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Ein seltenes Himmelsspektakel: Der Merkur schiebt sich vor die Sonne.

Seltenes Ereignis

Himmelsspektakel: Der Merkur schiebt sich heute vor die Sonne

München - Er ist ein vernachlässigter Planet – doch seine Geschichte ist geheimnisvoll. Heute hat der Merkur seinen großen Auftritt. Ein extrem seltenes Himmelsereignis erwartet uns. Hier lesen Sie, wie Sie dabei sein können.

Heute Mittag, um 13.12 Uhr und 12 Sekunden, werden unzählige Menschen einen schwarzen Brösel beobachten und mit gläsernen Linsen versuchen, ihn möglichst zu vergrößern. Dann zeigt er sich endlich, der kleine Punkt, wenn er am linken oberen Rand der Sonne ein wenig der glühenden Oberfläche verdeckt. Der Brösel zur Nachmittagszeit ist der Merkur, der Planet, der der Sonne am nächsten ist. Das extrem seltene Himmelsspektakel heißt: Merkurtransit. Es dauert nur wenige Stunden.

In 30 Metern Höhe, auf einem ehemaligen Flakbunker in München, wird auch Hobby- Astronom Hans-Georg Schmidt das Teleskop auf den Merkur richten. Schmidt, 65, schaut seit bald 50 Jahren in den Himmel und darüber hinaus. Den Merkurtransit will er auf keinen Fall verpassen, das ist ein Schmankerl für alle Planeten-Fans.

Im April 1968 beobachtete Schmidt als damals 17-Jähriger eine totale Mondfinsternis. „Da hat mich der Wahnsinn ergriffen“, sagt er. Ab dann widmete er sich systematisch den Himmelsbeobachtungen, bastelte damals noch eigenhändig Teleskope zusammen. Ein Jahr später beantragte der gebürtige Dachauer seine Mitgliedschaft in der Bayerischen Volkssternwarte in München, die in der Rosenheimer Straße auf ihrem Dach eine Beobachtungsplattform mit mehreren großen Teleskopen unterhält. Heute gibt er dort Vorträge, unter anderem zum Merkur. Dann erklärt er zum Beispiel, warum es der Planet bayerischen Astronomen wie ihm so schwer macht.

Merkurtransit vor der Sonne: Für Astronomen mysteriös - und faszinierend

Eigentlich geht es nur um ein paar Grad. Die Umlaufbahn des Merkur ist von der Erde aus betrachtet um sieben Grad geneigt. Der Planet befindet sich deshalb entweder ober- oder unterhalb der Sonne. Beim Merkurtransit befindet er sich aber auf einer Achse zwischen Sonne und Erde. Das geschieht nur alle drei bis dreizehn Jahre, dann immerhin pünktlich. Deshalb kann man auf die Sekunde genau vorhersagen, wann er aus dem Schwarz des Weltraums auftaucht und dass er nach etwa drei Minuten erstmals komplett am Rand der Sonne zu sehen ist. Auch, dass er sich nach etwas mehr als dreieinhalb Stunden vor dem Zentrum der Sonne befinden wird. Darauf kann man sich vorbereiten, ebenso auf die Gefahren. Auf anderes wiederum nicht.

Der Planet zieht für uns nur im Mai oder November vor der Sonne her, aber dann spielt das Wetter oft nicht mit. „In den Tropen könnte man das besser beobachten, aber wir können mit der Sternwarte ja nicht mal eben umziehen“, sagt Schmidt. Über ein Dutzend Merkurtransits hat es seit 1907 gegeben. Seit 1993 sind nur noch Pünktchen in Schmidts Aufzeichnungen vermerkt. „Da war immer nur Schrottwetter, das habe ich gar nicht mehr aufgeschrieben“, sagt er. „1999 gab es einen Transit. Und dann das hier“, sagt er und zeigt auf Weltraumfotografien, die den Planeten zeigen, wie er die Sonne nur am oberen Rand streift. Läppisch, findet Schmidt. Und dann war der kleine Gesteinsplanet auch schon wieder verschwunden.

Merkurtransit vor der Sonne: Der Merkur bekommt Falten, weil er schrumpft

Der Merkur ist der Sonne am nächsten und umrundet sie in nur 88 Tagen. Das ist der Grund für seinen Namen: „Die enorme Geschwindigkeit ist auch schon unseren Vorfahren vor tausenden Jahren aufgefallen“, sagt Schmidt. Die Babylonier nannten den Planeten Nabu, die Griechen haben ihn dann ihrem Gott Hermes zugeordnet. Die Römer benannten ihn schließlich nach ihrem Götterboten Merkur, der seine Nachrichten mit geflügelten Sandalen überbrachte. Unter diesem Namen dreht er im All weitgehend unbeachtet seine Runden.

Dabei sind viele seiner Eigenschaften genauso mysteriös wie faszinierend. Mit weniger als 5000 Kilometern Durchmesser ist er nicht mal halb so groß wie die Erde. So klein war der Merkur früher, vor langer Zeit, wahrscheinlich nicht. Irgendetwas muss ihn übel zugerichtet haben. Verschiedene Theorien gehen davon aus, dass er einst eine doppelt so große Masse besessen hat. Vielleicht schlug vor etwa 4,5 Milliarden Jahren ein gewaltiger Asteroid auf dem Merkur ein und riss einen Großteil seines Mantels fort. Oder er kollidierte mit einem anderen Planeten. Andere Theorien gehen davon aus, dass die enorme Strahlung der Sonne seine Materie einfach verdampft oder fortgestrahlt hat.

