sie zeigt, dass das Virus das tut, was wir erwartet haben.

Und zwar?

Es passt sich an den Menschen an. Die Inkubationszeit verringert sich und es vermehrt sich zunehmend im Nasen- und Rachenraum und nicht in der Lunge. Die Verläufe werden tendenziell leichter. Denn milde Erkrankungen bedeuten für Viren eine bessere Verbreitung. Noch ein Wort zur Ansteckungsfähigkeit von Omikron: Das Virus* wird zwar ständig als „hochinfektiös“ bezeichnet, es spielt aber im Vergleich in derselben Liga wie zum Beispiel die Influenza. Es wird Zeit, dass man hier rationaler kommuniziert.

Wie schätzen Sie die Gefahr durch Omikron für Kinder ein?

Wenn die Erkrankungen bei Erwachsenen milder werden, ist es biologisch erwartbar, dass das auch für Kinder zutrifft. Es gibt nun auch eine neue, belastbare Publikation, der zufolge die Krankheitslast auch für Kinder um circa die Hälfte abnimmt.

Am Freitag ist wieder Bund-Länder-Gipfel. Brauchen wir weitere Kontaktbeschränkungen?

Um das zu beantworten, muss man sein Ziel definieren. Wenn man möglichst viele Infektionen verhindern will, braucht man mehr Beschränkungen. Wenn man aber vor allem schwere Verläufe verhindern, also Krankenhäuser und Friedhöfe leer halten will, sehe ich dafür keinen Grund. Die Zunahme der milden Verläufe koppelt sich von einer höheren Belastung für die Krankenhäuser ab. Auch wenn es besonders einige freiwillig Ungeimpfte durchaus hart treffen könnte, zeigen die Zahlen aus anderen Ländern keine Überlastung der Kliniken an.

„In vielen Köpfen gibt es immer noch eine falsche Erwartungshaltung“

Was ist, wenn in den Kliniken viel Personal gleichzeitig erkrankt?

Wenn nötig, muss man darauf natürlich reagieren, indem man beispielsweise die Quarantäne verkürzt. Doch jetzt wird von manchen so getan, als sei der Schutz der kritischen Infrastruktur eine völlig neue Herausforderung. Dabei ist er Bestandteil eines jeden Pandemieplans – ein laufender Prozess, der je nach Lage immer wieder neu skaliert und angepasst werden muss.

Ein Blick ins Ausland. Eben galt Spanien wegen seiner hohen Impfquote noch als Vorzeigeland, jetzt steckt es voll in der nächsten Corona-Welle. Wieso ändert sich die Lage immer wieder so schnell?

In vielen Köpfen gibt es immer noch eine falsche Erwartungshaltung: Wer gut arbeitet, der sei wie in einer Burg langfristig sicher vor dem Virus. Aber so funktioniert es in einer Pandemie nicht. Wellen bewegen sich auf und ab. Das hängt zum einen von der Jahreszeit ab, zum anderen von der Populationsdynamik. Für einen Zeitraum von sechs bis acht Wochen infizieren sich besonders in den kalten, nassen Monaten viele, weil das Virus dann gute Bedingungen hat. Danach erreicht die Welle den Scheitelpunkt. Es gibt erst einmal keine Empfänger mehr, weil jeder Mensch nur eine begrenzte Zahl von Kontakten hat. Die Welle flacht wieder ab. Dann kommt eine neue Populationsdurchmischung und die nächste Welle beginnt. Wenn es dann wieder Richtung Sommer geht, bricht das Infektionsgeschehen stark ab und die Viren zirkulieren lediglich auf niedriger Stufe weiter.

Wie viel Einfluss können wir denn dann überhaupt auf den Pandemieverlauf nehmen?

Das Ziel der Pandemie-Bekämpfung ist es grundsätzlich, mit minimalem Schaden die unausweichliche Durchseuchung der Bevölkerung zu erreichen. Das Endergebnis ist überall das gleiche: Alle Menschen sind infiziert oder immunisiert. Die Frage ist, welche Verluste ein Land erleidet, um dorthin zu kommen – gesundheitlich, sozial, wirtschaftlich.

Aber in dieser Pandemie gab es zum ersten Mal Impfstoffe.

Deshalb war es sehr sinnvoll, die Ausbreitung so lange zu verzögern, bis diese Impfstoffe möglichst vielen zur Verfügung standen, um schwere Verläufe und Todesfälle zu minimieren – komplett verhindern kann man sie ja langfristig nicht. Doch durch die dann immer noch strengen Maßnahmen im letzten Sommer wurden zum Beispiel viele Infektionen in Deutschland lediglich in den Winter verschoben. In einer Pandemie kann man aber immer nur zwischen zwei Übeln wählen – ohne Schaden kommt man nicht durch. Und abgerechnet wird zum Schluss. Dann zeigt sich, wer am Anfang der Pandemie schon das Ende im Auge hatte, langfristig plante und mit den geringsten Auswirkungen ankommt. Wer aber wie Bayerns Ministerpräsident Markus Söder Bekämpfungsalternativen vom Tisch fegte mit der Position, dass jegliche Erkrankungen oder gar Todesfälle durch Infektionen in einer Pandemie moralisch nicht hinnehmbar seien, lebte schon immer in einem anderen Universum.

Interview: Sebastian Horsch - *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

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