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Über 7000 Zeitarbeiter sollen Anfang Juni 2014 bereits länger als zwei Jahre beim Autobauer beschäftigt gewesen sein.

Insider berichten

BMW beschäftigt tausende Leiharbeiter über Jahre

München - Eigentlich soll Zeitarbeit dazu dienen, Auftragsspitzen abzufangen. Nicht so bei BMW: Der Autobauer beschäftigt Tausende bereits seit Jahren. Zwei Leiharbeiter äußern sich nun exklusiv im  "Münchner Merkur".

Als Deniz A.* vor Jahrzehnten aus der Türkei nach Deutschland kam, hatte er viele Träume. Familie und irgendwann die eigenen vier Wände – und tatsächlich schaffte er es nach vielen Jahren eine gut bezahlte Stelle in der Industrie zu ergattern. Doch dann kam Kanzler Schröder, kamen die Hartz-Reformen und – so sieht es Deniz A. – sein Abstieg. Als sein Arbeitgeber pleiteging, heuerte er vor mehr als zehn Jahren bei einer Zeitarbeitsfirma an. Er hatte Glück im Unglück, seine Firma schickte ihn irgendwann zu BMW. Bayerische Motoren Werke – nicht nur in seiner alten Heimat sind diese drei Worte noch immer Synonym für deutsche Wertarbeit und gute Arbeitsbedingungen.

Weit mehr als ein halbes Jahrzehnt arbeitet er nun schon bei dem Autobauer in einem großen bayerischen Werk – nur als die Finanzkrise Ende der Nuller-Jahre die Absätze der Fahrzeughersteller massiv drückte, lieh sein Arbeitgeber ihn bis 2010 an andere Firmen aus. Seine Freude war Anfangs groß. „Die Bezahlung ist in Ordnung“, sagt der Mann, der die 40 schon deutlich überschritten hat. Die harte Schichtarbeit in der Produktion ist seinem kantigen Gesicht anzusehen. Es weht ein eisiger Wind an diesem Tag. Ein kurzer Kaffee am Kiosk, dann geht es in die Fabrik. Beschäftigter auf Abruf zu sein, macht sich auch in seinem Alltag bemerkbar. „Wer gibt schon einem Leiharbeiter einen Kredit, etwa für den Kauf einer Wohnung.“ Das größte Problem sei jedoch die Unsicherheit: „Du weißt, dass es jederzeit vorbei sein kann und gibst deshalb immer mehr als die Kollegen.“

Auch der polnische Leiharbeiter Mirsolav P.*, der seit Jahren am Band im Münchner Werk arbeitet, sagt, viele Leiharbeiter würden in der Hoffnung, irgendwann übernommen zu werden, „doppelt so hart“ arbeiten. Deshalb und weil er in der Summe weniger verdiene als das Stammpersonal, fühle er sich als „Mitarbeiter zweiter Klasse“.

Nicht nur die beiden müssen sich jeden Tag aufs Neue beweisen. Laut einer internen Aufstellung, die unserer Zeitung vorliegt, arbeiteten Anfang Juni 2014 mehr als 18.200 Leiharbeiter bei BMW in Deutschland. Ihnen standen nach offiziellen BMW-Angaben fast 80.000 fest angestellte Kollegen gegenüber – den Zahlen nach war damals fast jeder fünfte Beschäftigte ein Leiharbeiter.

BMW hält den Umfang seiner Zeitkräfte seit jeher unter Verschluss. Die Statistik gewährt nun erstmals einen genaueren Einblick. Demnach werden Leiharbeiter beim Premium-Hersteller offenbar nicht nur für das Überbrücken kurzfristiger Auftragsspitzen eingesetzt: 7350 der Zeitarbeiter sollen Anfang Juni 2014 bereits länger als zwei Jahre beim Autobauer beschäftigt gewesen sein. Damit waren den Zahlen zufolge vier von zehn Zeitarbeitern länger als zwei Jahre bei BMW. Über 3500 Mitarbeiter waren demnach sogar über drei Jahre als Zeitarbeitskräfte dabei und mehr als 900 von ihnen hatten schon vier Jahre oder länger für BMW gearbeitet – einige Dutzend von ihnen sogar mindestens sieben Jahre am Stück. Hochrangige Arbeitnehmervertreter bestätigten die in der Statistik genannte damalige Größenordnung.

