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Gegen den Strom war früher aufregend. Inzwischen ist es Mainstream.

Ein Essay

Die Suche nach Freiheit

Die Flüchtlingskrise politisiert die Gesellschaft auf eine einzigartige Weise. Das verändert unser Verständnis von Freiheit. Über eine Generation von Entdeckern.

Wir wollten weg. Einfach nur weg. Wir wollten mit dem VW-Bus losfahren und erst halten, wo es uns gefällt. Wir wollten in ein Flugzeug steigen, das uns zu unserem Sehnsuchtsort fliegt. Doch wir sehnten uns nicht nur nach fernen Ländern. Wir, die Mitglieder der Generation Internet, hatten mehr als Fernweh. Wir hatten Freiweh. Wir wollten frei sein von Verpflichtungen, von Arbeit, von der Notwendigkeit des Geldes. Wir wollten Anti-Alltag und sein wie der Aussteiger Christopher McCandless aus Into The Wild. „Mach dich auf in die Welt. In ein anderes Land, wo es dir gefällt. Bis zum Rand und übers Meer. Dich hält hier nichts mehr. Kein Gott, kein Staat, keine Arbeit, kein Geld“, singt die Band Jeans Team. Das war der Soundtrack unserer Unabhängigkeit. Freiheit bedeutete für uns das Nicht-Vorhandensein jedweder Einschränkung, die absolute Negativität. Unser Motto lautete: Je ungestörter, desto freier.

Und nun?

Das Internet ist der Ausgang aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit 2.0

Es ist etwas passiert, das dieses Verständnis der Freiheit durcheinander bringt. Die Flüchtlingskrise politisiert die Gesellschaft auf eine nie dagewesene Art und Weise. In Familien wird am Küchentisch diskutiert über europäische Solidarität. In Cafés und Kneipen redet man über Migration und Integration. Oft wird gestritten, oft wird es emotional. In München bilden 6000 Menschen eine lebendige Kette gegen Rassismus, und das trotz Regen. Muslime und Nicht-Muslime trauern gemeinsam um die Opfer des Amoklaufs von München. Es ist der größte gesellschaftliche Politisierungsprozess, seit im 18. Jahrhundert im Zuge von Zeitungen und Flugblättern eine politische Öffentlichkeit entstanden ist. Dieser Prozess verändert unser Freiheitsverständnis. Der Philosoph Isaiah Berlin (†1997) unterscheidet zwischen einer negativen und einer positiven Freiheit, also einer Freiheit von etwas und einer Freiheit zu etwas. Seit der Aufklärung hat man in Europa immer um die Freiheit von etwas gekämpft. Doch vor dem Hintergrund weltweiter Fluchtbewegungen und der Integration von Flüchtlingen entdecken wir gerade die positive Seite der Freiheit. Wir sind nicht nur frei von etwas, sondern auch zu etwas.

Wir, die Mitglieder Generation Internet, sind das Paradebeispiel einer, nach Isaiah Berlin verstandenen, negativen Freiheit. Wir definieren Freiheit wie Wikipedia – als die Möglichkeit, ohne Zwang zwischen unterschiedlichen Möglichkeiten zu entscheiden. Wer sich an einer Straßenkreuzung in einer fremden Großstadt fragt, ob er rechts oder links abbiegen soll, zückt das Smartphone. Google-Maps weist uns den Weg. Wir empfinden es zwar als unheimlich, wenn Amazon das Buch vorschlägt, das uns wirklich gefällt. Aber es macht uns auch nichts aus, dass Facebook, Google, Amazon, Spotify unsere geheimen Vorlieben und Wünsche oft besser kennen als die eigene Familie oder der Lebenspartner. Wir verschenken unsere privaten Daten und erhalten dafür die Chance, uns bequem online bewegen zu können. Das Internet hilft uns bei den meisten alltäglichen Entscheidungen. Es ist für uns der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit 2.0.

Karriere, Mainstream, Facebook-Freundschaft

Die Welt wird dadurch nicht übersichtlicher. Viele junge Menschen lechzen nach einem Sinn, nach einer Meta-Erzählung des Lebens. Laut einer aktuellen Jugend-Studie des Sinus-Instituts sehnt sich eine Mehrheit der deutschen 14- bis 17-Jährigen nach Halt und Orientierung in einer globalisierten Welt. Die Folge ist überraschend: Viele wollen so sein wie alle. Dementsprechend ist Mainstream für sie kein Schimpfwort, sondern zu einer sinnstiftenden Selbstbeschreibung geworden. Die Sinus-Forscher sprechen von einem „Neo-Konventionalismus“. Der Schul- und Studiumsabschluss wird kaum gefeiert, sondern abgehakt. Niemand möchte Zeit verlieren auf den Weg in die Arbeitswelt. Wer seine Ausbildung abbricht oder das Studienfach zu oft wechselt, wird als Versager abgestempelt. Die Jugend akzeptiert diese Leistungsnormen, weil zumindest sie wie Fixpunkte im Leben erscheinen. Die französischen Revolutionäre von 1789 schrieben sich auf die Fahnen: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Der Revolutionsspruch unserer Generation lautet: Karriere, Mainstream, Facebook-Freundschaft. Und was ist mit der Freiheit?

