Interview zum Referendum

Brexit: „Das Wetter kann den Ausschlag geben“

München – Das EU-Referendum in Großbritannien sorgt für Nervosität an den Märkten. Wir sprachen mit BayernLB-Volkswirt Manuel Andersch über mögliche Marktreaktionen im Falle eines Brexits.

Bleibt Großbritannien Teil der EU oder verlassen die Briten die Union?

Wir gehen davon aus, dass sie bleiben. Auch wenn es ein sehr knappes Ergebnis geben wird.

Woher wissen Sie das?

Zwei Punkte sind ausschlaggebend: Die Wahlbeteiligung wird voraussichtlich hoch sein, das sieht man an der hohen Zahl der Wahlregistrierungen. Und eine hohe Wahlbeteiligung spricht eher für einen Verbleib in der EU.

Und der zweite Grund?

Die Menschen haben eine Vorliebe für den Status quo. Man entscheidet sich generell lieber für das geringere Risiko. Das war in Großbritannien zuletzt nicht sicher, da das Thema Einwanderung die Brexit-Debatte dominierte. Das wirtschaftliche Risiko eines Brexits spielte kaum eine Rolle. Jetzt sehen wir in den Umfragen, dass die Tendenz für den Status quo doch recht hoch ist.

Die Wahrheit ist aber auch, dass bei den letzten beiden Abstimmungen in Großbritannien die Meinungsforscher versagt haben. Bei der Schottland-Abstimmung 2014 gingen selbst renommierte Institute von einer Abspaltung aus, und bei der Parlamentswahl 2015 lagen die Meinungsforscher völlig daneben. Selbst bei den Wettanbietern konnte man das Ergebnis besser ablesen als bei den Wahlforschern. Können Sie Wahlumfragen überhaupt noch trauen?

Beim Schottland-Referendum trifft das sicherlich zu, hier schnitten die Wettanbieter besser ab – nicht aber bei der Parlamentswahl. Fakt ist, es wird knapp werden. Selbst vermeintlich banale Faktoren wie das Wetter spielen eine Rolle.

Mit welchen Folgen?

Manche Marktteilnehmer haben sich schon Anfang der Woche die Wettervorhersage ziemlich genau angeschaut, um so das Wahlergebnis besser voraussagen zu können. Bei Regen geht der eine oder andere vermutlich nicht ins Wahllokal, sondern direkt in den Pub. Bei sehr schönem Wetter wird die Wahlbeteiligung ebenfalls gering sein – davon würden die Brexit-Befürworter profitieren. Für eine hohe Wahlbeteiligung und damit für einen Verbleib in der EU wäre ein moderat-warmes, trockenes Wetter am besten. Das klingt trivial, kann aber bei einer solch knappen Wahl ausschlaggebend sein – und für heute ist in Großbritannien durchwachsenes Wetter angekündigt.

Die Prognosegenauigkeit von Umfragen lässt sich doch trotzdem in Zweifel ziehen: Wenn beispielsweise vor Parlamentswahlen Menschen befragt werden, liegen historische Vergleichszahlen vor. Damit können die Statistiker Unschärfen herausrechnen. Vor dem Referendum gibt es solche Vergleichswerte nicht.

Das ist richtig und gilt nicht nur für die Umfragen vor den Wahlen, sondern auch für die Nachwahlbefragungen am Stichtag. Aus diesem Grund werden Hochrechnungen am Tag der Wahl von den großen Fernsehsendern wie der BBC auch nicht durchgeführt. Und die Umfragen vor den Wahlen können auch deshalb verzerrt sein, da viele Menschen sich in Telefonumfragen nicht trauen, ihre tatsächliche Meinung preiszugeben – aus Angst, es könnte sozial nicht erwünscht sein. Bei den letzten Parlamentswahlen in Großbritannien ließ sich das beobachten.

Bleiben wir einmal bei den Nachwahlbefragungen am Stichtag: Auch wenn sich die Fernsehsender diesmal raushalten – milliardenschwere Hedgefonds würden trotzdem gerne vor der offiziellen Verkündung wissen, ob die Briten in der EU bleiben. Offenbar wollen die Hedgefonds am Wahltag selbst Befragungen durchführen lassen, um entsprechende Wetten am Markt zu platzieren. Werden sie mehr wissen als wir?