Wie hoch der Bedarf an flexiblen Arbeitern beim Premiumhersteller zumindest in jüngster Vergangenheit mitunter war, zeigt ein ebenfalls unserer Zeitung vorliegendes internes Dokument: Aus der „Anforderung Zeitarbeitskräfte“ geht hervor, dass im August 2014 im Bereich TM-4 des Münchner Werks vier von zehn der damals fast 3500 dortigen Beschäftigen Leiharbeiter waren – in einer Unterabteilung sogar gut zwei Drittel. Allerdings ist der Anteil der Leiharbeiter in den Sommerferien immer deutlich höher.

BMW-Sprecher Jochen Frey teilt auf Anfrage mit, die Zahlen von Mitte 2014 seien „nicht mehr aktuell“. Die Anzahl der Zeitarbeitskräfte sei „seither weiter gesunken“. Aktuelle Zahlen nannte Frey auf Nachfrage nicht: Die Gesamtzahl der eingesetzten Zeitarbeitskräfte verändere sich „kontinuierlich“.

Bei BMW spielt Leiharbeit im Vergleich zu anderen Autobauern traditionell eine besonders große Rolle. Bei Daimler etwa darf laut Betriebsvereinbarung der Anteil der Leiharbeiter schon seit Längerem eine Quote von acht Prozent nicht überschreiten. Konkurrent Audi hatte nach eigenen Angaben an seinen beiden deutschen Standorten im vergangenen Frühjahr weniger als fünf Prozent der Belegschaft als Zeitarbeiter beschäftigt.

„Andere Automobilhersteller haben allerdings deutlich mehr Produktionsteile fremdvergeben und bei den Zulieferern verdienen die Leiharbeiter natürlich in der Regel nicht so gut wie bei uns“, sagt ein Mitglied des BMW-Gesamtbetriebsrats. Auf Drängen der Arbeitnehmervertreter hatten die Münchner 2012 immerhin eingewilligt, die Quote 2015 im Jahresdurchschnitt auf acht beziehungsweise, falls wirtschaftlich notwendig, zwölf Prozent zu senken. „Diese Vereinbarung gilt und wir arbeiten darauf hin, dieses Ziel zu erreichen“, sagt BMW-Sprecher Frey.

Doch aus Sicht vieler Arbeitnehmervertreter drückt der Autobauer dabei bislang nicht genug aufs Gas. 2013 hatte BMW nach eigenen Angaben 1300 Zeitkräfte fest übernommen. In Regensburg, samt dem dazugehörigen Wackersdorfer Ableger, sind im vergangenen Jahr laut örtlichen Betriebsräten nur rund 120 Leiharbeiter fest übernommen worden – der Großteil davon im letzten Quartal. Für Februar seien weitere 40 Übernahmen geplant. Arbeitnehmervertreter kritisieren, dass bei den Neueinstellungen in der Donaustadt bis Herbst 2014 oft keine Leiharbeiter, sondern vor allem Externe zum Zuge gekommen seien. Am oberpfälzer Standort arbeiteten Arbeitnehmervertretern zufolge Ende 2014 neben etwa 9000 Festangestellten noch immer gut 2500 Zeitkräfte. Etwa 1200 von ihnen waren den Angaben zufolge mindestens zwei Jahre von Fremdfirmen entliehen – viele von ihnen seien drei oder vier Jahre dabei, manche auch deutlich länger.

Im größten Werk des Autobauers in Dingolfing kommen Arbeitnehmervertretern zufolge derzeit auf mehr als 18.000 Festangestellte über 4000 Leiharbeiter – viele seien bereits seit Jahren beim Konzern. Knapp 300 Zeitkräfte sollen demnach 2014 übernommen worden sein.

„Das Problem ist, dass die Leute lange hingehalten werden“, kritisiert ein Betriebsrat. Dabei sei die Chance auf eine Übernahme gering. Für BMW gehe es um „viel Geld“. Denn Leiharbeiter verdienen zwar das gleiche Grundgehalt wie die Stammkräfte, bei der üppigen Gewinnbeteiligung bleiben sie jedoch außen vor. Ob sie Urlaubs- oder Weihnachtsgeld bekommen, hängt vom guten Willen der Verleihfirma ab.