Alle 68er, die sich für die größten Freiheitskämpfer aller Zeiten halten, sollten die Generation Internet nicht unterschätzen. Während sie Freiheit stets als Autonomie verstanden haben, entdecken wir gerade eine andere Seite der Freiheit. Die Ursache sind die vielen Menschen, die wegen Krieg und Verfolgung nach Europa geflohen sind. Asyl-Helferkreise haben sich an unzähligen Orten gegründet. Menschen unterschiedlichen Alters engagieren sich in ihrer Freizeit für andere Menschen. Sie helfen bei der Jobsuche, bei Behördengängen, beim Arztbesuch. Auf Facebook teilen sie Kleinsuchanzeigen wie: „Wir suchen wieder einmal einen kleinen CD Player, damit Sprach-CDs zur Unterstützung des Deutschunterrichts angehört werden können.“ Sie tun das freiwillig und aus Überzeugung. Wer Flüchtlingen hilft, merkt plötzlich: Wir sind nicht nur frei von zum Beispiel politischer Unterdrückung oder Überwachung. Sondern wir sind auch frei, anderen helfen zu können, uns einzusetzen oder Position zu beziehen für etwas, von dem wir überzeugt sind. Am besten drückt diese neue positive Freiheit die Rapperin M.I.A. in ihrem Song „Borders“ aus. Darin thematisiert sie die Flüchtlingskrise. „Freedom, I-dom, Me-dom, where is your We-dom?“, fragt sie. Das Wir sind die Menschen, die sich für Flüchtlinge engagieren. Sie geben der Freiheit einen neuen Rhythmus.

Eine Reise ins Ungewisse

Das alles ist hoch politisch. Das Thema ist präsent in allen Altersschichten. Viele junge Menschen interessieren sich auf einmal für Flucht und Asyl. Laut den Sinus-Forschern befürwortet der überwiegende Teil der Gruppe der 14- bis 17-Jährigen die Aufnahme von Geflüchteten, unterstützt Zuwanderung, zeigt Toleranz und fordert mehr Engagement für eine gelungene Integration. Eine Mehrheit ist sich einig, dass gerade in der heutigen Zeit ein gemeinsamer Wertekanon von Freiheit, Aufklärung, Toleranz und sozialen Werten gelten muss. Der Wikipedia-Artikel zu positiver Freiheit könnte genau so beginnen.

Wir brechen freilich erst auf zu einer Reise ins Ungewisse. Doch gerade deshalb müssen wir uns mit Freiheit auseinandersetzen. Wir, die Volontäre von Münchner Merkur und tz, wollen damit anfangen und haben uns für diese Beilage auf die Suche gemacht. Wir haben uns von einer Kulturwissenschaftlerin erklären lassen, wie frei oder unfrei wir in unseren alltäglichen Entscheidungen tatsächlich sind. Wir haben auf einem Schiff am Tegernsee angeheuert. Wir sind hinter Gitter gegangen. Wir haben Luftakrobaten und Bergsteiger getroffen. Wir sind bei einem ehemaligen Crystal-Meth-Junkie auf dem Balkon gesessen. Wir haben mit einem schwulen Politiker über die Kirche gesprochen. Und und und … diese und viele andere Geschichten findet man in dieser Beilage. Es sind Texte über und Interviews mit Menschen, die einen besonderen Bezug zu Freiheit haben. Wir haben sie aufgeschrieben. Es ist Zeit, über Freiheit zu reden. Freiheit, das höchste Gut.

Der Autor hat seit Monaten einen Ohrwurm: "Freedom". Bei der Stelle "I'm looking for" grätscht stets Hasselhoff dazwischen.

Thomas Radlmaier, 28, Volontär beim Münchner Merkur Landkreis München

Freiweh: Eine Volontärs-Beilage

Dieser Artikel ist ein Teil der Beilage zum Thema Freiheit, die von Volontären des Münchner Merkur und der tz erstellt wurde. Sie haben sich mit der Sache auseinandergesetzt, die jeder will aber kaum einer hat und in unserer Zeit doch selbstverständlich sein sollte. Hier geht es zu einer Übersicht zu allen Artikeln der Beilage.

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