Das wird sehr interessant sein zu beobachten. Ich vermute, das sind nicht nur größere Hedgefonds. Auch Banken haben wahrscheinlich Geld in die Hand genommen, um eigene Umfragen durchzuführen. Mehr als eine halbe Million Euro wird eine Umfrage nicht kosten – und das könnte ein lukratives Investment sein. Ein Problem bleibt aber: Kann eine Bank oder ein Hedgefonds dem Ergebnis der eigenen Umfrage trauen? Den Banken fehlen ja genauso historische Vergleichsdaten. Im schlimmsten Fall werden die Banken sogar in die Irre geführt und treffen falsche Entscheidungen. Es ist nicht ausgeschlossen, dass schon am Wahltag selbst – ausgelöst von bestimmten Hedgefonds – entsprechende Marktbewegungen zu beobachten sind. Man wird aber nicht genau wissen, wer da am Werk ist und warum.

Wird man in der Wahlnacht bereits wissen, wie die Briten abgestimmt haben?

Die Wahllokale haben heute nach unserer Zeit bis 23 Uhr geöffnet. Um diese Uhrzeit veröffentlicht das Forschungsinstitut YouGov noch einmal eine Umfrage. Diese Umfrage darf man aber keinesfalls mit einer Hochrechnung verwechseln. Es handelt sich um eine Befragung am Wahltag – mit allen Unschärfen. Die tatsächliche Auszählung der Stimmen erfolgt dann über Nacht.

Wann ist mit offiziellen Ergebnissen zu rechnen?

Aus einigen Stimmbezirken ist bereits ab 2 Uhr mit Ergebnissen zu rechnen. Dann steht die Frage im Raum, ob in den Bezirken die Erwartungen erfüllt wurden. Wenn beispielsweise die City of London für einen Brexit stimmen würde – wovon derzeit niemand ausgeht – würden sich die Erwartungen plötzlich umkehren. Um 5 Uhr können Frühaufsteher einen ersten Trend erkennen, dann sind drei Viertel der Wahlbezirke ausgezählt. Für Marktteilnehmer ist es aber wohl am besten abzuwarten, bis das vorläufige Endergebnis vorliegt. Voraussichtlich gegen 7 Uhr dürfte das der Fall sein.

Werden Marktreaktionen eher am Devisen- oder am Aktienmarkt zu sehen sein?

Ich würde mir den Devisenmarkt anschauen – hier wird auch durchgehandelt. Die Aktien- und Anleihenmärkte reagieren nur darauf.

Ist nach den jüngsten Umfragen, die von einem Verbleib der Briten in der EU ausgehen, ein Brexit-Szenario überhaupt noch im Pfund-Kurs abzulesen?

Die Frage ist schwierig zu beantworten. Momentan ist die Brexit-Wahrscheinlichkeit im Pfund-Kurs tatsächlich kaum noch eingepreist. Gleiches gilt für die Aktien- und Anleihekursen.

Käme es am Donnerstag aber dann doch zum überraschenden Brexit: Wie tief würde das Pfund fallen?

Zum Euro dürfte das Pfund zehn bis 15 Prozent abwerten. Zum Dollar dürften es sogar bis zu 20 Prozent sein. Die Abwertung zum Dollar ist deshalb stärker, da der Euro durch einen Brexit ebenfalls geschwächt wäre. Denn dann wäre das Szenario eines Dominoeffektes wahrscheinlicher geworden. Dieses Szenario besagt, dass andere EU-Staaten – und damit auch Länder der Eurozone – nach einem Brexit ebenfalls aus der EU austreten könnten.

Wie würde sich ein Brexit auf die britische Wirtschaft auswirken?

Großbritannien stünde vor einer Rezession. Eigentlich gehen wir in diesem Jahr von einem Plus von 1,6 Prozent aus, das würden wir im Falle des Brexits auf Null revidieren. 2017 würde das Bruttoinlandsprodukt auf der Insel um zwei Prozent schrumpfen – statt zwei Prozent zu wachsen.

Aber vergessen wir nicht: Europa hat auch die Finanzkrise und die Staatsschuldenkrise mehr oder weniger überlebt, auch wenn der Preis dafür hoch war – und nach wie vor hoch ist.

Es gibt bei der Abstimmung heute aber einen Unterschied: Dieses Mal könnte die EU insgesamt in Frage gestellt werden – und damit auch der Euroraum. Gibt es in absehbarer Zeit überhaupt noch eine EZB, die geldpolitische Maßnahmen aktivieren kann, wie beispielsweise den unbegrenzten Ankauf von Staatsanleihen? Das Fundament der EZB könnte als instabil angesehen werden. Jetzt stellt sich womöglich die Frage: Hat die EZB in Zukunft noch die selbe Feuerkraft, wenn sie kein Mandat mehr hat? Wenn solche Szenarien an den Märkten gespielt werden, haben wir alle ein großes Problem.

Interview: Sebastian Hölzle

Rubriklistenbild: © dpa

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