Auch in München gibt es laut Betriebsräten noch immer tausende Zeitkräfte, darunter auch viele, die länger als zwei Jahre bei BMW arbeiten. Die Gesamtzahl der Leiharbeiter soll zumindest im Stammwerk in den vergangenen Monaten aber deutlich gesunken sein. Bereits im Oktober hatte BMW gegenüber unserer Zeitung mitgeteilt, dort auf das Gesamtjahr 2014 gerechnet 500 Mitarbeiter zusätzlich fest einzustellen. Davon profitierten fasst ausschließlich bisherige Zeitkräfte. Auch in diesem Jahr gab es bereits Übernahmen. Betriebsräten zufolge sank die Zahl der Leiharbeiter im Stammwerk jüngst aber nicht zuletzt auch deshalb, weil schlicht viele Leiharbeiterstellen abgebaut wurden. So sollen laut Arbeitnehmervertretern alleine im Bereich Technische Montage seit September viele hundert Zeitkräfte ihre Jobs verloren haben.

Ursächlich für den Stellenabbau im Münchner Werk sind der IG Metall zufolge „Rückgänge bei der Produktion des 3ers am Standort München“. Für den örtlichen Gewerkschaftsboss Horst Lischka ist klar: „Wenn der Personalbedarf sinkt, trifft es zuerst die Leiharbeiter.“ BMW habe in der Vergangenheit zu wenige von ihnen festangestellt. Er lobte zwar die 2014 erfolgten Übernahmen. Um die vereinbarte Absenkung der Leiharbeitsquote zu erreichen, müsse BMW „seine Anstrengungen in diesem Jahr aber noch verstärken“. Ein hochrangiger Betriebsrat eines bayerischen Werks geht sogar noch weiter: „Die vereinbarten Übernahmen reichen bei Weitem nicht aus, um zumindest die zwölf Prozent zu erreichen.“ Gesamtbetriebsrats-Boss Manfred Schoch sagt dagegen: „Nach aktuellen Hochrechnungen wird BMW die Zielwerte erreichen“ – trotz des aufgrund sehr guter Absatzzahlen erhöhten Personalbedarfs. „Wir werden in Deutschland in diesem Jahr 5000 Personen fest einstellen.“ Dadurch sei es möglich, sehr viele Leiharbeiter einzustellen. Hinter den Kulissen sollen die Arbeitnehmervertreter zuletzt den Druck erhöht haben: Wie es aus Betriebsratskreisen heißt, sollen etwa im Dingolfinger Werk in diesem Jahr 700 bis 800 Leiharbeiter übernommen werden. 2014 hätten die Personalplaner für dieses Jahr noch lediglich 350 Übernahmen prognostiziert gehabt.

BMW-Sprecher Frey betont: „Auch in diesem Jahr werden wir erneut eine große Anzahl an Mitarbeitern fest einstellen und darunter wird auch wieder ein wesentlicher Anteil an bisherigen Zeitarbeitskräften sein.“ Dabei würden als erstes Zeitarbeitskräfte zum Zuge kommen, die schon länger beim Autobauer seien und dadurch über Erfahrung verfügten. Betriebsräte bestätigten, dass eine Voraussetzung für Übernahmen gewesen sei, dass die Betroffenen bereits mindestens ein Jahr an BMW ausgeliehen waren.

Die mit dem Betriebsrat vereinbarten Flexibilitätsmaßnahmen sollen BMW zufolge „sowohl Auftragsspitzen, als auch Auftragsrückgänge, beispielsweise bei weltwirtschaftlichen oder politischen Veränderungen, ausgleichen können, möglichst ohne dass es dabei zu Entlassungen von Kernpersonal kommen muss“.

Belegschaftsvertreter fürchten, BMW könnte Zeitarbeiter mitunter auch durch schlechter bezahlte Werkvertragsmitarbeiter ersetzen. Bereits heute arbeiten tausende von ihnen für den Autokonzern – allein in Dingolfing sollen es Schätzungen von örtlichen Arbeitnehmervertretern zufolge bereits etwa 3000 sein.

Langzeit-Leiharbeit ist einer Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) zufolge in Deutschland eher selten. Demnach war 2010 nur jeder siebte Leiharbeiter länger als eineinhalb Jahre an ein und dasselbe Unternehmen ausgeliehen gewesen. Die Bundesregierung plant, die Überlassung von Leiharbeitern auf 18 Monate zu befristen. Einzelne Konzerne wie die Telekom haben sich diese Frist heute schon gesetzt. BMW-Sprecher Frey sagt: „Wenn sich die gesetzlichen Rahmenbedingungen ändern, dann werden wir diese entsprechend berücksichtigen.“ Deniz A. hofft spätestens dann auf eine Übernahme: „Dann hat sich das Schuften gelohnt.“ *Namen geändert

Tobias Lill

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