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Arbeiter heraus! Demonstriert gegen das Elend.“ Arbeiter nehmen an einer Maikundgebung in München 1948 teil. Nach dem Zweiten Weltkrieg gewann die Gewerkschaftsbewegung wieder an Schwung. Im Jahr 1949 gründeten die Metaller in Bayern ihre Gewerkschaft neu – unter dem Namen IG Metall.

Geschichte der Gewrkschaft

125 Jahre IG Metall: Wie 160 Fabrikarbeiter Bayern veränderten

München - Heute vor 125 Jahren legten über hundert Fabrikarbeiter in München den Grundstein für die spätere IG Metall Bayern. Ein bislang unveröffentlichter Spitzelbericht der Polizei belegt: Statt Revolution war die Gründung ein zähes Ringen.

Der Schlachtgesang dürfte noch außerhalb des Wirtshauses „Neue Welt“ zu hören gewesen sein: Am 18. Juli 1891, vor genau 125 Jahren, schmetterten 160 Spengler, Schlosser, Former und Feilenhauer in der Münchner Blumenstraße eine halbe Stunde vor Mitternacht die Arbeiter-Marseillaise. Ein wuchtiges Kampflied, die Melodie ist noch heute Teil der französischen Nationalhymne. Aber statt Vaterland, Ehre und Gloria zu besingen, schworen die Fabrikarbeiter, vereint zu sein im Kampf – „und sei’s durch Qual und Not; für Freiheit, Recht und Brot.“

Das klingt nach viel Pathos, aber ein bislang unveröffentlichter Spitzelbericht der Polizei belegt: Die Gründerversammlung der Münchner Filiale des „Deutschen Metallarbeiterverbandes“ (DMV) war teilweise mehr Rumgezicke als Revolution – vereint war man mehr im Kampf untereinander.

Seit 20.30 Uhr tagten die 160 Arbeiter jetzt schon, irgendwann verzettelte man sich in einer Debatte ums Geld: Die Münchner Schlosser, Spengler und Kupferschmiede waren zwar bereit, ihre Vereine aufzulösen und dem wenige Wochen zuvor in Frankfurt gegründeten DMV beizutreten – die Feilenhauer dagegen bangten um ihr Erspartes: 100 Mark schlummerten in ihrer Streikkasse, ein Vermögen, das sie nur ungern mit den Genossen teilen wollten – schon gar nicht wollten sie eine über Jahrzehnte bewährte Vereinstradition aufgeben.

Vom zerstrittenen Haufen Fabrikarbeiter zur organisierten Gewerkschaft

Wie ist es den 160 Arbeitern dennoch gelungen, eine schlagkräftige Gewerkschaft zu formen, die den späteren Freistaat noch 125 Jahre danach prägen sollte? Wie wurde aus einem teils zerstrittenen Haufen Fabrikarbeiter die spätere IG Metall Bayern?

Die Historiker Dirk Reder und Petra Recklies-Dahlman haben in ihrem Kölner Geschichtsbüro alte Schriftsätze neu sortiert, Chroniken gesichtet und den Spitzelbericht der Gründungsveranstaltung ausgewertet. Die überraschende Entdeckung: Der frisch gewählte Vorsitzende der Münchner DMV-Niederlassung, ein Spengler namens Josef Urban, war wohl alles andere als ein Scharfmacher. „Man dürfe der Polizei keinen Anlaß zum Einschreiten bieten“, ermahnte Urban die 160 Fabrikarbeiter. Dem neuen Gewerkschafts-Chef muss klar gewesen sein, dass die Beamten seinen Verband argwöhnisch beobachteten und jederzeit dagegen vorgehen konnten, sollte sich eine Gelegenheit bieten.

Akribisch protokollierte ein „Polizei-Bezirks-Kommissär“ namens Sauer den gesamten Verlauf der Sitzung. Historiker Reder vermutet sogar, dass DMV-Chef Urban von der Anwesenheit des Spitzels gewusst haben muss. Er schließt nicht aus, dass Sauer regelmäßig Gast auf Arbeiter-Versammlungen war. „Möglicherweise kannte man den Spitzel sogar und begrüßte ihn“, mutmaßt der Wissenschaftler.

Fest steht: Sauer nahm seinen Job als Spitzel ernst. Mehrere Stunden blieb er auf der Versammlung. Wäre er früher gegangen, hätte er verpasst, dass die Arbeiter am Ende „noch einige Strophen der Arbeiter-Marseillaise intonierten“, wie Sauer pflichtbewusst an seine Vorgesetzten in der königlichen Polizeidirektion meldete. In Sauers zehnseitigem Spitzelbericht geht fast unter, dass es den Arbeitern trotz der Streitigkeiten an jenem 18. Juli gelungen war, sich auf eine gemeinsame Linie zu einigen und in München einen schlagkräftigen DMV-Ableger zu gründen.

Die mächtigste Gewerkschaft Bayerns entsteht

Ab jetzt war es gemeinsames Ziel: Beschränkung der Arbeitszeit, Beseitigung der Überstunden, Abschaffung der Sonntags- und Mehrarbeit – 14-Stunden-Tage waren in den Fabriken bei Krauss, Maffei oder Rahtgeber keine Seltenheit. Großangelegte Streiks waren die effektivste Waffe, um die „Fabrik-Inspectoren“ das Fürchten zu lehren.

