Börse

Franken-Trubel: Deutscher Aktienmarkt beruhigt sich

Frankfurt/Main - Am Donnerstag hatten Börsianer starke Nerven beweisen müssen, als die Märkte nach der Entscheidung der Schweizerischen Nationalbank verrückt spielten. Am Freitag war Ruhe angesagt.

Nach den Turbulenzen um den Franken hat der deutsche Aktienmarkt zum Wochenschluss eine Verschnaufpause eingelegt. Am Freitagnachmittag lag der Dax 0,02 Prozent tiefer bei 10 030,42 Punkten, nachdem er am Vortag extrem geschwankt war und letztlich 2,20 Prozent gewonnen hatte. Auslöser war die Entkoppelung des Franken zum Euro durch die Schweizerische Nationalbank (SNB) - der unerwartete Schritt hatte den Franken massiv aufgewertet und den Euro umgekehrt unter Druck gesetzt.

Der MDax der mittelgroßen Konzerne gewann am Freitag 0,09 Prozent auf 17 586,50 Zähler. Der Technologiewerte-Index TecDax fiel um 0,31 Prozent auf 1432,14 Punkte. Der EuroStoxx 50 als Leitindex der Eurozone gewann 0,15 Prozent ein.

Ungeachtet der hohen Volatilität und Nervosität im Markt behaupte sich der Dax ganz ordentlich, sagte Analyst Andreas Paciorek von CMC Markets. Der Markt interpretiere das Vorgehen der SNB als klares Indiz für die Einführung eines Anleihenkaufprogramms der Europäischen Zentralbank (EZB) in der kommenden Woche. Dies sowie die freundlicheren Aussichten für die deutsche Exportwirtschaft wegen des schwachen Euro steigere die Zuversicht am deutschen Aktienmarkt. Die Geldflut der Notenbanken treibt seit Jahren die Börsen.

Neben der Entwicklung an den Devisenmärkten richteten sich die Blicke der Anleger am Freitag auch auf neue US-Inflationsdaten, die das zwischenzeitlich merkliche Dax-Minus verringerten. So sind die Verbraucherpreise im Dezember auf den tiefsten Stand seit Oktober 2009 gefallen. Mit 0,8 Prozent lag die Jahresrate 0,5 Prozentpunkte tiefer als im November. Bankvolkswirte hatten allerdings eine noch niedrigere Rate von 0,7 Prozent erwartet.

Auf Wochensicht zeichnet sich damit eine positive Bilanz im Dax ab. Sollte der Leitindex auf dem aktuellen Stand schließen, läge der Wochengewinn bei rund 3,60 Prozent.

Unter den Einzelwerten standen RWE-Aktien im Fokus. Sie reagierten am Freitag mit einem Kurssprung von zuletzt 5,64 Prozent auf die Einigung über den Verkauf der Öl- und Gasfördertochter Dea. Börsianer hatten befürchtet, dass das Geschäft wegen des Ölpreisverfalls und der Russland-Krise platzen könnte.

Die Aktien der Tui AG mussten wegen des verschobenen Börsengangs der Beteiligung Hapaq Lloyd Federn lassen. Zuletzt fielen die Papiere um 1,19 Prozent. Die Container-Reederei fasst ihren eigentlich für 2015 anvisierten Börsengang nach anhaltenden Verlusten nun für das kommende Jahr ins Auge. Das könnte einem Händler zufolge einige Investoren enttäuscht haben.

Zu den attraktivsten Dax-Werten gehörten Autoaktien, die von ermutigenden Kfz-Absatzzahlen profitierten. So gewannen die Papiere von BMW, VW und Daimler zwischen 0,3 und 0,9 Prozent.

