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Alibaba-Chef Jack Ma ist der reichste Chinese - und will jetzt an die Börse.

Prüfstein für Aktienmarkt

Alibabas hochfliegende Börsenpläne

Frankfurt/Main - Ein weiterer Mega-Börsengang sorgt in der Finanzwelt für Furore. Der chinesische Internet-Riese Alibaba hat die Preisspanne für seine geplanten Anteilsscheine bekanntgegeben.

An den Finanzmärkten dürfte es das „nächste große Ding“ werden und selbst Facebook in den Schatten stellen: der Börsengang des chinesischen Internetkonzerns Alibaba. Die Führungsriege um Unternehmensgründer Jack Ma will bei Investoren in einem ersten Schritt bis zu 21,1 Milliarden US-Dollar (16,3 Mrd Euro) einsammeln. Mit diesem märchenhaften Emissionserlös könnten die Chinesen selbst Facebook-Gründer Mark Zuckerberg übertrumpfen, der 2012 rund 16 Milliarden Dollar einnahm.

Ausgemachte Sache ist der Erfolg für Experten aber noch nicht, sie sehen Alibabas Weg an die Wall Street als Prüfstein für den von politischen Krisen gebeutelten Aktienmarkt insgesamt: „Der Börsengang ist auf jeden Fall ein Gradmesser für die derzeitige Marktstimmung“, sagt Händler Andreas Lipkow vom Vermögensverwalter Kliegel & Hafner.

Was die Hoffnungen der Anleger nach oben schnellen lässt, ist die Aussicht, an gleich zwei potenziellen Megatrends dieses Jahrzehnts teilhaben zu können: dem Aufstieg der kaufkräftigen chinesischen Mittelklasse und dem Siegeszug des Online-Handels.

Denn wenn die Chinesen Güter des täglichen Bedarfs oder Markenwaren über das Internet bestellen, nutzen sie zumeist Alibabas Auktionshaus Taobao oder dessen Online-Kaufhaus Tmall. Gemessen am Handelsvolumen haben Alibabas Plattformen inzwischen die hierzulande bekannten US-Firmen Ebay und Amazon weit hinter sich gelassen.

Analysten zufolge könnte deshalb die größte Gefahr für das Geschäftsmodell von Alibaba aus China selber erwachsen: So liefere sich Alibaba mit dem Suchmaschinenbetreiber Baidu und dem Internet-Unternehmen Tencent einen erbitterten Wettbewerb in allen Online-Marktsegmenten, gibt Experte Jost Wübbeke vom Mercator Institute for China Studies zu bedenken.

Die drei Unternehmen strebten den Aufbau kompletter digitaler Systeme an, die eine beträchtliche Bandbreite von Dienstleistungen aus einer Hand anbieten. Alibabas internationaler Börsengang werde diese Konkurrenz weiter intensivieren.

Laut Wübbeke versuchen die drei großen Spieler derzeit ihre Felder gegeneinander abzustecken und in neue Geschäftssparten vorzustoßen. Alibaba ist bereits frühzeitig aktiv geworden: Die Chinesen kauften einen Internetbrowser sowie einen Anbieter von Kleinstkrediten. Sie sind an einem Kurzmitteilungsdienst, einem Postdienstleister und sogar an einem Fußballklub beteiligt.

Doch das rasante Expansionstempo kann bei den umworbenen Anlegern die Frage aufwerfen, ob Alibaba den Überblick zu verlieren droht. So gab es bereits Unregelmäßigkeiten bei der Rechnungslegung der Filmproduktionstochter Alibaba Pictures.

Analyst Carlos Kirjner von Bernstein Research pocht deshalb darauf, dass Alibaba während der wohl Anfang September startenden Werbetour bei potenziellen Investoren detailliert darlegt, wie sich das Unternehmen eigentlich selber definiert und wo es welche Geldquellen mit den Erlösen aus dem Börsengang erschließen will.

Kirjner selbst glaubt, dass Alibabas Ambitionen weit über den elektronischen Handel hinausgehen und bis zum breit angelegten Einstieg in das Werbe- oder Mediengeschäft reichen können. Laut Wübbeke tobt derzeit ein besonders heftiger Kampf um Apps, die Online- und Offline-Aktivitäten miteinander verbinden. Dabei gehe es um die Bestellung von Taxis per Smartphone oder die Restaurantsuche.

Bei Alibaba steht diesen langfristigen Trends die Gefahr gegenüber, dass der Gang an die New Yorker Börse zunächst holprig verlaufen könnte. Denn laut Händler Markus Huber vom Broker Peregrine & Black fürchten viele Anleger, dass wieder einmal nur die Banken, die den Börsengang begleiten, zu den wirklichen Gewinnern zählen könnten.

Deshalb werde der Ausgabepreis über den kurzfristigen Erfolg des Börsengangs entscheiden. Sollte der Preis zu hoch ausfallen, wäre es nicht überraschend, wenn Anleger schnell Kasse machten und die übrig gebliebenen Aktionäre in den ersten Wochen nach dem IPO einen ähnlichen Kurssturz wie bei Facebook verkraften müssten.

