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Unabhängige Finanzberaterin Stefanie Kühn.

Unabhängige Finanzberaterin gibt Tipps

Interview zum Brexit: Anleger sollten jetzt Ruhe bewahren

München - Es ist nur logisch, dass Anleger nach dem Brexit verunsichert sind. Wir fragen die unabhängige Finanzberaterin Stefanie Kühn im Interview, wie sich Kleinanleger jetzt verhalten sollten.

Damit hatte zuletzt kaum noch ein Anleger gerechnet: Ein Votum der Briten für den Ausstieg aus der EU. Entsprechend gewaltig waren die Verwerfungen an den internationalen Börsen. Aktienkurse brachen weltweit ein, ansonsten behäbige Dax-Werte standen teilweise zweistellig im Minus. Der Deutsche Aktienindex verlor in der Spitze zehn Prozent an Wert, stabilisierte sich bis Handelsschluss aber wieder auf 9557,16 Punkte – minus 6,82 Prozent. Besonders heftig erwischte es die Banken, die zeitweise über 15 Prozent im Minus standen.

Der morgendliche Crash hat Händlern zufolge zu einem weltweiten Verlust an Marktkapitalisierung von 4,5 Billionen Euro geführt. Das entspricht etwa der doppelten Wirtschaftsleistung Großbritanniens.

Wir besprachen mit der unabhängigen Finanzberaterin Stefanie Kühn, wie sich Kleinanleger jetzt verhalten sollten.

Heute ist ein schwarzer Tag für Anleger. Die Börsen hatten auf ein anderes Votum der Briten gesetzt. Wie dramatisch ist die Lage?

Stefanie Kühn: Es ist eine neue Lage. Der Markt hatte vorletzte Woche sehr negativ reagiert, es sah so aus, als ob ein Brexit vorweggenommen würde. Aber dann ging es in den letzten Tagen an der Börse wieder klar nach oben. Und der Markt wurde auf dem falschen Fuß erwischt.

Was hat das für Folgen?

Stefanie Kühn: Die Briten müssen sich jetzt neu sortieren. Neu wählen. Herr Cameron hat ja seinen Rücktritt erklärt. Das sorgt für Turbulenzen. Die große Angst ist, dass dieser Brexit ein schlechtes Vorbild in Europa geben wird. Dass also andere Länder auf den gleichen Gedanken kommen werden, und sich so Vorteile versprechen. Da besteht die Gefahr eines Flächenbrandes und dadurch wäre Europa in Gefahr. Die andere Sorge gilt unmittelbar der Wirtschaft, der Großbritanniens – aber auch der Wirtschaft anderer Länder, die viel Handel mit Großbritannien treiben, also auch die unsere. Es könnte zu Investitionszurückhaltung kommen, Zölle könnten zurückkehren. Es muss ein neues Freihandelsabkommen geschlossen werden. Das alles wird dauern. Die Briten treten ja nicht morgen, sondern in einem Zeitraum von zwei Jahren aus. Und diese Unsicherheit bewertet die Börse negativ.

Das bedeutet zwei Jahre Auf und Ab an den Finanzmärkten?

Stefanie Kühn: Es gibt die alte Weisheit: „Politische Börsen haben kurze Bein.“ Das hat sich in der Vergangenheit oft bewahrheitet. Die Börsen haben bei chaotischen politischen Zuständen zwar immer heftig reagiert, sich aber auch schnell wieder beruhigt.

Sie glauben, dass es auch diesmal so kommt?

Stefanie Kühn: Das hängt davon ab, wie die EU reagiert. Ob sie politisch hart bleibt, und Großbritannien nicht zu viele Vorteile einräumt. So dass andere Länder nicht auf die Idee kommen, so ein Schritt könnte sich lohnen. Also sich die Vorteile von Europa zu sichern, ohne zahlen zu müssen.

Wacklig wird das Börsenumfeld aber bleiben?

Stefanie Kühn: Der Blick wird sich relativ schnell wieder auf die Wirtschaftsdaten richten. Die meisten Unternehmen sind so oder so erfolgreich und daran sollte sich bald auch wieder ihr Aktienkurs bemessen. Das wird relativ schnell wieder einsetzen. Aber es können durch neue Ergebnisse von Verhandlungen zwischen den Briten und der Europäischen Union immer wieder neue Schockmomente auftauchen. Aber ob das nun allein bestimmend sein wird für die Börsen? Ich würde das nicht überbewerten.

Was heißt das für den Kleinanleger?