Nachgewiesen ist mittlerweile, dass der Merkur seit seiner Entstehung Falten bekommen hat – nicht aufgrund des Alters, sondern weil er schrumpft. In den Jahrmilliarden kühlte er ab, die Materie zog sich immer weiter zusammen. Ohne eine Plattentektonik, wie wir sie auf der Erde haben, wurde das Gestein in mehrere Kilometer hohe Steilklippen gedrückt, so dass der Merkur im Durchmesser einige Kilometer abgespeckt hat.

Merkurtransit vor der Sonne: Der Planet ist mit Kratern überseht, wie der Mond

Hans-Georg Schmidt widmet sich freilich nicht nur dem Merkur, sondern auch der Sonnenbeobachtung und Fernglas nicht Amseln beobachtet, sondern lieber Geminiden oder Materieströme der Sonne. Er ist ein Profi in Sachen Weltall. „Unsere Stunden, Monate, Jahre sind auf dem Merkur sinnlos“, erklärt Schmidt. Während sich die Erde innerhalb von 24 Stunden um die eigene Achse dreht, braucht der Merkur dafür 1407 Stunden, also 58 Erdentage.

Die 88 Tage, die er braucht, um die Sonne zu umrunden, führen dazu, dass die Sonne erst nach zwei Umläufen wieder aufgeht. Ein Tag mit Sonnenaufgang und -untergang, so wie wir es kennen, dauert auf dem Merkur damit länger als ein Merkurjahr. Und: „Es kann an manchen Punkte auf dem Merkur passieren, dass die Sonne aufgeht, ihre Richtung umkehrt und an derselben Stelle wieder untergeht. Das ist der Hammer“, sagt er. Dafür ist auch der Abstand wichtig – je näher der Merkur der Sonne kommt, desto größer wird seine Bahngeschwindigkeit. Er beschleunigt dann von knapp 39 auf 59 Kilometer – pro Sekunde. Die Erde schafft etwa 30 Kilometer pro Sekunde.

Wissenschaftler widmen dem Merkur nur wenig Zeit, sagt Schmidt und klingt ein wenig mitleidig. „Die Venus wird von Armadas von Raumsonden untersucht, und auf dem Mars sind ständig Rover unterwegs“, sagt er. „Aber der Merkur ist ein vergessener und vernachlässigter Planet. Er juckt niemanden, denn man sieht ihn ja kaum.“ Außer am Montag. Ein Problem für jede Raumsonde ist die Nähe zur Sonne: Auf dem Merkur ist es 430 Grad Celsius warm – und manchmal minus 170 Grad kalt. Dazu kommt die starke Strahlung, Raumsonden brauchen gigantische Hitzeschilde.

April 2015: Eine Raumsonde schlägt auf dem Merkur ein

1973 schickte die US-Raumfahrtbehörde NASA mit „Mariner 10“ erstmals eine Raumsonde Richtung Merkur. „Mariner 10“ lieferte 1974 erste Bilder von dem Planeten, der wie unser Mond mit Kratern übersät ist. Drei Mal flog die Sonde am Merkur vorbei, fotografiert wurden nur 45 Prozent der Oberfläche. Trotzdem verschwand der Merkur danach für die Raumfahrt lange Zeit vom Radar. Und so drehte er 30 Jahre lang unbeobachtet seine Runden um die Sonne, ehe die NASA im Jahr 2004 die Raumsonde „Messenger“ ins All schickte. Während mehrerer Flüge um Erde und Venus sammelte sie genug Schub für die Reise: Es dauerte sieben Jahre, bis die Sonde 2011 in die Umlaufbahn des Merkur eintrat. Seitdem kennen die Forscher 95 Prozent der Oberfläche. Vor gut einem Jahr, am 30. April 2015, beendete die „Messenger“ ihre Mission und schlug auf dem Merkur ein.

Hobby-Astronom Schmidt wird am Montag mindestens zwischen 13.12 und 20.40 Uhr mit den anderen Mitarbeitern auf dem Dach der Sternwarte stehen. In diesem Zeitraum ist der Merkur zu sehen. Sie werden dafür den großen 7-Zoll- Refraktor auf die Sonne richten, der bis zu 600-fach vergrößern kann. Mit einem Wasserstoff-Filter können die Astronomen auch Protuberanzen sichtbar machen. Dieses Fremdwort begeistert Astronomen – es handelt sich um Gasexplosionen der Sonne.

Tiefer Blick ins All: 25 Jahre Weltraumteleskop Hubble

Tiefer Blick ins All: 25 Jahre Weltraumteleskop "Hubble"

„Ein Oberschmankerl wäre, wenn der Merkur dann noch über einen Sonnenfleck krabbelt“, schwärmt Schmidt. Das gab es zuletzt im Mai 1973. „Aber die Wahrscheinlichkeit ist nuller als null“, sagt er. Wichtig ist aber vor allem das Maiwetter. Sonnenschein wäre optimal, aber ein paar kleine Quellwölkchen und Lücken wären auch okay, meint Schmidt. Im Moment sieht der Wetterbericht für Montag ja ganz gut aus.

Der nächste vollständige Merkurtransit findet erst wieder am 11. November 2032 statt. Und frühestens 2024 bekommt der Planet wieder Besuch, diesmal von der europäischen und japanischen Mission „BepiColombo“. Vielleicht ist es das letzte Mal, dass der Merkur intensive wissenschaftliche Aufmerksamkeit bekommt. Aber es gibt ja noch Hobby-Astronomen, die sich auf ihn freuen. Für sie ist der kommende Montag ein purer Glückstag.

Ebenfalls ein besonderes Himmelsereignis war 2015 die partielle Sonnenfinsternis, die auch in München zu sehen war.

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