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Der emeritierte Papst Benedikt XVI. (links) kanzelt den Biologen und Atheisten-Superstar Richard Dawkins ab. Dessen Buch "Das egoistische Gen" sei nichts als Science Fiction, betont Benedikt.

"Alles nur Science Fiction"

Papst Benedikt kanzelt Atheisten Dawkins ab

München - Papst Benedikt XVI. kontra Richard Dawkins: Der emeritierte Pontifex kritisiert in einem Brief den Bestseller des Atheisten als "Science Fiction". Ein Experte pflichtet dem Papst nun bei:

Papst und Religionskritik im Dialog: Einen aufsehenerregenden elfseitigen Brief hat der emeritierte Papst Benedikt XVI. dem italienischen Mathematiker und radikalen Atheisten Piergiorgio Odifreddi geschrieben. Die Zeitung „La Repubblica“ veröffentlichte Ausschnitte aus dem Schreiben. Odifreddi hatte im Jahr 2011 unter dem Titel "Caro Papa, ti scrivo" ("Lieber Papst, ich schreibe Dir") einen an Benedikt gerichteten "Brief" in Buchform veröffentlicht. Darin will Odifreddi einen unüberwindbaren Graben zwischen Naturwissenschaft und Religion aufzeigen. In seiner Antwort formuliert der zurückgetretene Papst eine umfassende Kritik an Odifreddis Thesen.

Quasi im Vorbeigehen bzw. Vorbeischreiben geht Benedikt auch mit dem englischen Evolutionsbiologen und radikalen Religionskritiker Richard Dawkins hart ins Gericht. Der zu einem Popstar des Atheismus avancierte frühere Oxford-Professor hatte in den letzten Jahren desöfteren gegen den Papst geschossen und diesen unter anderem als "Feind der Menschlichkeit", "Feind der Wissenschaft" sowie als "anzüglich grinsenden alten Schurken in einem Kleid" beschimpft. Bislang hatte der Papst die Attacken ignoriert. Jetzt kommt die mehr als deutliche Antwort:  Der ehemalige Theologie-Professor Ratzinger bezweifelt schlichtweg die wissenschaftliche Seriosität des Biologen Dawkins.

Dessen bekanntestes populärwissenschaftliches Werk "Das egoistische Gen" sei nichts als "Science Fiction", kritisiert der Papst in seinem Schreiben an Odifreddi.

Worum geht es bei Benedikts Kritik? In seinem 1976 erschienen Welt-Bestseller hatte Dawkins das aufsehenerregende Konzept der "Memetik" ins Leben gerufen. Seine gewagte These: Wie sich Gene als biologische Information per Fortpflanzung verbreiten, entstanden Meme als kulturelle Informationseinheiten, die sich über Nachahmung verbreiteten. Heißt konkret: Ideen, Meinungen oder Weltanschauungen springen als unsichtbare Meme von Kopf zu Kopf und verbreiten sich so in der Welt. Seine Mem-Theorie nutzt Dawkins seither auch als Vehikel für Religionskritik. So sind für ihn religiöse Überzeugungen "Viren", die von den "erkrankten" Menschen Besitz ergreifen. Mit seiner Theorie gelang Dawkins ein Mediencoup, der heute noch in unserer Alltagskultur spürbar ist. So werden sich schnell verbreitende Internet-Videos und -Bilder als Meme bezeichnet. Für den emeritierten Papst ist diese Theorie aber nichts als Unfug.

Rückendeckung bekommt Benedikt vom renommierten Evolutionsforscher und Religionswissenschaftler Michael Blume. Der Experte für Evolutionsbiologie der Religiosität (Buch: "Gott, Gene und Gehirn") betont: "Mit seiner Aussage, dass Richard Dawkins auch 'Science Fiction' vertritt, hat Papst Benedikt XVI. völlig Recht."So handle es sich bei Dawkins Memetik längst nicht mehr um eine haltbare, wissenschaftliche These. "Trotz zahlreicher Versuche konnte ein 'Mem' nie definiert und keine einzige empirisch haltbare Studie dazu veröffentlicht werden."

Fast 40 Jahre nachdem Dawkins seine Mem-Theorie erstmals verkündete, ist diese laut Blume reif für ihre Entsorgung. Eine eigene Fachzeitschrift, das "Journal of Memetics", musste mangels Substanz wieder eingestellt werden. Nach einer Konferenz zur Evolutionsforschung in Bristol 2010 widerrief auch die letzte, bedeutende "Memetikerin" Susan Blackmore diesen Ansatz und erklärte in der englischen Zeitung "The Guardian", warum entgegen Dawkins Theorie Religion kein Virus sein kann. "Nur Richard Dawkins selbst hat sich zum wissenschaftliche Scheitern seiner populärsten Geschichtensammlung noch nie geäußert", betont Blume.

Auch die Position des emeritierten Papstes zum kontroversen Thema Willensfreiheit wertet der Evolutionsforscher als wissenschaftlich durchaus haltbar. In seinem Brief hatte Benedikt neben der Dawkins-Schelte betont, dass die moderne Gehirnforschung einen freien Willen des Menschen nicht wegerklären könne. Materialistische Weltanschauungen hingegen halten sowohl Gott als auch das Konzept der Willensfreiheit für eine Illusion.  

"Auch hier ist dem Papst Recht zu geben", meint Blume. Aus der Neurobiologie alleine lässt sich weder die Existenz Gottes noch der Willensfreiheit klären." In diesem Zusammenhang korrigiert der Wissenschaftler auch gleich einen weitverbreiteten Fehlschluss: "Dass bestimmte Gehirnregionen beim Menschen feuern, wenn wir eine Entscheidung abwägen oder eine religiöse Erfahrung machen, bedeutet ja gerade nicht, dass wir es nur mit Hirngespinsten zu tun haben. Auch bei einem Kuss oder dem Genuss eines Apfelkuchens sind Gehirnregionen aktiv, ohne dass deswegen die Existenz von Liebespaaren oder Kuchen widerlegt wäre."

Die moderne Neurobiologie zeige vielmehr, dass auch Vorstellungen eines freien Willens und Gottes Ergebnisse unserer biologischen und kulturellen Evolution sind. Blume betont: "Es bleibt also logisch völlig möglich, dies wie Papst Benedikt XVI. auch als Hinweise auf ein höheres Ziel allen Lebens zu deuten."

Grundsätzlich begrüßt Blume den von Papst Benedikt stets vertretenen Dialog zwischen Religion und Naturwissenschaft. "Papst Benedikt XVI. hat völlig Recht damit, die Unterscheidung zwischen Wissenschaft und Religion zu wahren, aber zugleich zu betonen, dass sie sich auf einer höheren Ebene begegnen und befruchten können." 

Als positives Beispiel für diesen Dialog wertet Blume die Haltung der Kirche zur Evolutionstheorie, die bekanntlich für fundamentalistische Christen ein rotes Tuch ist. "Die katholische Kirche hat bereits vor Jahrzehnten die Evolutionstheorie anerkannt und dies hat ihr nicht geschadet, sondern Glaubwürdigkeit zurück gebracht."

Ob Richard Dawkins diesen Dialog auch aufnehmen will? Eine Antwort des Atheisten Gurus auf die Kritik des emeritierten Papstes steht bislang aus...

Michael Blumes Blog "Natur des Glaubens"

Übrigens: Zahlreiche Anworten von Philosophen, Naturwissenschaftlern und Theologen auf Dawkins Religionskritik finden sich im aktuell erschienen Buch "Der Dawkins-Diskurs in Theologie, Philosophie und Naturwissenschaften" von Katharina Peetz. 

fro 

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