Stefanie Kühn: In diesen Tagen muss man einfach Ruhe bewahren. In Panik zu handeln, ist nie ein guter Rat.

In den vergangenen Wochen war eine Flucht in sichere Häfen wie Gold oder Bundesanleihen zu beobachten. Ist das jetzt eine gute Strategie?

Stefanie Kühn: Der private Anleger sollte eigentlich das tun, was er immer machen sollte. Nämlich ein ausgewogenes, gut gestreutes Portfolio über alle Anlageklassen haben. Wenn er das hat, muss er sich jetzt gar nicht so aufregen. Dann hat er seine Festverzinslichen, dann hat er seinen Anteil Gold.

Also kein Handlungsbedarf?

Stefanie Kühn: Natürlich kann man sein Depot auf britische Werte durchforsten oder auf Unternehmen, die ihren Schwerpunkt in Großbritannien haben. Das könnte man gegebenenfalls in den nächsten Wochen ein bisschen zurechtstutzen. Aber wer ohnehin ein gut gestreutes Depot hat, braucht nicht in Aktionismus zu verfallen. Auch wenn man jetzt Geld neu anlegen will: Ein Anteil von festverzinslichen Papieren war und ist immer gut.

Ganz besonders heruntergeprügelt wurden die Bankenwerte. Wenn man zum Beispiel einen Fonds hat, der stark auf die Bankenbranche ausgerichtet ist, sollte man darüber nachdenken?

Stefanie Kühn: Solche Überlegungen kann man sicher in den nächsten Wochen anstellen. Aber dafür muss man erstmal alles sauber sortieren und abwägen. Und schauen, wo wird es denn vermutlich welche Auswirkungen geben? Wichtig ist auch hier: in Ruhe überlegen.

Es hat ja auch keinen Sinn, an einem Tag, an dem die Kurse abstürzen, zu verkaufen, oder?

Stefanie Kühn: Genau. Gerade das sollte man nicht tun: An panischen Tagen sein Depot auf den Kopf stellen. Was die prozentualen Verluste angeht, war der Börsentag natürlich dramatisch. Aber dieser Tag ist ja nun mal schon da. Daran kann man jetzt sowieso nichts mehr ändern.

Was passiert in den nächsten Tagen?

Stefanie Kühn: Sicher wird jetzt über das Wochenende bei den Großanlegern und Fondsmanagern viel diskutiert. Die nächste Woche wird unruhig werden. Meine Sorge ist auch, dass heute viele Stopp-Loss-Limits gerissen worden sind. Dass also bei Unterschreiten eines bestimmten Kurses Aktien automatisch verkauft wurden. Das kann eine Abwärtsspirale natürlich verstärken.

Sehen Sie denn schon wieder Kaufkurse?

Stefanie Kühn: Kaufen würde ich mich jetzt noch nicht trauen. Ich habe mir das heute früh natürlich schon überlegt. Es war mir aber zu gefährlich. Wenn jetzt noch mehrere große Häuser beschließen, ihre Positionen zu verringern – weil sie ja auch ihren Kunden gegenüber Versprechen einhalten müssen – dann kann es durchaus nochmal einen Rutsch nach unten geben.

Also: Erstmal abwarten und schauen, wie sich die großen Akteure an der Börse in den nächsten Tagen sortieren, bevor man selbst überlegt, wie man sich gegebenenfalls auf die geänderten Umstände einstellt?

Stefanie Kühn: Richtig. Noch ein Rat: Wenn man bisher zum Beispiel kein Gold hatte, weil man gedacht hat, „brauche ich nicht“, dann sollte man die Gelegenheit nutzen, sich welches ins Depot zu tun. Nicht als Reaktion auf die aktuelle Situation, sondern man sollte die aktuelle Situation als Anlass nehmen, über so ein langfristiges Investment nachzudenken. Ein gewisser Anteil Gold gehört meines Erachtens in jedes Portfolio.

Fürchten Sie, dass die ohnehin aktienscheuen deutschen Anleger den Crash als weiteren Beleg dafür werten, dass Aktien Teufelszeug sind?

Stefanie Kühn: Die Gefahr besteht. Aber auf der anderen Seite: Zehnjährige Bundesanleihen haben mittlerweile eine negative Rendite. Irgendwo muss man ja hin mit seinem Geld. Das gilt für die kleinen Anleger und die großen Investoren. Daran hat sich nichts geändert. Es ist einfach so: Aktien erfordern eine gewisse Nervenstärke.

Interview: Corinna Maier

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