Am Rentenmarkt sank die Umlaufrendite börsennotierter Bundesanleihen von 0,38 auf 0,35 Prozent. Der Rentenindex Rex gewann 0,14 Prozent auf 140,27 Punkte. Der Bund Future lag unverändert bei 157,66 Punkten. Der Kurs des Euro fiel: Die Europäische Zentralbank (EZB) setzte den Referenzkurs auf 1,1588 (Donnerstag: 1,1708) Dollar fest. Der Dollar kostete damit 0,8630 (0,8541) Euro. Franken und Euro lagen etwa gleichauf.

Hintergrund: Was hat die Schweizer Nationalbank gemacht?

Um die eigene Währung schwächer zu machen, hat die Schweizer Notenbank (Schweizerische Nationalbank, SNB) seit 2011 an den Devisenmärkten immer wieder Euro gekauft, damit der Euro mindestens 1,20 Franken kostet. Immer wenn für einen Euro weniger gezahlt werden musste - der Franken also stärker war - griff die Notenbank ein. Diese Politik gibt sie jetzt auf. Prompt schoss der Franken in Höhe.

Die Notenbank entschied am Donnerstag aber noch etwas anderes: Die Währungshüter erhöhten den „Strafzins“ für Guthaben auf Girokonten bei der Nationalbank. Wird ein bestimmter Freibetrag überstiegen, werden statt bisher 0,25 Prozent jetzt 0,75 Prozent fällig. Zugleich hält sich die Notenbank den Ankauf ausländischer Währungen offen.

Warum ist ein starker Franken ein Problem für die Wirtschaft?

Für die Exportwirtschaft des Alpenlandes ist die starke Währung eine enorme Belastung. Verbrauchern ist die Schweiz vor allem durch Käse, Schokolade und Uhren bekannt - viel wichtiger sind aber Exportgüter wie Pharmaprodukte und Maschinen. Ein starker Franken verteuert die Ausfuhr der Waren und nagt so an der Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen.

Die Euro-Länder sind die wichtigsten Handelspartner der Schweiz. Im Jahr 2013 gingen nach Angaben des Bundesamtes für Statistik 39,3 Prozent der Schweizer Exporte nach Deutschland, auf Rang zwei folgten die USA und dann die Euro-Länder Frankreich und Italien. Auch die Tourismus-Branche bekommt die Stärke des Frankens zu spüren, weil Urlaub in dem Alpenland teurer wird. In den letzten Jahren sei die Zahl der Übernachtungen von Gästen aus Europa stetig gesunken, erklärten die Statistiker. Für die Touristen werde die bereits teure Schweiz jetzt noch teurer, warnte der Schweizer Tourismus-Verband (STV).

Gibt es weitere Gründe für die Entscheidung?

Ja, zum Beispiel die Geldpolitik der Europäischen Zentralbank: Die Europäische Zentralbank dürfte am 22. Januar entscheiden, mit Anleihekäufen weitere Milliarden in den Markt zu pumpen. Das könnte den Euro schwächen. Die SNB müsste noch mehr Euro kaufen, um den Franken schwach zu halten. Die Zentralbank habe erkennen müssen, wie schwer es ist, eine solche Marke zu halten. Nun habe sie das Ende mit Schrecken statt des Schreckens ohne Ende gewählt, sagte der Währungsexperte Dirk Aufderheide von der Deutschen Bank.

Warum ist der Franken so stark?

Neben Gold gilt der Franken vielen Anlegern als „sicherer Hafen“ in unsicherer Zeit. Vor allem darum kaufen Anleger die Schweizer Währung.

Wer profitiert von der Entscheidung?

Durch die Freigabe des Schweizer Franken zum Euro rechnen Einzelhändler in Baden-Württemberg besonders in Grenznähe mit wachsendem Shoppingtourismus. Einkaufen in Deutschland werde für Schweizer nun noch günstiger, sagte Olaf Kather, Hauptgeschäftsführer des Einzelhandelsverbandes Südbaden. Davon dürften die Händler in Deutschland, aber auch in anderen angrenzenden Euroländern, profitieren.

dpa

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