Deutsche Soldaten, eventuell Gefangene, in einem Schützengraben im Chapitiewald bei Verdun.

So war die tödlichste Schlacht des Ersten Weltkriegs

Die Hölle von Verdun: Ein bayerischer Soldat berichtet

München/Verdun – 300 Tage dauerte das Gemetzel, am Ende waren 300.000 Soldaten auf beiden Seiten tot – und die Frontlinie hatte sich gerade einmal um vier Kilometer nach Süden verschoben. Ein bayerischer Soldat hat, wie tausende, in Verdun das Grauen erlebt. Hier sein Bericht. 

Die tiefe Senke unweit von Verdun heißt eigentlich Albain- Schlucht. Aber unter den deutschen Soldaten heißt sie nur: die Totenschlucht. Warum das so ist, erfährt der bayerische Leutnant Anton Herbst in den letzten Juni-Tagen des Jahres 1916.

Herbst ist in Nürnberg aufgewachsen, er ist Patriot und meldet sich gleich zu Beginn des Krieges wie tausende andere freiwillig. Er ist künstlerisch veranlagt, zeichnet viel an der Front. Nach dem Ersten Weltkrieg, den er mit viel Glück überlebt, wird er nach München ziehen. Doch nun, Ende Juni 1916, hat er die Aufgabe, mit seinen Männern leichte Minenwerfer der Bayerischen Gebirgs-Kompanie 170 in der Totenschlucht zu übernehmen. 18 Leute – die von jetzt an in Todesgefahr schweben.

Bayerische Soldaten in der Totenschlucht  

Der Sohn Thomas Herbst bewahrt einen „Verdun-Brief“ des Vaters .

Im Juni ist – nach vier Monaten Verdun-Schlacht – längst Stillstand an den Fronten. Der Plan des Ostpreußen Erich von Falkenhayn, Chef des Großen Generalstabs des Feldherrs, den zum „Stellungskrieg“ erstarrten Weltkrieg durch einen wuchtigen Stoß zu einem „Bewegungskrieg“ zurückzuverwandeln, ist Makulatur. Falkenhayn hofft, dass die Franzosen nach einem Durchbruch der deutschen Truppen erschöpft aufgeben und einen Separatfrieden zustimmen. Später wird der Chef-Stratege Falkenhayn in seinen Memoiren noch Ungeheuerliches schreiben: „Wir waren entschlossen, Frankreich durch Blutabzapfung zur Besinnung zu bringen.“ Dieses „Weißbluten“, angeblich schon 1915 in einer nie aufgefundenen „Weihnachtsdenkschrift“ Falkenhayns dargelegt, ist vielleicht eine nachträgliche Rechtfertigung der Schlacht, um die gescheiterte Strategie zu bemänteln – aber es kommt der Wahrheit ziemlich nahe. Die Deutschen erobern das prestigeträchtige Fort Douaumont, aber nie Verdun selbst. Die „Blutabzapfung“ erfolgt, anders als von deutscher Seite beabsichtigt, auf beiden Seiten: geschätzt 150 000 deutsche Soldaten sterben vor Verdun, etwa ebenso viele sind es auf gegnerischer Seite. Etwa 400 000 werden verwundet. Verdun war in keiner Weise kriegsentscheidend. Aber die Stadt steht seit nun 100 Jahren als Sinnbild für die Hybris von Militärs, für die Opferung von „Menschenmaterial“.

Von strategischen Überlegungen in der Etappe weiß der Leutnant Anton Herbst vor Ort nichts. Vom Dorf Dombras wenige Kilometer hinter der Front ziehen er und sein Trupp los. Herbst ist anfangs sogar guten Mutes, „die anfängliche Beklemmung war von mir gewichen“, schreibt er später in einem 40-seitigen Verdun-Brief, den sein Sohn Thomas Herbst aus Weßling erst kürzlich entdeckt hat. In Damviller, jetzt in deutscher Hand, kommt er am Denkmal eines französischen Generals vorbei. Am Handgelenk hängt ein Taferl: Auf nach Verdun, steht darauf. Die Straße führt nach Azannes, wo Herbst einen Friedhof und „unheimlich viele Holzkreuze, viele, viele hundert“ sieht. Ein Geistlicher, der zufällig des Weges kommt, spendet letzte tröstende Worte, die die Männer still über sich ergehen lassen.

„Wüster wird das Land“, schreibt Herbst. „Granatlöcher, Stacheldraht, Wasser, Schmutz, zertrümmerte Artilleriefahrzeuge, stinkende Pferde“. Das alles sieht er – und noch mehr. Denn als die kleine Truppe in die Albain-Schlucht hinabsteigt, packt sie das kalte Grauen. „Am Wege und am Graben liegen starre Tote, die Gesichter meist zur Erde gekehrt, in allen Stellungen. Schrecklicher sind die Trümmer von Menschen anzusehen, durch Volltreffer im Gelände zerstreut.“ Noch dazu kommen die bayerischen Soldaten unter wütendes Artilleriefeuer. Die Männer hasten durch die von Granattrichtern durchfurchte Landschaft. Herbst stößt immer wieder auf Leichen. „In den Löchern liegen Knäuel von Toten, eines Infanteristen entsinne ich mich noch, das Bajonett in den Händen, das Gesicht längst schwarz geworden.“

Leichengeruch - da hilft nur Schnaps

Leutnant Anton Herbst zu Pferd.

Schließlich erreichen sie den Unterstand. Trotz allem besinnt sich der Trupp auf die eigentlich sinnlose Aufgabe: Die Minenwerfer werden geladen – und als zwei französische Divisionen („beste Kerntruppen“) in spärlicher Deckung zum Gegenangriff übergehen, da funktionieren die Soldaten wie befohlen: „Alle Minen jagten wir im Schnellfeuer hinaus“, schreibt Herbst. Die Franzosen weichen zurück, sofern sie nicht tot in der Schlucht zurückbleiben. Bei Herbst und seinen Kameraden aber kreist die Schnapsflasche – anders sei der „beständige Pestgeruch der umherliegenden Leichen“ nicht auszuhalten gewesen, schreibt er später im Verdun-Brief. Dann kommen auch noch Gasgranaten. Der „grünlich gelbe Rauch“ ist nur mit Gasmasken auszuhalten.

Nach einer Woche Grauen in der Stellung hat es Herbst überstanden: Er wird abgelöst. Im Laufschritt geht es zurück, wieder durch Löcher, gefüllt mit Toten, wieder begleitet von wüstem gegnerischen Feuer. Von Ferne sehen sie, wie drüben auf der Anhöhe „Toter Mann“ Granatwolken aufsteigen. Beim Rückzug stirbt einer von Herbsts Männern. Auch das noch. Doch endlich ist es geschafft – eine Woche Verdun liegt hinter den Leuten.

Herbst hat den Weltkrieg überlebt – und auch noch den Zweiten Weltkrieg. 1970 ist er einmal nach Verdun zurückgekehrt. „Beim Besuch der Schlachtfelder war er bis zu Tränen aufgewühlt“, sagt sein Sohn Thomas Herbst. 1981 ist sein Vater gestorben

Dirk Walter

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