Auf der Gründerversammlung dürfte aber niemand geahnt haben, dass gerade eine Gewerkschaft entstanden war, die später als IG Metall eine der mächtigsten in Bayern werden sollte. Sogar die Firmen-Politik von Weltkonzernen wie BMW würde die Metaller-Vereinigung eines Tages mitbestimmen.

Von solchen Erfolgen ist Urbans Münchner DMV 1891 weit entfernt. Der beschworene „vereinte Kampf“ entpuppt sich als Hindernislauf: In den Jahren nach der Gründung wird sich der Verband mehrmals auflösen und wieder neu gründen. Obwohl Bismarck längst nicht mehr Kanzler im Reich ist und der Reichstag seine Sozialistengesetze gekippt hat, nutzen die Behörden in München ein Hintertürchen im bayerischen Vereinsrecht, um den Verband immer wieder zu verbieten. „Zwar waren die Sozialistengesetze ausgelaufen, aber der Geist dahinter und das Misstrauen lebten weiter“, sagt Historiker Reder. Noch ein Jahr nach der Münchner DMV-Gründung muss Verbands-Chef Urban der Kragen geplatzt sein, als er sagte: „In Preußen kann man Kritik üben, in Bayern aber nicht“ – ein Spitzel hatte den Satz notiert.

Staatliche Gängelung hin oder her, das Mitgliederwachstum ist enorm: Waren es im Gründungsjahr rund 300 Mitglieder, sind es zur Jahrhundertwende bereits 3000. Und 1907 sind 7000 Genossen beim Münchner DMV registriert – die Hälfte aller Metallarbeiter der Stadt. Mit Streiks gelingt es ihnen, Forderungen durchzusetzen und ihre Arbeitsplätze zu verbessern.

Enormes Wachstum trotz staatlicher Gängelung

Doch so groß die Erfolge sind, die Rückschläge sind noch heftiger: Streikverbot während des Ersten Weltkriegs, Wirtschaftskrise in der Weimarer Republik – und während der Nazi-Herrschaft werden die Gewerkschaften komplett zerschlagen: SA-Truppen besetzen das Münchner Gewerkschaftshaus, Funktionäre werden ins Konzentrationslager Dachau verschleppt.

Erst der Wirtschaftsaufschwung nach dem Zweiten Weltkrieg lässt die IG Metall in Bayern zu einer zweiten Macht in der Industrie werden. Jetzt garantiert das Grundgesetz den Status als Gewerkschaft, die Folge: Im Bayernstreik 1995 setzt die IG Metall die 35-Stunden-Woche durch, es folgen Tariferhöhungen.

Zumindest langfristig haben sich damit die Hoffnungen des ersten Münchner DMV-Vorsitzenden Urban bestätigt. Auf der Gründungsversammlung im Gasthaus „Neue Welt“ hatte er seinen Genossen zugerufen: Er habe schon viele Gründungen mitgemacht, von denen ein guter Teil mit großen Mitgliederzahlen begonnen habe – aber bald sei „die auflodernde Flamme wieder erloschen“. Er wünsche dem Metallarbeiterverband „Gedeihen, Blühen und Einigkeit mit der deutschen Arbeiterschaft“. Polizeispitzel Sauer schrieb Satz für Satz gewissenhaft mit – aufhalten konnte er die Bewegung damit nicht mehr.

Die IG Metall heute 

Warnstreik bei BMW: Im vergangenen Jahr überzog die IG Metall Bayern mit einer Serie von Warnstreiks, um ihre Forderungen in den Tarifverhandlungen durchzusetzen – unter anderem legten BMW-Mitarbeiter in München die Arbeit nieder.

Bundesweit ist die IG Metall mit knapp 2,3 Millionen Mitgliedern vor Verdi die größte Einzelgewerkschaft im Deutschen Gewerkschaftsbund. Neben dem Bundesvorstand in Frankfurt gibt es sieben Bezirksleitungen und 155 Verwaltungsstellen. In der IG Metall Bayern sind aktuell rund 374 000 Mitglieder organisiert. Bezirksvorsitzender in Bayern ist Jürgen Wechsler. Die IG Metall vertritt die Beschäftigten in der „klassischen“ Metall- und Elektroindustrie, aber auch in der Textil- und Bekleidungsindustrie; im Metall-, Elektro- und Schreinerhandwerk, in der Holz- und Kunststoffbranche genauso wie den Hightech-Branchen. Der größte Tarifbereich im Freistaat ist die bayerische Metall- und Elektroindustrie mit rund 800 000 Beschäftigten. Dort handelt die IG Metall Bayern in den unterschiedlichen Branchen regelmä- ßig 180 Flächentarifverträge aus. Die Textil- und Bekleidungsindustrie in Bayern beschäftigt etwa 45 000, die Holz- und Kunststoffbranche 100 000 und im gesamten Schreinerhandwerk rund 30 000 Menschen.

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