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Der Weg zur Arbeitsagentur wird voraussichtrlch bald wieder für mehr Menschen nötig werden.

Arbeitsmarkt geht schweren Zeiten entgegen

Nürnberg - Dem Arbeitsmarkt in Deutschland stehen schwere Zeiten bevor: Schon bald könnte die Zahl der Arbeitslosen wieder über fünf Míllionen liegen, warnte jetzt der Chef der Arbeitsagentur, Frank-Jürgen Weise.

Vielleicht noch in diesem, spätestens aber im nächsten Jahr werden in Deutschland mehr als vier Millionen Menschen ohne Arbeit sein, wie der Chef der Bundesagentur für Arbeit ( BA ), Frank- Jürgen Weise , am Dienstag in Nürnberg sagte. “Das ist schon erkennbar, das ist unabänderbar.“  Ende 2010, Anfang 2011 könne gar monatsweise die Fünf-Millionen-Marke überschritten werden, wenn ungünstige Effekte wie schlechtes Wetter und ausbleibende Aufträge für die Industrie aufeinanderträfen.

Im Juni war die Zahl der Arbeitslosen noch einmal um 48 000 auf 3 410 000 gesunken. Die Quote nahm um 0,1 Punkte auf 8,1 Prozent ab. Zwar waren im Juni weniger Menschen auf Arbeitssuche als im Mai , doch fiel der Rückgang vergleichsweise schwach aus. “Die Rezession der deutschen Wirtschaft hat die Frühjahrsbelebung überlagert“, erläuterte Weise. In den vergangenen drei Boomjahren war die Arbeitslosenzahl zu Sommerbeginn durchschnittlich um knapp 130 000 gesunken.

Bereinigt um Sonderfaktoren stieg sie in diesem Juni um 31 000 auf 3,495 Millionen an. Allerdings wirkt sich hierbei auch eine Änderung der Zählweise aus: Seit Mai werden Arbeitslose, die von privaten Vermittlern betreut werden, in der BA -Statistik nicht mehr erfasst. Ohne diesen Effekt wäre die Zahl sogar um rund 50 000 angestiegen.

Im Vergleich zum Vorjahr waren absolut gesehen 250 000 Menschen mehr auf Arbeitssuche - auch dieser Anstieg wäre laut BA ohne die Statistik-Änderung “um mehrere Zehntausend größer“ ausgefallen.

Einen deutlich höheren Zuwachs an Arbeitslosen hätte die BA allerdings ohne die Stütze der Kurzarbeit zu verzeichnen. “Wir gehen davon aus, dass sich zwischen 1,3 und 1,4 Millionen Menschen tatsächlich in Kurzarbeit befinden“, sagte BA -Vorstand Raimund Becker.

Im Juni hätten Schätzungen zufolge etwa 12 000 Betriebe für bis zu 220 000 Beschäftigte Kurzarbeit neu angezeigt. “Wir haben Hunderttausende Arbeitsplätze durch die Kurzarbeit gerettet“, ergänzte Bundesarbeitsminister Olaf Scholz ( SPD ) in Berlin . “Wir haben in Deutschland etwas geschafft, das in dieser Krise weltweit beinahe einzigartig ist: Bei uns folgt der Arbeitsmarkt nicht ungebrochen der schlechten wirtschaftlichen Entwicklung.“

Auch CDU-Generalsekretär Ronald Pofalla erklärte: “Die Sicherungsnetze haben gehalten.“ Als “Potemkinsche Zahlen“ bezeichnete hingegen der stellvertretende FDP -Vorsitzende Rainer Brüderle die neuen Daten aus Nürnberg : “Diese Papp-Kulisse wird beim ersten Herbstwind in sich zusammenfallen. Diese Zahlen geben den Ernst der Lage noch nicht wieder.“ Die Grünen prangerten die immer weitere Öffnung der inzwischen auf 24 Monate verlängerten Kurzarbeit und damit einhergehenden Missbrauch an.

Der Deutsche Gewerkschaftsbund forderte einen “politischen Damm gegen die Deflationsgefahr“ aus Mindestlöhnen und gleichem Lohn für gleiche Arbeit. “Wir müssen verhindern, dass Betriebe nun versuchen, mit Lohnkürzungen die Krise zu managen, denn das hätte fatale Folgen“, teilte Vorstandsmitglied Claus Matecki mit.

Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt betrachtet besonders die mangelnde Liquidität der Firmen als Problem und forderte Politik und Kreditwirtschaft auf, “alle Anstrengungen zu unternehmen, die Finanzierung gesunder Unternehmen in den kommenden Monaten sicherzustellen“. Schon jetzt weisen einige Indikatoren auf eine Verschlechterung der Lage hin. So nahm die Zahl der ungeförderten offenen Stellen ab und liegt knapp ein Drittel unter dem Vorjahreswert.

Die Zahl der Erwerbstätigen - das statistische Spiegelbild der Arbeitslosen - lag im Mai mit 40,10 Millionen um 163 000 unter dem Niveau des Vorjahrs. Dagegen war die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten nach den neusten Daten vom April noch binnen eines Jahres um 70 000 auf 27,40 Millionen gestiegen. Allerdings ist auch hier der Vorjahresabstand deutlich kleiner geworden.

Eine weitere Kennziffer ist ebenfalls gestiegen: Die Unterbeschäftigung - die de facto alle Jobsuchenden umfasst und neben den Arbeitslosen auch Ein-Euro-Jobber und andere Teilnehmer von arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen beinhaltet - hat seit vergangenem Juni um 5,4 Prozent zugelegt. Dabei wurden die Kurzarbeiter, die wegen der Krise durchschnittlich etwa ein Drittel weniger arbeiten als üblich, noch nicht berücksichtigt. Allerdings leiden nicht alle Branchen so wie etwa Autobauer und -zulieferer: Die Gastronomie, das Bildungs-, Gesundheits- und Sozialwesen wachse weiter, betonte Weise.

dpa

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