Auch Händler Andreas Lipkow ist erst einmal skeptisch: „Alibaba ist derzeit kein Schnäppchen“. Doch für weitsichtige Investoren mit Nerven böten die Aktien der Chinesen auf jeden Fall Chancen.

Alibaba-Chef Jack Ma ist der reichste Chinese

Jack Ma ist der „geistige Vater“ von Alibaba. Er gilt als Visionär, der jede Gelegenheit ergreift. Seine Verkaufskünste sind legendär. Schon vor dem Börsengang des Internetriesen in New York ist der 49-Jährige mit einem Vermögen von 21,8 Milliarden US-Dollar der reichste Chinese. Er genießt Kultstatus.

Bei den jährlichen „Alifest“ genannten Mitarbeiterversammlungen, zu denen schon der frühere US-Präsident Bill Clinton oder US-Basketballstar Kobe Bryant eingeladen wurden, wird Ma wie ein Rockstar gefeiert. Auch gibt der Alibaba-Chef jungverheirateten Mitarbeitern persönlich seinen Segen.

Seine exzentrischen Auftritte und seine Fähigkeiten hätten eine fast religiöse Atmosphäre unter den Mitarbeitern geschaffen, finden Zeitungskommentatoren. Gepriesen werden auch seine Überredungskünste. Er könne etwas verkaufen, das noch gar nicht existiere, heißt es. Seine Geschäftsentscheidungen fällt Ma intuitiv. Zuletzt sieg er bei Chinas Fußballmeister Evergrande in Guangzhou ein. Doch fand die Erfolgssträhne des Titelverteidigers der asiatischen Champions League kurz darauf ein abruptes Ende.

Mas Lebensweg begann holprig. Zweimal fiel er bei der Aufnahmeprüfung durch, bevor er 1988 an der Pädagogischen Hochschule angenommen wurde, wie chinesische Medien berichten. Es fiel ihm schwer, einen Job zu finden. Auch die Fast-Food-Kette Kentucky Fried Chicken (KFC) wollte ihn nicht als Manager anheuern. Obwohl ihm sowohl technische als auch geschäftliche Vorkenntnisse fehlten, gründete der Englischlehrer 1999 sein Unternehmen in einer kleinen Wohnung in der ostchinesischen Stadt Hangzhou, die bis heute Firmensitz ist.

„Alle unsere Wettbewerber sind im Silicon Valley, nicht in China“, sagte Ma in einer Filmdokumentation und ermunterte seine Mitarbeiter, sich nicht unterkriegen zu lassen: „Wir haben genauso viel im Kopf wie die.“ Er hat den Beweis angetreten: Alibaba ist heute die größte Handelsplattform der Welt, größer als Amazon und eBay zusammen.

Dass er den großen Konkurrenten eBay in China abgewehrt hat, brachte ihm viel Ruhm. „eBay mag ein Hai im Ozean sein, aber ich bin das Krokodil im Jangtse-Strom. Wenn wir im Ozean zum Kampf antreten, werden wir verlieren - aber wenn wir im Fluss kämpfen, werden wir gewinnen“, sagte Ma 2005.

Neun Jahre später verlässt das Krokodil die heimischen Gewässer, überquert den Pazifik und lauert jetzt an der Wall Street, wo die Investoren es kaum abwarten können. Auch wenn er nun Banker und Fondsmananager umwirbt, hat er nie einen Hehl aus seinen Prioritäten gemacht: „Erstens die Kunden, zweitens die Mitarbeiter und drittens die Investoren.“ So geht Alibaba zwar an die Börse, aber Jack Ma behält über ein 27-köpfiges Gremium mit Vertrauten die Kontrolle.

Seinen persönlichen Reichtum lässt der Milliardär jetzt auch in eine Stiftung fließen und tritt damit in die Fußstapfen anderer Wohltäter wie Bill Gates, Warren Buffett oder Michael Bloomberg. Von seinen 8,8 Prozent Anteilen an Alibaba hat er 1,5 Prozent in die SymAsia-Stiftung gesteckt. Der Fonds könnte nach dem Börsengang mit dem Beitrag des Alibaba-Mitbegründers Joseph Tsai über Kapital von rund drei Milliarden Dollar verfügen.

Für China, wo karitative Organisationen noch kleine Spielräume haben, schlägt Ma damit ein neues Kapitel auf. Der Vater zweier Kinder ist beunruhigt über zunehmende Krebserkrankungen in seiner Familie oder unter Mitarbeitern. Die wachsende Umweltverschmutzung in China sieht er als eine Ursache. „Wir hoffen, in einer Welt mit blauerem Himmel, saubererem Wasser und besserem Zugang zu medizinischer Versorgung zu leben“, sagt Ma. Er wolle mit seiner Stiftung einen Beitrag leisten und sich um Umwelt, Gesundheit und Bildung kümmern. „Sorgen und Klagen können die gegenwärtige Situation nicht ändern.“

dpa

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