Vor dem Tod selbst verfasst

"Ihr seid alle ausgeladen": Schonungslose Traueranzeige

Trier - Hubert Martini muss ein Original gewesen sein. Diesen Eindruck bekommt man, wenn man seine Traueranzeige liest. Die hat er nämlich selbst geschrieben - und schont darin weder sich selbst noch andere. 

"Der Herr hat ihn zu sich gerufen", "In tiefer Trauer verabschieden wir uns von...", "Es gibt einen neuen Engel" - Diese und andere Floskeln sind Standard, wenn man eine Traueranzeige schreibt. Dass die von Hubert Martini kein Standard ist, erkennt man bereits im ersten Satz. "Tschüs. Ich melde mich hiermit vom Leben ab", ist knochentrocken in der Annonce zu lesen, die beim "Trierischen Volksfreund" erschienen ist.

Anstatt es seiner Verwandschaft zu überlassen, seiner zu gedenken und in die übliche posthume Lobhudelei auszubrechen, hat der Mann aus Trier nämlich lieber selbst zum Stift gegriffen. Herausgekommen ist ein Dokument, das in seiner schockierenden Ehrlichkeit seinesgleichen sucht. 

Er habe ein "gutes Leben" gehabt, schreibt der Trierer, der am 24. Juni 65-jährig in seiner Heimatstadt das Zeitliche segnete, "das aber auch von vielen Krankheiten überschattet war. Die letzte war leider unbesiegbar." Der Verstorbene dankt seiner "wunderbaren Frau", mit der er einen "guten Sohn gezeugt" hat, auch seine zwei Enkelkinder findet er "toll." Dankbar ist Martini auch für seine Freunde, selbst wenn er weiß: "Viele sind das ja nicht."

Besondere Erwähnung findet sein türkischer Freund Mustafa. "Die Einblicke in seine Familienkultur waren nicht immer schmerzfrei für mich", bekennt er offen. "Aber er war ehrlich zu mir. Und Offenheit und Ehrlichkeit waren mir immer sehr wichtig. Manchem habe ich damit weh getan - und das war gut so", resümiert er ohne Reue.

Der "überzeugte Atheist" hat klare Vorstellungen, wie die Abschiedsfeier ablaufen soll: "Keine Trauerkleidung, keine Kreuze oder sonstige offene oder versteckte religiöse Symbole", betont Martini. Blumen sind erlaubt, allerdings "nur gelbe und orange Lilien ohne starken Geruch", bittet er sich aus.

Den größten Hammer hebt sich der Verstorbene, der sich selbst als "nachtragend'" bezeichnet, für den Schluss auf, als es um seine Geschwister geht. Offensichtlich hatte er zu denen nicht das beste Verhältnis, denn er schreibt: "Den anderen fünf Kindern meiner Eltern und deren Partnern und Nachkommen verbiete ich die Teilnahme an der Feier. Ihr seid alle ausgeladen!"

Das sagt ein Trauerforscher zu der Sterbeanzeige

„Ich weiß nicht, ob das Ehrlichkeit ist“, sagt dazu der Psychologe Jorgos Canacakis, Trauerexperte und Verfasser zahlreicher Bücher über das Trauern. „Es hat vermutlich mehr mit seiner Persönlichkeit zu tun. Er will gehört, gesehen und verstanden werden.“

Es sei nicht unüblich, dass Menschen am Ende eines Lebens „noch einmal Ordnung schaffen“ wollten, sagt der Trauerforscher. Meist geschehe dies aber in Form von Briefen. So wie M. in seiner Anzeige sei „schon besonders“. Sein Ziel sei vermutlich, Aufmerksamkeit zu erregen. „Er will nicht unglamourös sterben“, mutmaßt Canacakis über den Verblichenen.

Dass Menschen sich in ihren eigenen Traueranzeigen selbst an Hinterbliebene wenden, ist eher selten. „Wir hatten das in 16 Jahren vielleicht zwei Mal“, sagt Martina Schmidt vom Trierer Bestattungshaus Martin Loch. Die Texte seien nicht so umfassend gewesen: „Sie haben sich zum Beispiel bei Krankheit für den Beistand bedankt.“ Die Anzeige Martinis finde sie persönlich „nicht in Ordnung“: „Er wollte eine Abrechnung. Und die Angehörigen müssen jetzt damit leben.“

In einer Sammlung der Autoren Matthias Nöllke und Christian Sprang („Ich mach mich vom Acker“) finden sich vor allem weniger kontroverse Texte. „Ich bin tot“ oder „Ich bin umgezogen“ oder „Hiermit verabschiede ich mich...“ wird da formuliert. Oder etwas poetischer ein Schwimmmeister mit seinem täglichen Satz „Liebe Leute, Schluss für heute“.

hn/dpa

Rubriklistenbild: © Screenshot volksfreund.trauer.de

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